“Für blöd verkauft”

Ein Gastbeitrag von Ekaterina Quehl. Die gebürtige Petersburgerin lebt seit über 15 Jahren in Berlin. Heute bekam ich einen Brief von unserem Regierenden Bürgermeister Michael Müller. Der Brief ging an 2,2 Millionen Berliner Haushalte, stand in tagesspiegel.de Ich öffnete den Brief und las: „Liebe Berlinerinnen und Berliner, weltweit erleben wir eine große Krise, wie wir sie zuvor nicht kannten. Auch unser Land und unsere Stadt hat die Corona-Krise schwer erschüttert. Jeder spürt die Auswirkungen. Jetzt geht es darum, Leben zu schützen. Ich verspreche Ihnen: Wir werden nichts unversucht lassen, um die Corona-Infektionen in der Stadt einzudämmen. Doch dafür sind wir gezwungen, unser Leben drastisch einzuschränken….“ Als ich weiter über Herausforderungen, Solidarität, gemeinsame Verantwortung und besonderen Dank las, kam ich mir langsam für blöd verkauft vor. Eigentlich sollten solche Zeilen wie diese „…Seien wir solidarisch miteinander“, „…Wir alle müssen nun Verantwortung für uns selbst und für andere übernehmen“, „…Mein besonderer Dank gilt allen, die gerade auch in dieser herausfordernden Situation den Dienst an ihren Mitmenschen leisten“ „…viele sorgen sich nun um ihre Einkünfte, ihre Arbeitsplätze, ihren Lebensunterhalt. Mein Senat und ich werden an Lösungen arbeiten, um Ihnen schnell und unbürokratisch zu helfen. unterstützend wirken. Sie sollten mich stärken, mir das Gefühl vermitteln, dass es jemanden gibt, der mich in dieser schwierigen Situation schützen kann und die Verantwortung für die Folgen der Corona-Krise übernimmt. Doch sie wirken auf mich anders. Im Gegenteil – ich war gereizt und fragte mich, ob diese Geste – denn mehr als eine Geste ist es nicht – in Zeiten des Internets komplett deplatziert sei. Ich fragte mich, wieviel Gutes und Nützliches hätte man mit den Ressourcen, also dem Geld für Erstellung und Porto dieses Briefes, machen können, statt einfach nur ein paar Parolen und allgemeine Informationen zu schreiben (die ohnehin binnen weniger Sekunden im Internet und in jeder Zeitung zu finden sind) und dies an über zwei Millionen Adressen per Post zu versenden? Und dann fragte ich mich, ob mit mir etwas nicht stimmt, weil mir dieser Brief komplett deplatziert vorkommt? Ob ich die einzige bin, die so eine Reaktion auf diesen Brief hat? Dann schaute ich mir Kommentare zu dem entsprechenden Tweet des Regierenden Bürgermeisters. Hier sind nur ein Paar von den Reaktionen, die ich gelesen habe: Ich bin also nicht die einzige: Vielen Menschen kommt dieser Brief wie eine Farce vor. Vielleicht aus folgenden Gründen: Etwa, weil so viele Menschen ihre Arbeit in Berlin wegen der eingeführten Einschränkungen bereits verloren haben. Oder weil die finanziellen Hilfen nur sehr wenige Freiberufler und Unternehmer erhalten konnten und weil diese die beruflichen Überlebenschancen sowieso nicht garantieren. Als freiberufliche Grafik-Designerin hatte ich zum Beispiel keine Möglichkeit mehr, am Berliner Landesprogramm für Corona-Hilfe teilzunehmen, weil sie so viele Menschen beantragt haben, dass Landesmittel dafür binnen weniger Tagen ausgeschöpft wurden, obwohl die Verantwortlichen kurz vorher versichert hatten, es herrschte keine Eile, es sei genug Mittel da, es gelte nicht das Windhund-Prinzip. Wer daran glaubte, wurde bestraft. – weil die Notwendigkeit von dem relativiert wird, was offensichtlich notwendig ist, etwa Schutz der Bevölkerung durch Maskenpflicht, wie es zum Beispiel im Artikel „Coronavirus: So sinnvoll sind Masken und Mundschutz? auf morgenpost.de beschrieben wird; und zwar aus dem Grund, weil Berliner Regierung nicht in der Lage ist, den Bürgern ausreichend Masken bereit zu stellen. Auf den Seiten des Blogs sciencefiles.org, dem ich inzwischen viel mehr Vertrauen schenke, als den Schriften des Robert-Koch-Instituts, schreiben Autoren folgendes zur Masken-Pflicht:

