Wie die Fallzahlen für Infizierte uns in die Irre führen

Laut Angaben der US-amerikanischen Johns Hopkins University gibt es am Sonntag, gegen 20:30 Uhr, weltweit offiziell 704.095 CARS-CoV-2-Infizierte sowie 33.509 Tote, die infiziert waren. [Den aktuellen Stand können Sie HIER Tag für Tag weiterverfolgen.]
Doch was sagen diese Zahlen aus? Und was verraten diese Zahlen nicht?
SARS-CoV-2-Infizierte können auf zweierlei Wegen identifiziert werden: Zum einen gibt es einen Test, der die Infektion nachweist. Zum anderen — und das wird dort gemacht, wo die Testkits ausgehen — gibt es die Möglichkeit, anhand der Symptome und Ansteckungsketten eine Erkrankung mit COVID-10 zu diagnostizieren. Die Methodik der Zählweise ist dabei nicht immer gleich.
Irreführend ist oftmals die Berichterstattung und Fallzahlenpräsentation in den Medien, weil versäumt wird, auf die Häufigkeit der Tests hinzuweisen und diese Testhäufigkeit in Relation zu den Ergebnissen zu stellen. So betrug in Deutschland die Anzahl der durchgeführten Tests in der elften Kalenderwoche knapp 130.000, in der zwölften Kalenderwoche aber schon fast 350.000. Also hat sich nicht nur die Anzahl der positiv getesteten Fälle etwa verdreifacht, sondern auch die Menge der Tests. Die tatsächliche Steigerung der Fälle, bezogen auf die Anzahl der Tests, beträgt dagegen nur einen Prozentpunkt: In der Kalenderwoche 11 wurden knapp 6 Prozent der Untersuchten positiv getestet, in der Kalenderwoche 12 hingegen 7 Prozent [siehe Bericht »multipolar«].

Es gibt immer eine hohe Dunkelziffer an unbestätigten Infizierten

Doch bei allen Zähl-Varianten bleibt die wirkliche Zahl der SARS-CoV-2-Infizierten im Dunkeln. In allen Staaten geht man von einer gewissen Dunkelziffer aus, mal höher, mal niedriger. Der Grund: Viele Menschen haben einen asymptomatischen Verlauf, der sich nicht von einer normalen Erkältung oder schwach ausgeprägten Grippe unterscheiden lässt. Vor allen Dingen: Viele entwickeln überhaupt keine Symptome. Das heißt: Es gibt eine Dunkelziffer an Infizierten, die sich kerngesund fühlen und daher nicht getestet werden.
Diese Dunkelziffer kann, wie einige Forscher für einige Länder vermuten, um den Faktor 10 liegen. In Deutschland ist der Faktor vermutlich geringer, in Italien höher. Denn in Deutschland wird flächenmäßig intensiver getestet. In Italien sind die Testmöglichkeiten begrenzter. Hauptsächlich werden dort die Fälle der stark an COVID-19 erkrankten Personen getestet, die in die Krankenhäuser und Arztpraxen kommen.
Außerdem werden in Italien viele verstorbene alte Patienten mit Vorerkrankungen im Nachhinein getestet. Doch dann weiß man nicht, ob sie an oder mit COVID-19 verstorben sind, also ob das neue Coronavirus wirklich die entscheidende Todesursache ist. In anderen Ländern wird dies anders gehandhabt. Daher sind die Fallzahlen der einzelnen Staaten nur sehr beschränkt miteinander vergleichbar. Das betrifft sowohl die Angaben zur Letalität als auch zur Gesamtzahl der amtlich nachgewiesenen Infizierten.

Länder mit unterschiedlichen Verlaufskurven: Infektionsgeschwindigkeit oder Testgeschwindigkeit?

