Coronaarroganz gegenüber Trump unangebracht

Für die deutschen Beobachter beweist das Ausmaß der Corona-Krise und der gewaltige Todeszoll in den USA das Versagen des Präsidenten. Trump, der am Donnerstag in einer über zweistündigen Pressekonferenz aus dem Weißen Haus für die nächsten Tage Empfehlungen zum Tragen von Gesichtsmasken, wohl aber keine strikte Anordnung in Aussicht stellte, habe viel zu lange die Gefahren ignoriert, viel zu spät gehandelt und schließlich eigentlich immer das Falsche entschieden.

Der „Tagesspiegel“ sieht Donald Trump „völlig überfordert“. Die “Tagesschau” verortet ihn „im Nebel des Postfaktischen“. Der Präsident sei in den zur Bewältigung der Pandemie überforderten USA „nicht der einzige Versager“, befindet die „Süddeutsche Zeitung“. Und viele Medien empörten sich, Trump habe am Mittwoch bei einer Pressekonferenz zu Corona geprahlt, er habe gerade herausgefunden, dass er die Nummer 1 auf Facebook sei.

Nicht nur Trump negierte lange die Gefahr

Der Autor dieser Zeilen muss sich nicht als Kritiker des Präsidenten beweisen. Ich habe Trumps Wahlkampf 2016 und sein erstes halbes Jahr im Weißen Haus aus nächster Nähe beobachtet und in meinem Buch „Trump verrückt die Welt“ seine Prahlsucht und Lügen ausführlich dargestellt. Es ist unstrittig, dass Trump die tödlichen Gefahren der aktuellen Pandemie allzu lange negiert hat. Trotzdem wäre es den Deutschen anzuraten, in der Analyse des Umgangs mit Corona weniger Arroganz gegenüber dem amerikanischen Präsidenten an den Tag zu legen. Denn hiesige Politiker haben den Virus ebenfalls allzu lange völlig unterschätzt.

Ebenfalls richtig ist, dass Trump vom ersten Tag im Amt alles daran gesetzt hat, die vom verhassten Vorgänger Barack Obama eingeführte Gesundheitsreform “Obamacare”, die den Kreis der Krankenversicherten ausweiten sollte, zurückzudrehen. Und schon aufgrund viel zu spät gestarteter Corona-Tests gibt es in den USA deutlich mehr Covid-19 Infektionen und eine wesentlich höhere Opferzahl. Aber in Deutschland, das so kritiklos stolz ist auf sein Gesundheitssystem, fehlt es ebenfalls an Schutzanzügen und -masken fürs medizinische Personal, vom Mundschutz für die Bevölkerung ganz zu schweigen. Am Donnerstag berichtete das Robert-Koch-Institut, bereits 2300 Ärzte und Pfleger hätten sich in deutschen Krankenhäusern infiziert.

Der Präsident stoppte sehr früh Flüge aus China

Am 30. Januar, 20 Tage nach der Meldung des ersten Todesopfers in China, bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation WHO Corona erstmals als „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“. Bereits einen Tag später untersagte Washington jede Landung von Flugzeugen aus China in den USA. Auch europäische Fluglinien wie Lufthansa und British Airways stoppten ihre Verbindungen ins Reich der Mitte  – aber aus eigenem Ermessen, nicht aufgrund politischer Vorgaben.

Trump zeigte sich gleichwohl vom Virus unbeeindruckt. „Wir haben das, was aus China kommt, ziemlich ausgeschaltet“, erklärte er in einem Fox-News-Interview am 2. Februar. Am 10. Februar sagte der Präsident über Covid-19: „Es sieht so aus, als müsste es im April vorbei sein. Wenn es wärmer wird, verschwindet es auf wundersame Weise.“

Auch Spahn sah “keinen Anlass zu Unruhe”

Das war eine naive Fehleinschätzung. Aber die deutsche Bundesregierung blieb ebenfalls erstaunlich gelassen. Bundesgesundheitsminister Spahn erklärte am 29. Januar, vom Corona-Virus gehe nur eine „geringe“ Gefahr aus: „Kein Anlass zu Unruhe oder zu unnötigem Alarmismus.“ Einen Tag später sagte der CDU-Politiker in „Bild“, ein Mundschutz sei „nicht notwendig, weil der Virus nicht über den Atem übertragbar ist“. Und noch am 12. Februar versicherte Spahn, in Deutschland sei die Lage „unter Kontrolle“.

