Schlecky Silbersteins Gratismut

Junge Freiheit

Bisher war Christian Brandes, der sich den Künstlernamen „Schlecky Silberstein“ zugelegt hat, bloß ein namenloser Medienschaffender. Seitdem er im Auftrag des Südwestdeutschen Rundfunks ein vorgeblich satirisches Video über „Chemnitz“ produziert hat und durch eine suboptimale AfD-Aktion als Verursacher namhaft gemacht worden ist, wird er zum Märtyrer des bundesdeutschen Humors und der Kunstfreiheit ausgerufen.

Das Video dauert anderthalb Minuten und zeigt ein Volksfest in Sachsen. Deutsche Spießer und echte Nazis – beide gehen nahtlos ineinander über – belustigen sich bei einer karnevalesken Polonäse. Die Nachricht vom Messermord an einem Deutschen steigert die Feststimmung.

Die Bluttat ist das freudige Ereignis, auf das die Gewehr bei Fuß stehenden – das heißt, mit Plakaten und Deutschlandfahnen bewaffneten – alten weißen Pegida-Männer nur gewartet haben: „Es geht wieder los!“, tönt es in breitem Sächsisch. Auf, Kameraden, zum Fronteinsatz! Zwei sächsische Polizisten – der eine mit Glatze, der andere mit schwarz-rot-goldenem Pegida-Hütchen – schauen wohlgefällig zu.

Alibi-Kritik an „Wir sind mehr“

Eine Fernsehjournalistin, die über Rechtsextremismus, Gewalt gegen Journalisten und sächsische Zustände doziert, wird unter dem Kampfruf „Lüüüge!“ aus dem Bild gejagt, womöglich geprügelt. An einem AfD-Stand sind Neonazis als Neumitglieder herzlich willkommen, während ein Mob einen Schwarzen vor sich hertreibt. Auch die Bild-Zeitung bekommt ihr Fett weg. Ihr Reporter fragt scheinheilig, woher der Haß bloß komme, um im nächsten Moment über Asylbetrüger und Sozialschmarotzer herzuziehen.

Zwei Szenen wirken scheinbar gegenläufig. In der einen bietet ein Skinhead Hitlergrüße zum Verkauf an, das heißt, er hebt gegen Bezahlung den Arm und läßt sich fotografieren. Das könnte als Medienkritik durchgehen, die aber durch die Suggestion überlagert und neutralisiert wird, daß Nazis auf sächsischen Volksfesten zum selbstverständlichen Inventar gehören.

In einer anderen Szene werben zwei aufgedrehte, in rote T-Shirts gewandete Mädchen für das Konzert „Wir sind mehr“. Auf der roten Werbefläche sind unter anderem Coca Cola und Netflix als Sponsoren vermerkt. Die Kritik an der Vermarktung eines Mordes für ein politisch korrektes Massenevent hat eine reine Alibifunktion, weil sie auf halbem Wege stehenbleibt bleibt. Denn die Parteien, Organisationen und öffentlich-rechtlichen Medien, die für diesen perfiden Aufmarsch der Anständigen getrommelt haben, bleiben im Dunkeln. Andernfalls hätte Christian alias Schlecky nämlich seine Geldgeber verärgert.

Vermeintliche Satire als Teil der staatlichen Propaganda

Was um alles in der Welt soll an diesem Video satirisch sein? Wirkliche Satire spitzt die Realität derart zu, daß sie kenntlich wird. Sie wirkt subversiv, weil sie verdunkelte Machtstrukturen erhellt und im Namen der Machtlosen anzweifelt. In den Worten des polnischen Schriftstellers Adolf Nowaczynski: „Ein Satiriker ist ein Irrer, der dem Elefanten Mausefallen stellt.“

Nichts davon kann Brandes-Silberstein für sich in Anspruch nehmen. Ein Satiriker hätte das Zerrbild, das Politik und Medien über Sachsen und die Proteste gegen Merkel verbreiten, zerlegt und die Machtstrukturen und -interessen enthüllt, die hinter der Propaganda stehen. Brandes-Silberstein setzt das Zerrbild ganz unironisch als Realität voraus.

Indem er es übertreibt und zuspitzt, bestätigt er es noch einmal und unterstützt so die staatliche Propaganda und wird ein Teil von ihr. Statt dem Elefanten Mausefallen zu stellen, hat er sich von der öffentlich-rechtlichen Medienmacht einen Holzhammer in die Hand drücken lassen, um die Leute, die gegen den Elefanten aufzumucken wagen, zum Schweigen zu bringen. Er ist kein Irrer, sondern berechnend.

Billige Ersatzbefriedigung

Aber was, bitteschön, kann ein abhängig beschäftigter Humorist heute denn tun? Würde er sich satirisch über Islamisten und Terroristen äußern, drohte ihm das Schicksal des gemeuchelten Theo von Gogh. Also sucht er sich eine Ersatzbefriedigung und nimmt Islam-Kritiker aufs Korn. Würde er sich über Merkel belustigen, gäbe es keine Staatsknete mehr. Ergo mokiert er sich darüber, daß AfD-Politikern die Häuserwände beschmiert und sie mit allerlei Drohungen und körperlichen Übergriffen bedacht werden.

In vergleichbar trostloser Lage verließen Satiriker und Humoristen die DDR gen Westen. Doch den freien Westen gibt es ja auch nicht mehr. Die Situation ist alternativlos. Also darf man getrost ein bißchen Mitleid haben mit Figuren wie Brandes-Silberstein, die sich für ihren Gratismut öffentlich-rechtlich aushalten lassen.

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