Im Iran gibt es hohe Fallzahlen von Infizierten und gleichzeitig hohe Todeszahlen. Die Kurve steigt aber nicht exponentiell an, sondern verläuft abgeflacht bzw. fast stetig. Eine solche Verbreitungsgeschwindigkeit ist für eine Virus-Epidemie unnatürlich. Sie verläuft immer in kurven. Das heißt: Sie steigt erst exponentiell an, flacht dann ab und fällt zum Schluss wieder. Das ist bei jeder Grippe- und Erkältungswelle so. Daher lässt sich der stetige Anstieg nur mit der Testgeschwindigkeit erklären. Man findet nur, was man testet.
In den USA konnte sich SARS-CoV-2 lange Zeit unbemerkt verbreiten. Es wurde lange Zeit viel zu wenig getestet. Nun wird das massenhaft nachgeholt. Und prompt steigt mit den zahlreichen Tests auch die Kurve der nachgewiesenen Infizierten steil an. Für die USA wird dies noch viele Wochen so weitergehen. In den meisten Ländern der Dritten Welt wird dagegen sehr viel weniger getestet, weil es gar nicht die Laborkapazitäten gibt, um in der Breite zu testen. Daher werden dort geringere Fallzahlen zu erwarten sein, bei einer wesentlich größeren Dunkelziffer.

Die Grippewelle von 2017/18 war die tödlichste in 30 Jahren

Die außergewöhnlich starke Grippewelle der Saison 2017/18 hat nach Schätzungen allein in Deutschland etwa 25.000 Menschen das Leben gekostet. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) war dies die höchste Zahl an To­des­fällen in den letzten 30 Jahren. Es gab fast 10 Millionen Arztbesuche deswegen und eine wahrscheinliche Dunkelziffer von Millionen Infizierten, die nicht zum Arzt gingen, weil sie keine Symptome zeigten. Denn wer entweder geimpft oder wegen früherer Grippeerkrankungen immun geworden ist, zeigt logischerweise keine Symptome und geht deswegen auch nicht zum Arzt.
Davor gab es andere gefährliche Pandemien, die schon fast wieder vergessen sind. In den Jahren 1958/59 rollte eine Grippewelle über den Globus, die bis zu zwei Millionen Todesopfer forderte. Ihr Ursprung lang in der Volksrepublik China. Sie wurde »Asiatische Grippe« genannt.
1968/70 wurde die Welt von einer weiteren Grippe-Pandemie heimgesucht. Wieder wird der Ursprung in China vermutet. Ursache war die Virusvariante »A/Hong Kong/1/1968 H3N2«. Man sprach damals von der »Hongkong-Grippe«. Mehr als eine Million Menschen fielen dieser Pandemie tödlich zum Opfer. In Deutschland gab es rund 30.000 Todesfälle.  
Auch bei diesen drei genannten Fällen schwerer Grippe-Epidemien muss bedacht werden: Nur jene Fälle, bei denen Erkrankte ärztlich untersucht bzw. getestet wurden, sind gezählt. Was die Menschen zu Hause auskurieren, bleibt auf immer im Dunkeln.
»Durchschnittlich« kommt es laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zu etwa drei bis fünf Millionen schweren Grippefällen jährlich, und zwar weltweit. Davon versterben global und jährlich — im »Durchschnitt« — bis zu 650.000 Menschen an der Viruserkrankung.

Massive Schnelltest und Antikörpertests sind nötig, um wahre Letalität und Verbreitung festzustellen

Um eine genauere Einschätzung der wirklichen Verbreitung in den einzelnen Ländern und die entsprechende Letalität (Todesrate) zu ermitteln, müsste vor allen Dingen in der Breite getestet werden. Das bedeutet zum einen, die Testkapazitäten erheblich zu erhöhen, zum anderen, Teile der Bevölkerung im Querschnitt auf Antikörper zu testen, um zu erkennen wie hoch der ungefähre Anteil der Personen ist, die sich in den letzten Monaten mit SARS-CoV-2 infiziert haben.
Hierbei geht es auch um die Relationen, das heißt um den Anteil von SARS-CoV-2-Infizierten und an COVID-19 gestorben Personen pro 100.000 Einwohner. Denn die absoluten Zahlen geben keine Information über die prozentuale Verbreitung in der Bevölkerung, weil die Staaten unterschiedlich hohen Einwohnerzahlen haben.
Erst dann, wenn die Coronavirus-Welle abgeklungen ist und abschließende Bilanzen gezogen werden können, kann man die Coronavirus-Pandemie mit den Influenza-Epidemien der letzten Jahre und Jahrzehnte vergleichen.