„Angesichts der Einfachheit, mit der SARS-CoV-2 verbreitet werden kann, drängen (…) Regierungen und die WHO dazu, baldmöglichst das Tragen von Masken zur normalen Praxis in der Öffentlichkeit zu machen. Bis der dazu notwendige Bestand an Masken vorhanden ist, sollen nach ihrer Ansicht, besonders gefährdete Gruppen, z.B. ältere Menschen und solche mit Atemwegserkrankungen, bevorzugt mit Masken ausgerüstet werden.“

„Es sind nicht genug Masken für alle da. Deshalb wird erzählt, es sei nicht sicher, ob Masken schützen oder nicht. Dass Masken einen Schutz vor Infektion bieten, ist so offenkundig, dass man sich eigentlich fragt, wer hier nicht alle Tassen im Schrank hat, derjenige, der erzählen will, Masken würden keinen Schutz bieten oder derjenige, der das glaubt oder beide.“

„Masken schützen. Kaufen Sie sich daher eine Maske.“ Ein weiterer Grund, dass vielen Menschen der Brief des Bürgermeisters wie eine Farce vorkommt, könnte sein, dass es keine Möglichkeit gibt, einen Corona-Test zu machen, ohne einen erheblichen Aufwand oder ohne sich selbst dabei in Gefahr einer Ansteckung zu bringen. Meine persönliche Erfahrung habe ich dazu im Artikel „Corona oder Grippe? Spielt doch keine Rolle!“ beschrieben (Die Telefonnummer 116 177 ist überlastet, bei einem Notarzt-Einsatz wurde kein Test durchgeführt). Deshalb nützen mir auch die Informationen aus dem Michael-Müller-Brief nichts, weil die zuständigen Stellen, die dort aufgelistet sind, aus Überlastung ihren Aufgaben nicht nachkommen können. Berliner Bürger bekommen nicht ausreichend Hilfe und Schutz vor dieser Erkrankung. Sie sind gefährdet durch Job- und Geldverluste. Sie wissen nicht, wie es weiter geht und was nach dem 19. April kommt – bis dahin gelten erstmal die Einschränkungen. Sie wissen nicht, ob deren Kinder wieder in die Schule gehen können, ob Krankenhäuser schon bald nicht überlastet sein werden und ob deren Angehörige in Pflegeheimen ausreichend geschützt sind, ob es ausreichend Lebensmittel in Geschäften geben wird. Ist ein Versprechen auf dem Papier, persönlich von dem Bürgermeister ausreichend, um den Berlinern diese Fragen zu beantworten, damit sie sich in dieser Krise und in diesem Unwissen geschützt fühlen – gesundheitlich wie existenziell?

Oder ist dieses Versprechen genauso wenig wert wie das, dass in Berlin Geld für die Corona-Hilfe für alle da ist? Dieser Artikel ist auch auf dem Blog der in Berlin lebenden, gebürtigen Petersburgerin von Ekaterina Quehl “Mein Leben in den Zeiten von Corona” erschienen. Corona trifft uns alle schwer. Auch wirtschaftlich. Auch freie Journalisten. Aber gerade in der Krise sind kritische Stimmen besonders wichtig. Um auf Fehler aufmerksam zu machen, um die Mächtigen im Zaum zu halten. Umso dankbarer bin ich, wenn Sie auch in diesen schweren Zeiten mithelfen können, die Existenz dieser Seite mit Hunderttausenden Lesern und millionenfachen Abrufen zu sichern – auch gegen die juristischen Angriffe, etwa vom ARD-Chef-“Faktenfinder” Gensing. Ohne Sie geht es nicht! Mit jedem Euro setzen Sie ein Zeichen und leisten einen Beitrag, Journalismus ohne Belehrung und ohne Ideologie zu fördern – und hunderttausendfach zu verbreiten. 1000 Dank! Unterstützen können Sie: Via Paypal (Link hier) Via Banküberweisung (Boris Reitschuster, IBAN DE20 1203 0000 1007 5717 53, DKB Bank, Verwendungszweck: reitschuster.de)​ P.S.: Auf Wunsch erhalten Sie für jede Spende ab 20 Euro ein e-Book (PDF) meines ausverkauften Buches “Russki Extrem. wie ich lernte, Moskau zu lieben” oder ab 30 Euro ein Druck-Exemplar meiner “Briefe aus einem untergehenden Imperium” mit persönlicher Widmung oder wenn Sie einen entsprechenden Hinweis machen und Ihre Adresse angeben. Wenn sie die Bücher gerne lesen möchten, aber es sich nicht leisten können, senden Sie mir eine Mail: Im Zuge der Krise möchte auch ich nach Kräften helfen, und ich schicke Ihnen gerne ein kostenloses Exemplar (solange der Vorrat dafür reicht). Bild: Ekaterina Quehl