Die falsche Hoffnung

Ein Artikel von Marcus Franz

Gerne wird von Politikern, Autoren und Journalisten behauptet, eine der wesentlichen Stärken Europas läge im Liberalismus und im Pluralismus. Selten wird aber dazu gesagt, dass der europäische
Liberalismus nur eine verkappte Form von gesellschaftlicher und politischer Beliebigkeit ist, in deren Rahmen jeder alles fordern kann, was ihm gerade so einfällt. Und jede(r) will für diese
Forderungen Respekt und Raum haben, denn zumindest die Äußerung von Forderungen aller Art, wenn nicht sogar die bedingungslose Erfüllung derselben, wird heute schon als Grundrecht betrachtet.

 

Ein europäisches Muster

Auch die individuellen Lebensentwürfe und die allgemeinen soziologischen Entwicklungen diverser Gruppen und Interessensvertretungen folgen mehrheitlich diesem Muster – nur die osteuropäischen
Staaten sind hier noch anders gestimmt. Die Freiheiten und die Rechte, die der Liberalismus bietet, werden von den westlichen Gesellschaften hemmungslos in Anspruch genommen, aber die
Verantwortlichkeiten, welche stets die andere Seite der liberalen Medaille bilden, möchte man gerne dem Staat, der Gesellschaft oder halt irgend jemandem anderen aufbürden und überlassen.

 

Der zur Beliebigkeit verkommene Liberalismus bietet aber trotz oder gerade wegen dieser seiner degenerativen Entwicklung den europäischen Gesellschaften ein sonderbares Hoffnungspotenzial: Man
meint in den medial gut vernetzten und sich selbst für modern und liberal haltenden sogenannten Eliten, dass die kulturellen Probleme, die durch die Massenmigration auf unserem Kontinent
entstanden sind, in der liberalen Atmosphäre Europas bald verschwinden würden. Anders gesagt: Man hält den grassierenden Pseudo-Liberalismus, der ohne klare Bekenntnisse auskommen will und der
sich vor allem durch schöne Phrasen definiert, für so wirkmächtig, dass er am Ende die einzig richtige und allumfassende Weltanschauung darstellen wird. Das ist natürlich ein fataler Irrtum.

 

Andere Denkmuster

Wir wissen, dass ein Großteil der Immigranten dem traditionellen Islam zuzurechnen ist und wir wissen, dass diese Religion ein von den europäischen Denkmustern grundsätzlich verschiedenes
Wertesystem vertritt.  Wir wissen daher auch, dass der Islam in letzter Konsequenz mit den europäischen Kulturen nicht kompatibel sein kann und es ist klar, dass genau aus diesem Grund die
Segregation der Gesellschaft überall wuchs und weiter fortschreitet. Und doch wird seitens der zahlreichen migrationsfreundlichen Lobbys die Hoffnung ventiliert, dass der muslimische Glauben auf
europäischem Boden eine liberale Entwicklung durchmachen und dass es dadurch eines nicht mehr fernen Tages zu einer Art von islamischer Aufklärung kommen wird.

 

Vergebliche Hoffnung

Diese Hoffnung hat aber keinerlei rationalen Hintergrund. Warum sollte gerade aus den überall in Europa existierenden muslimischen Parallelgesellschaften ein “liberaler Islam” entstehen? Eine
solche Annahme ist entweder naiv, verfolgt einen sinistren anderen Zweck oder ist einfach dumm. Es ist in den 56 islamischen Ländern dieser Welt bisher nicht gelungen, eine neue, aufgeklärte Form
des Islam zu entwickeln und es gibt auch nirgends Tendenzen in diese Richtung – im Gegenteil, wir beobachten in etlichen Regionen sogar eine Art von konservativem Backlash. Wieso also sollte in
Europa eine Transformation des orientalischen Glaubens stattfinden und warum sollte sie seitens der Muslime überhaupt gewünscht sein, wo doch gerade im eh so liberalen Europa die Umsetzung der je
eigenen Vorstellungen zu den Grundrechten gehört und dementsprechend laut gefordert und allermeist auch gestattet wird?

 

Wir haben längst genügend Beweise, dass diese herbeigesehnte Aufklärung nicht funktioniert respektive nicht passieren wird. Man denke nur an die aufsehenerregende Studie des Islamologen Ednan
Aslan, der nachwies, dass in vielen muslimischen Wiener Kindergärten streng konservative Ansichten die islamische Pädagogik geprägt haben. Oder man sehe sich die zahlreichen Umfragen an, nach
denen die europäischen Muslime stets und überall mehrheitlich der Ansicht sind, in Europa sollte die Sharia rechtliche Gültigkeit besitzen. Man kann diese Tendenzen auf dem ganzen Kontinent
eindeutig erkennen: Die “islamische Aufklärung” ist eine Chimäre und entspringt nur einem Wunschdenken der Europäer.

 

Es gibt keinen Euro-Islam

Auch hochrangige und bekannte Islamexperten und Autoren wie etwa Hamed Abdel-Samad oder Bassam Tibi haben kaum noch Hoffnung, dass es so etwas wie einen Euro-Islam geben wird. Sie beschreiben in
ihren zahlreichen Publikationen seit Jahren die realen und vielfach durch religiösen Fundamentalismus geprägten Zustände in den erwähnten Parallelgesellschaften – und stoßen bei der Politik
vielfach nur auf taube Ohren. Und selbst wenn die Politik reagiert, tut sie dies meist nur in effekthaschenden Überschriften oder in Ankündigungen, denn die demografischen und kulturellen
Veränderungen schreiten ungehindert fort.  

 

Real hat Europa in seiner diffus-beliebigen und noch immer toleranzbesoffenen, weithin postmodernen und tugendstolzen Mentalität der offensichtlich sehr starken und stets bekenntnisorientierten
traditionellen muslimischen Kultur nichts entgegenzusetzen – außer der falschen Hoffnung auf einen “liberalen Islam”, der ein Hirngespinst unserer am Hypermoralismus leidenden Politiker und
Medienleute bleiben wird.