Coronakrise und Altentötung

Ein bedrückendes Thema macht Karriere in Corona-Zeiten, auch wenn es niemand beim Namen nennt: Senizid oder Gerontozid – die Altentötung. Zwar fordert niemand, das Leben der Hochbetagten in einer Gesellschaft willentlich zu beenden. Aber der Appell, aus ökonomischen Gründen zurück zum Alltag zu kehren und einen Sonderstatus zu finden für die vorrangigen Risikogruppen, insbesondere die Alten, wird in Europa ebenso wie in den USA laut. Diese Idee kalkuliert ein, dass die Normalisierung des Lebens in den Zeiten der Pandemie für eine vor allem durch das Geburtsdatum definierte Minderheit gefährlicher ist als für die Mehrheit. Die meisten Corona-Toten sind 80 Jahre und älter.

So sagt Alexander Dibelius, beim britischen Private-Equity-Haus CVC zuständig für das Deutschlandgeschäft und im früheren Leben Assistenzarzt für Herzchirurgie: „Der nahezu diskussionslose und mit dem zusätzlichen moralischen Zeigefinger implementierte kollektive Shutdown der Wirtschaft und des Sozialwesens macht mir mehr Angst als diese Virusinfektion.“ Denn, so die Quintessenz von Dibelius im „Handelsblatt“-Interview: „Besser eine Grippe als eine kaputte Wirtschaft.“

Leiden 90 Prozent unter der Minderheit der Alten?

Für den zwischenzeitlichen Deutschland-Chef von Goldman Sachs mündet das in die provokante Frage: „Ist es richtig, dass zehn Prozent der – wirklich bedrohten – Bevölkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden, mit der unter Umständen dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert?“

In Washington argumentiert Donald Trump ähnlich. „Unser Volk will zurück an die Arbeit. Sie werden social distancing und alles andere befolgen und über die Senioren werden wir schützend und liebevoll wachen. Wir können zwei Dinge gleichzeitig tun“, twitterte der Präsident, um dann in der bei ihm so beliebten Versalien-Schrift fortzufahren: „DIE HEILUNG DARF NICHT (WEITAUS) SCHLIMMER WERDEN ALS DAS PROBLEM.“  Und bei einem Townhall Talk für Fox News auf dem Rasen des Weißen Hauses stellte Trump diesen Gegensatz auf: Man könne „einige Leute durch die Grippe verlieren“, doch wenn die Geschäfte nicht bald wieder anliefen, seien „Tausende von Selbstmorden“ zu befürchten.

“Wir, die 70-plus sind, kümmern uns um uns selbst”

Zehn Prozent gegen 90 Prozent! Einige Tote durch den Virus oder Tausende Selbstmorde! Das klingt einerseits nach herzlosem Ökonomismus – und andererseits doch fast überzeugend. Denn, so ließe sich argumentieren, wenn alle Unternehmen stillstehen und die Volkswirtschaften crashen, dann sind nicht mehr nur die Senioren bedroht, sondern alle. In den modernen Industriegesellschaften sind nur wenige in der Lage, in ihrem Garten oder auf dem Balkon Gemüse anzupflanzen, Hühner zu züchten und zum Selbstversorger zu werden. In den Großstädten fehlt es am nötigen Platz und bei den meisten Menschen am notwendigen Basiswissen.

Also? Dan Patrick, Vizegouverneur von Texas und Republikaner wie Trump, stimmte dem Präsidenten zu. „Lasst uns zurück zum Alltag gehen“, sagte der 69-Jährige. „Lasst uns klug sein. Und diejenigen von uns, die 70-plus sind, wir kümmern uns um uns selbst, aber lasst uns nicht das Land opfern.“

Die Altentötung bei den Inuit

Damit wären wir bei einem speziellen Phänomen des Senizid, der neben der Tötung durch die Jüngeren auch das Phänomen der „Autothanasie“ kannte. Dabei beenden Senioren in der Form eines „Opfertods“ ihr Leben selbst, etwa durch Erhängen oder durch Inedia, den Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, schreibt Raimund Pousset in seiner wissenschaftlichen Studie über „Senizid und Altentötung“.

