Niederschlagung des Ruhraufstands 1920Die gerufenen Geister bekämpfen sich

Was als Generalstreik gegen den Kapp-Putsch rechter Militärs und Eliten des untergegangenen Kaiserreichs begann, loderte schon bald als kommunistischer Flächenbrand im ganzen Land. Ein Schwerpunkt war dabei das Ruhrgebiet. Am 13. März 1920 hatten die Anhänger der alten Ordnung in Berlin das Regierungsviertel besetzt und zwangen die Staatsführung zur Flucht. Als Gegenmaßnahme rief die Regierung von Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) zum Generalstreik auf. Das fiel im Kohlerevier an der Ruhr auf besonders fruchtbaren Boden.

Schon nachdem sich erste Meldungen über den Putschversuch aus der Hauptstadt zwischen Dortmund und Wesel verbreiteten, zog es die Arbeitermassen auf die Straße. Allein in Bochum demonstrierten 20.000 Mann gegen die Putschisten. Am Folgetag schlossen KPD, SPD und USPD in Elberfeld, das heute zu Wuppertal gehört, ein Bündnis. Dabei war bereits klar, daß der Widerstand gegen den Kapp-Putsch nur das Sprungbrett zur „Diktatur des Proletariats“ sein sollte.

Sogenannte Vollzugsräte übernahmen in den Orten das Kommando und bewaffneten die „Rote Ruhrarmee“. Deren Stärke schätzen Historiker auf rund 50.000 Mann. Ihre Einheiten begannen sich sogleich, als neue Ordnungsmacht aufzuspielen und gingen gegen die regulären Polizei- und Bürgerwehreinheiten vor.

Die „Rote Ruhrarmee“ kontrollierte das ganze Industriegebiet 

Das am östlichen Rand des Ruhrgebiets stehenden Freikorps Lichtschlag wurde am 15. März in ein erstes Gefecht mit den aufständischen Arbeitern verwickelt. Zwei Tage später traf die Hauptmacht des Freiwilligenverbandes auf die Ruhrarmee. Bei den Kämpfen um Dortmund erlitten die Freikorpskämpfer eine herbe Niederlage. 600 Mann gerieten in Gefangenschaft und ihre kommunistischen Feinde erbeuteten mehrere Geschütze.

Rot-Kreuz-Fahrzeug der aufständischen Arbeiter im Gebiet um Wesel Foto: picture alliance/akg-images

Da die Reichswehr sich den Putschisten trotz vorhandener Sympathien nicht anschloß und wegen des parallel stattfindenden Generalstreiks war der Kapp-Putsch bereits am 17. März zusammengebrochen. Die Reichsregierung von Kanzler Bauer hatte wieder die Oberhand gewonnen. Doch die „Rote Ruhrarmee“ dachte nicht daran, die Waffen wieder niederzulegen. Ein entsprechendes Ultimatum ließ sie verstreichen. Im Gegenzug besetzte sie noch Düsseldorf und brachte so das ganze Ruhrgebiet unter ihre Kontrolle.

Wieder einmal steckte die aus SPD, Zentrum und DDP bestehende Regierung in einem Dilemma. Wie schon beim Spartakusaufstand 1919 war sie auf die Hilfe der deutschnationalen Freikorps angewiesen, von denen nicht wenige den Kapp-Putsch aktiv unterstütz hatten. So hatte die Marine-Brigade von Loewenfeld noch kurz zuvor im Namen der Kapp-Putschisten Breslau besetzt. Auch die Reichswehr hatte sich Mitte März als unsicherer Kantonist erwiesen, als sie sich weigerte, gegen die Freikorps vorzugehen.

„Verhandelt wird nicht“

Dennoch gingen insgesamt vier Divisionen aus Freiwilligenverbänden und regulären Truppen auf Geheiß der Regierung nördlich und östlich des Ruhrgebiets in Stellung. Darunter befand sich auch das Freikorps Oberland, das schon bei der Bekämpfung der Münchner Räterepublik eine erhebliche Rolle gespielt hatte. Aus der nahen Universitätsstadt Münster folgte die Akademische Wehr, bestehend aus Studenten, dem Ruf zu den Waffen.

Den Oberbefehl hatte General Oskar von Watter, auch er hatte noch kurz zuvor die rechten Putschisten in Berlin unterstützt. Er dachte nicht daran, die Aufständischen, in denen er ebenso wie die Freikorps nichts anderes als „bolschewistische Mordbanden“ sahen, zu schonen. So lautete sein Befehl zum Vorgehen gegen die Kommunisten: „Verhandelt wird nicht. Solange eine militärische Operation im Gange ist, darf sie auch nicht durch den meist zur Nachgiebigkeit neigenden Einspruch regierungstreuer Zivilisten beeinträchtigt werden. […] In jedem Bewaffneten ist der Feind zu sehen. Unbewaffnete Massen haben ebenfalls auf der Straße nichts zu suchen. Sie müssen durch Feuer zersprengt werden, ehe sie an die Truppe herankommen.“

Massenerschießungen begleiteten den Vormarsch der Regierungstruppen

Am 2. April rückten die regierungstreuen Divisionen ins Ruhrgebiet vor. In den Städten tobten die Kämpfe, bei denen neben Geschützen auch Panzerwagen zum Einsatz kamen. Die kampferfahrenen und gut ausgerüsteten Reichswehreinheiten und Freikorps brachen den Widerstand. Schon am 6. April nahmen sie Dortmund ein.

Der Befehlshaber des Freikorps Oberland, Franz Ritter von Epp Foto: picture alliance/arkivi

Bei ihrem Vorgehen waren sie nicht zimperlich. Zivilisten klagten über zahlreiche erschossene Arbeiter, ob Kämpfer der Roten Ruhrarmee oder nicht, sei oft nicht klar gewesen. Es kam zu Massenverhaftungen und auch Massenerschießungen durch die Regierungstruppen. Von Watter konnte sich bei aller gebotenen Kritik am Vorgehen seiner Männer jedoch auf das Reichswehrministerium berufen. Von dem hatte er ein Schreiben erhalten, worin es hieß: „Sie erhalten volle Freiheit zu tun, was Lage gebietet.“

Die Regierung in der Zange 

Am 12. April war der Ruhraufstand niedergeschlagen. Schätzungen gehen von rund 2.000 toten Rotarmisten aus, gegenüber rund 270 toten Reichswehr- und Freikorpsangehörigen. Aus dem linken politischen Lager und seiner Presse kam scharfe Kritik an der Regierung und ihrem Vorgehen. Da sie daraufhin von den Freikorps abrückte, die erneute als ungeliebt Retter in der Not zur Stelle waren, verstärkte das in deren Kreisen wiederum die Ablehnung gegenüber der Republik.

Letztlich zeigten die Ereignisse aus dem März und April 1920, wie heikel die Situation für die Regierungskoalition war. Rief der Kanzler zum Generalstreik gegen Rechts, flammte ein kommunistischer Aufstand auf. Zu dessen Niederschlagung mußte er wiederum auf rechte Truppen zurückgreifen, die dem Staat ebenfalls feindlich gegenüberstanden. Aus diesem Zangengriff sollte sich die Weimarer Republik während ihres Bestehens nicht lösen können.