Coronaclowns in einer Welt ohne Echo

Blind in einer schalltoten Kammer: Nichts sehen, nichts hören, nichts wissen.

Über “Die schalltote Kammer”, in die sich die Gesellschaft langsam und schleichend, mit Beginn der Corona-Krise aber dann in einem unverhofften schnellen Rutsch verwandelt hat, sinniert und der Publizist liefert in dem langen Text an Gesellschaftsanalyse, was in früheren Zeiten vielleicht bei der “Zeit”, im “Spiegel” oder in der FAZ gestanden hätte. Ausgehend von der Grundfrage der aktuellen Krisenphase – “Bist du für die Regierung oder ein Aluhut?” beschreibt Wendt die “Debattensurrogate”, die das öffentliche Gespräch in Zeiten bestimmen, in denen echter Streit vermieden werden muss, um die Einheit der Nation in der Stunde der Not nicht zu gefährden. Als Glücksfall erscheinen ihm dabei tragische Figuren wie der Koch Attila Hildmann oder der Schlagersänger Xavier Naidoo. Sie böten die Gelegenheit, aufkommende Kritik nicht inhaltlich zu widerlegen, sondern auf der persönlichen Ebene.

Die Coronaclowns

Wenn der schärfte Widerspruch gegen die zeitweise Suspendierung unveräußerlicher Grundrechte von Menschen kommen, die sich ohne große Mühe als Witzfiguren darstellen lassen, dann ist jeder, der an der Seite der Kritiker, selbst eine Witzfigur.  Und die, die es nicht sind, wie Stephan Kohn, der mittlerweile beurlaubte Beamte des Bundesinnenministeriums, der ein umfängliches Papier zu den Folgen und den Versäumnissen während der “Corona-Zeiten” (MDR) geschrieben hatte, verwandeln sich von eben noch treu dienenden Bürokraten in eine Variante von Dr. Seltsam: Eigensinnige Querköpfe, die krude Thesen vertreten. Ohne auf die gesellschaftlichen Folgen ihres womöglich sogar gutgemeinten Tuns zu achten.

Sie gilt es stillzulegen, denn wenn auch das Herunterfahren der Wirtschaft wegen Covid-19 vielleicht mehr Schaden angerichtet hat als weniger invasive Eingriffe zu einem früheren Zeitpunkt, so drohten durch kleinliche Diskussionen um mögliche Versäumnisse, verspätete Reaktionen und eine ungenügende Vorbereitung auf eine mögliche Pandemie doch noch größere Schäden. Zweifel an der starken und richtigen Leitung durch die Regierung, Zweifel an der Angemessenheit des Shutdown und am Stilllegen der Wirtschaft – sie sind dann unverhältnismäßig, wenn durch sie weitere Beschädigungen drohen, etwa, weil die Glaubwürdigkeit des Regierungshandelns beschädigt wird.

Ende gut, alles gut

Reicht es bei den schrägen Vögeln auf den Corona-Demos, ihre Gesichter zu zeigen und Auszüge aus ihren Reden zu präsentieren, durfte im Fall der Oberregierungsrates und seines Corona-Papiers genau das nicht passieren. Keine inhaltliche Diskussion ging der Entscheidung voraus, dem Beamte eine Tätigkeits- und Hausverbot zu erteilen. Es darf keine Frage sein, ob wirklich alles richtig war, es geht auch nicht darum, was hätte anders gemacht werden können. Ende gut, alles gut. Es braucht nun keine rückwärtsgewandte Fehlerdiskussion mehr, wo doch nun die Frage steht, wohin mit dem ganzen Geld, das nun einen “Wiederaufbau” anschieben soll. Obwohl faktisch nichts kaputtgegangen ist.

Corona war kein Krieg, das hatten deutsche Politiker immer wieder betont, nachdem Donald Trump und Emmanuel Macron als Kriegsherren in die Schlacht gegen das Virus gezogen waren. Corona war gesundheitspolitisch gesehen ein Unfall, in Deutschland kleiner, in Belgien größer, in Spanien schrecklich, in den USA als noch viel schrecklicher beschrieben. Was aber nützte es nun noch, herauszufinden, dass eine frühere Verhängung einer Maskenpflicht vielleicht mehr Menschenleben bewahrt hätte als der später verhängte Shutdown. Ohne dass sie die wirtschaftliche Basis in derselben Weise angegriffen hätte?

Nichts. Wendts Text nennt Beispiele von Wissenschaftlern, die genau diese Argumente bringen, er beschreibt aber zugleich auch, welche Mechanismen verhindern, dass ein ernsthaftes Gespräch über solche diffizilen Fragen der Verantwortlichkeit für Millionen Arbeitslose geführt wird. Waren am Anfang groteske Fehleinschätzungen in der Bundesregierung und beim beratenden Robert-Koch-Institut die Ursache dafür, dass lange Zeit nichts getan wurde, so darf gehofft werden, dass dieses Systemversagen durch die Ereignisse der Krisenwochen selbst gnädig überdeckt wird. Schließlich hat das später, aber umso entschiedene Handeln ja immer noch das Allerschlimmste verhütet und Bilder wie aus Bergamo verhindert.