Flugzeuge aus China durften derweil weiter in Deutschland landen. Den wöchentlich mehreren Hundert Passagieren wurden Flyer mit Hinweisen auf Krankheitssymptome in die Hand gedrückt, doch Tests oder Fiebermessungen am Flughafen gab es nicht.  „Die Weltgesundheitsorganisation hat bislang weder Reise- noch Handelsbeschränkungen empfohlen“, erklärte das Bundesgesundheitsministerium die entspannte Haltung. Am Flughafen Wien wurde hingegen schon seit Anfang Februar die Temperatur einreisender Chinesen gemessen.

Deutsche Kritik am Washingtoner Einreisestopp für Flüge aus Europa

Am 12. März kündigte Trump in einer Rede an die Nation einen Einreisestopp für Flüge aus dem europäischen Schengen-Raum, den er drei Tage später auf Großbritannien und Irland ausweitete. Von einem „grotesken Auftritt“ des Präsidenten sprach daraufhin Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister und Vizekanzler.  Trump denke wohl, er könne einen Virus so bekämpfen, “wie irgendwelche Leute, die eine andere als die US-Staatsbürgerschaft haben“. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel reagierten verärgert.

Doch eine Woche später, am 18. März, verhängte auch die Europäische Union einen Einreisestopp für Nicht-EU-Bürger, den Deutschland sofort umsetzte. Bereits zwei Tage zuvor galten Einreisesperren an den Grenzen zu fünf Nachbarländern: Österreich, Luxemburg, Frankreich, Dänemark und die Schweiz. Trotzdem dürfen Flugzeuge aus dem Iran, dem zweiten Epizentrum nach China und vor Italien, erst seit dem 1. April nicht mehr auf deutschen Flughäfen landen.

Deutschland schließt Schulen, New York die Kneipen

In Deutschland wurde am 3. März die Leipziger Buchmesse abgesagt. Am 10. März verboten die Bundesländer Großveranstaltungen. Am 16. März wurden in Deutschland Schulen und Kitas geschlossen. Am gleichen Tag empfahl Trump den Verzicht auf Veranstaltungen mit mehr als zehn Leuten. In New York City mussten sämtliche gastronomische Betriebe schließen. Trump reagierte in dieser Phase übrigens immer noch nicht staatsmännisch. Journalisten, die ihm eher harmlose Fragen stellten, kanzelte er rüde ab. Auch darum hat der Präsident Kritik verdient. Doch sie sollte sachlich bleiben und nicht dem Instinkt folgen, Trump habe automatisch rhetorische Prügel und moralische Empörung verdient.

Die Aufarbeitung der Tatsache, dass der deutsche Gesundheitsminister und andere Politiker die Gefährlichkeit von Corona lange unterschätzten, erfolgt gänzlich ohne Häme und Schuldzuweisung. Obwohl die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung bereits 2012 die „Risikoanalyse einer ‚Pandemie durch Virus Modi-SARS‘“ durchspielen ließ, worüber der Bundestag im Januar 2013 in seiner Drucksache 17/12051  informierte, nahm die Gefahr erkennbar niemand ausreichend ernst. Sogar die Virologen widersprachen und widersprechen sich bis heute in ihren Einschätzungen und Empfehlungen. Es ist das Wesen derartiger Ausnahmesituationen, dass es keine Erfahrungen für den Umgang mit ihnen gibt. Darum muss zwar nach der Krise überprüft werden, welche Fehler im Vorfeld von wem gemacht wurden. Aber derzeit kann es nicht um Schuldzuweisungen gehen, sondern um die Akzeptanz, dass Politiker und Experten in dieser Situation nur auf Sicht fahren können.

Berlin hat Trump erst attackiert und dann imitiert

Gleiches muss aber auch der amerikanischen Politik zugestanden werden. Trump hat in seiner typisch großmäuligen Art anders geklungen als sich Spahn und seine Kabinettskollegen zu artikulieren pflegen. Doch geirrt wurde auf beiden Seiten. Die von Trump früh verfügte Grenzschließung wurde von den Deutschen erst attackiert und dann bald imitiert. Deutschland wäre darum gut beraten, das hochnäsige Räsonieren gegenüber unserem Verbündeten sehr rasch zu beenden.

Ach ja: Und Trumps Behauptung am Donnerstag, er sei “Nummer 1 auf Facebook”, war einerseits so narzistisch wie immer und so falsch wie sehr häufig (unter anderem Obama hat mehr “Freunde” in dem Netzwerk). Doch andererseits reagierte der Präsident auf eine Journalistenfrage, ob seine vielen Tweets in dieser Krise hilfreich seien, worauf Trump unterstreichen wollte, dass er in den sozialen Netzwerken eine gewaltige Zahl an Followern erreiche. Das war nicht einmal falsch.