Ein Hoch auf den Egoismus!

Von Niklas Heinsohn | Wir alle kennen den Kommunismus, den Atheismus, den Anarchismus oder den Islamismus. Doch unter all den Ismen, die die Menschheit bisher hervorgebracht hat, zählt der Egoismus eindeutig zu meinen absoluten Favoriten. Kaum ein Wort in der deutschen Sprache steht so sehr für Individualismus und Eigenverantwortung. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, ist „egoistisch“ ein Begriff, der extrem negativ besetzt ist. Das muss sich ändern!

Schließlich sind wir Menschen zunächst einmal Individuen. Jeder hat seine eigenen Fähigkeiten, Interessen, Hoffnungen, Probleme und Themen, die ihn beschäftigen. Wie kann eine gewisse Ich-bezogenheit da falsch sein? Denn nur wer Herr über seine eigene Lage ist, der kann glücklich leben und in einem zweiten Schritt auch an andere Menschen denken. So kann eine Person, die ihr eigenes Leben aus den Augen verliert und einen riesigen Schuldenberg hat, kaum anderen helfen. Wer aber in erster Linie an sich und seine eigenen Finanzen denkt und somit womöglich besser aufgestellt ist, der hat auch die Möglichkeit, weniger privilegierten Menschen unter die Arme zu greifen. Altruismus erfordert also zwingenderweise, dass der Altruist auch Egoist sein darf.

Egoismus ist Antifaschismus!

Egoismus und Individualismus bilden den Gegenpol zu der Denkweise, die zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte geführt hat. In der DDR und im Dritten Reich stand das Kollektiv über allem; wer sich nicht den imaginären Kollektiven, also der „Volksgemeinschaft“ oder der „Arbeiterklasse,“ unterordnen und sein Leben zu ihrem Vorteil gestalten wollte, wurde geächtet. Im Falle der Nationalsozialisten ging es in manchen Fällen sogar so weit, dass Personen, die als unfähig oder unwillig zur Einordnung in die Gemeinschaft eingestuft wurden, als „Asoziale“ in die Konzentrationslager verschleppt und dort teilweise ermordet wurden, so zum Beispiel junge Frauen, die sich nicht dem Bund Deutscher Mädel anschließen wollten.

Umso erschreckender ist es, wenn ich in einem Seminar im Studium von einem (linken) Kommilitonen hören muss, dass er sich mehr Kollektivismus in Deutschland wünscht. Hier sollte man hellhörig werden, denn Gruppendenken war hierzulande (und auch sonst überall) noch nie eine gute Idee und wird wohl auch nie eine gute Idee werden. Schließlich entstehen nahezu alle großen kriegerischen Konflikte auf der Welt durch kollektives Denken, meist in Form von Nationalismus, Rassismus oder Religion.

Doch mein Kommilitone ist leider kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil: auch auf Twitter und im restlichen Internet begegnen einem immer wieder Personen, die Individualisten abwertend als „asoziale Egoisten“ bezeichnen. Dabei sollten doch gerade die selbsternannten Antifaschisten alles tun, um ein Wiedererflammen kollektivistischer Ideen zu verhindern. Egoismus ist gelebter Antifaschismus!

Kein Interesse an Rasse oder Klasse 

Wo bleibt also der Individualismus bei den Linken? Wieso basieren die Ideologien der internationalen und nationalen Sozialisten eigentlich auf demselben kollektivistischen Prinzip, obwohl beide Seiten vorgeben, das genaue Gegenteil der anderen zu sein? Und warum verwenden Linke und Grüne Begriffe wie „Asozial“, obwohl sie immer so penibel darauf achten wenn andere Wörter benutzen, die NS-vorbelastet sind?

Der Egoist, der zuallererst einmal nur die beiden Gruppen „ich“ und „alle anderen“ kennt, ist hingegen unbestritten der schlimmste Feind des Faschismus. Er erkennt, dass jede Person ihre eigenen Ziele hat, deren Erreichung über Kollektivzielen steht. Unterscheidungen zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie, zwischen Deutschen und Ausländern oder Schwarzen und Weißen sind ihm fremd. Die Zugehörigkeit zu Rasse und Klasse spielt für ihn keine Rolle, denn er interessiert sich vor allem für sein eigenes Leben. 

Aus diesen Gründen plädiere ich für mehr Eigenverantwortung, Selbstbezogenheit und Individualismus und ja: für mehr Egoismus. Das selbstdenkende und eigenständige Individuum ist inzwischen zu sehr in den Hintergrund gerückt. Dabei ist es der eigentliche Anker einer freien und aufgeklärten Gesellschaft.