Falsche Medizin?

Doch würde sich diese, von einer großen Mehrheit der Deutschen als richtig und angemessen eingeschätzte Reaktion als weitere falsche Medizin herausstellen, kämen Aussagen des Gesundheitsministers, Corona sei „milder als eine Grippe“ und der Kanzlerin, dass Masken nicht benötigt würden, mit Sicherheit erneut aufs Tapet. Daher die Argumentation des Innenministeriums, dass schließlich „viele Länder ähnliche Maßnahmen“ zur Bekämpfung der Pandemie ergriffen hätten wie Deutschland. Dann muss das richtig gewesen sein. Länder, die anders handelten wie etwa Südkorea und Taiwan kommen dann einfach nicht mehr vor in der Argumentation.

“Sie führten schon Hygiene- und Quarantänemaßnahmen ein, als in Deutschland noch Großveranstaltungen stattfanden, verfügten aber nie einen Shutdown der Wirtschaft”, beschreibt Wendt eine gefährliche Flanke der Corona-Argumentation, die im Moment dabei ist, geschichtliche Wahrheit zu werden. 83 Millionen Bürger, 180.00 Infizierte, 8.300 Tote? Deutschland ist, zumindest nach Darstellung von Politik und Medien, sehr gut durch die Krise gekommen. Südkorea mit seinen 51 Millionen Einwohnern verzeichnet zählt allerdings nur 263 Tote. “Wirksam war und ist die wochenlange Stilllegung der Dienstleistungswirtschaft in Deutschland zweifellos”, führt Wendt an, “wie sich an 10 Millionen Kurzarbeitern und einem Steuerausfall von mindestens 100 Milliarden Euro ablesen lässt.”

Wehret den Anfängen

Wehret den Anfängen heißt es da. Aburteilung tarnt sich als Information, es geht nun um  „Verschwörungstheorien“, um Homöopathen und Impfgegner, rechte Trolle und verängstigte selbständige wirken plötzlich wie echte und kreuzgefährliche Staatsfeinde. Die “Tagesschau” seziert Wendt als beispielhaft für diese Methode: Ein Demonstrant wird eingeblendet: „Ich hol‘ mir meine Informationen aus dem Internet. Das deckt sich nicht mit dem, was ich jeden Tag im Fernsehen und Presse serviert kriege.“ Dann der Sprecher aus dem Off: „Ein Blick ins Internet zeigt, wo der Hass herkommt. Verschwörungstheoretiker hetzen derzeit vor allem gegen Bill Gates, der sich weltweit für Impfungen einsetzt und angeblich auch die Regierung und Medien manipuliere.“

Dazu habe die Sendung den Chef der Identitären Bewegung Österreichs Martin Sellner beim Reden im Grünen gezeigt, ohne Nennung des Names, eine alte Aufzeichnung, die mit den aktuellen Coronademonstrationen in Deutschland nichts zu tun hat. Egal. Das Ziel bestimmt den Weg und hier geht es darum, etwas herzustellen, was Alexander Wendt eine “schalltote Kammer” nennt: Dem Gericht der Öffentlichkeit wird nicht mehr These und Gegenthese präsentiert, es werden nicht Meinungsstreitende auf Augenhöhe gegeneinandergestellt, auf dass der Zuschauer sich seine Meinung bilde.

Stattdessen gilt eine Wahrheit als absolut. Die andere aber als irrige Abweichung, vergleichbar allenfalls mit der Behauptung, die Erde drehe sich um die Sonne die Erde sei eine Scheibe.
Bevor es losgeht, ist damit immer schon alles entscheiden. Es braucht keine Argumentation in der Sache, “noch nicht einmal die halbwegs korrekte Wiedergabe” (Wendt) abweichender oder widersprechender Positionen.

Das Muster einer Spieluhr

“Nach diesem Muster einer Spieluhr, die nur ein einziges Stück in petto hat, laufen gesellschaftliche Großdebatten in Deutschland nicht erst seit Corona ab.” Aber seit Corona können sie es gar nicht mehr anders: Obwohl Politiker immer wieder betonen, dass natürlich ein „Dialog“ geführt werden müsse, ist die Vorstellung, wie dieser Dialog ablaufen sollte, vorab unverrückbar festgelegt: Es wäre “eine Art Verkaufsgespräch, das auch noch sehr einseitig geführt wird. Bürger dürfen nach dieser Vorstellung gern „Fragen stellen“ und von ihren Sorgen sprechen, sollen dann aber die Antworten von Regierungspolitikern und ihren alliierten Medien möglichst bis in einzelne Wortprägungen hinein übernehmen” (Alexander Wendt).

Das Ende vom Lied: “Tun sie das nicht, sagt sich die wohlmeinende Seite, die Antwort müsse eben noch einmal besser erklärt werden. Fruchtet auch das nicht, folgt der nächste und letzte Schritt, nämlich die Feststellung, ein Gespräch mit diesen Antwortübernahmeverweigerern sei eben sinnlos, sie seien unbelehrbar. Ja, Sprechen sei dann nicht nur sinnlos, sondern sogar gefährlich, da es nur die falschen Ansichten legitimieren würde.”

Der Rest des Textes: hier

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