Über Jahrtausende gab es in etlichen Kulturen die Praxis, Menschen dann, wenn sie nicht mehr als produktiv, sondern als Belastung für die Gesellschaft galten, zu töten oder in einer Umgebung auszusetzen, in der sie nicht überleben konnten. Noch in den 1920er Jahren beobachtete der Arktis-Forscher Knud Rasmussen einen solchen Brauch beim Inuit-Stamm der Netsilik auf King-William-Island. „Wenn alte Leute nichts mehr tun können, aber der Tod sie nicht nimmt, hilf dem Tod, sie zu nehmen“, bilanzierte Rasmussen. Ein Jahrzehnt später lebte der französische Abenteurer und Journalist Gontran de Poncins einige Zeit zwischen den Netsilik und beschrieb einen Sohn, der seine alte Mutter in einem Blizzard auf einer Eisscholle fern ihrer Iglus zum Sterben zurückließ. In jenen 1930er-Jahren habe der Stamm diese Praxis beendet, zitiert der Wissenschaftsjournalist Justin Nobel einen 72-jährigen Netsilik in seinem 2016 erschienenen Essay „Growing Old with the Inuit“.

(Nur am Rande sei vermerkt: Es gibt auch ein Buch mit dem Titel „White Lies About the Inuit“, 2007 von John Steckley verfasst, in dem unter anderem die Darstellungen von Rasmussen und de Poncins über den Senizid bei den Netsilik als „Lügen der Weißen“ bezeichnet wurden. Doch der die Arktis bereisende Justin Nobel fand durch ein Telefonat mit Steckley heraus, dass dieser sein gesamtes Buch aus der Bibliothek des Humber College im kanadischen Toronto geschrieben hatte – in die Arktis hatte Steckley nie einen Fuß gesetzt.)

Zurück zu archaischen Bräuchen?

Will die Welt in den Zeiten einer Pandemie zurückkehren zu jenen archaischen Bräuchen? Dass einzelne Äußerungen republikanischer Politiker, die sonst als Pro-Leben-Partei gegen Abtreibung kämpfen, in diesem Sinne interpretierbar sind, zeigt die Verwüstungen, die der Corona-Virus auch im moralischen Gefüge unserer Gesellschaften anzurichten in der Lage ist. Aber weder Trump noch Patrick oder Dibelius werden mit ihren Ideen dem Problem gerecht. Denken wir ihren Ansatz durch: Der Alltag kehrt zurück, Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen werden aufgehoben, Büros und Fabriken arbeiten wieder wie vor Corona. Immer wieder fallen einige wegen Covid-19 für einige Tage aus, aber irgendwann erholen sie sich. Nur die Alten, sagen wir: 70-plus (aber sicher auch Jüngere mit Vorerkrankungen wie Asthma) werden zu ihrem Schutz hinter verschlossenen Türen in Heimen oder ihren eigenen vier Wänden abgeschirmt. Lebensmittel werden angeliefert, Botengänge für sie erledigt.

Und dann? Ärzte und Pfleger, die sich nach der Aufhebung des Kontaktverbots im Alltag, auf Partys, in der Kneipe, bei Konzerten, im Sportstadion infiziert haben könnten, dürften diesen Senioren nur noch in Schutzkleidung begegnen. Großeltern dürfen nicht ihre Enkel besuchen, aber diese dürfen zur Visite zu ihnen kommen – nicht allzu häufig, weil jedes Mal eine gründliche Desinfizierung der Kleidung nötig ist. Und natürlich müssen die Kids (und ebenso deren Eltern, die Kinder der fürsorglich Kasernierten) ebenfalls Schutzanzug und Atemmaske tragen und darüber hinaus einen Sicherheitsabstand einhalten. Begrüßung mit der Ghettofaust ist möglich, Umarmung lieber nicht. Denn viele von ihnen werden infiziert sein, oft ohne es zu merken, und jede Nähe könnte den Virus übertragen. Wer die Jungen kurzfristig zurück in den Alltag gehen lasen will, muss die Wahrheit aussprechen: Für die Alten werden sie damit noch gefährlicher, zwischen den Generationen wird eine massive Mauer errichtet.

Licht am Ende des Tunnels

Ist das die Post-Corona-Gesellschaft, die wir uns wünschen? Die Idee, Alte und Vorerkrankte zu separieren und gesunde Jüngere mutmaßlich über viele Jahre „durchseuchen“ zu lassen, was sie aber nicht vor einer erneuten Infektion und Übertragung der Viren schützen wird, ist nicht lebenstauglich.

Es bleibt eben doch nur der mühsame, aber mitmenschliche Weg, dass wir alle auf den bisherigen Alltag noch einige Zeit verzichten. Die Wirtschaft wird darunter massiv leiden, es wird zu Pleiten kommen, die Arbeitslosigkeit wird steigen, der Wohlstand schrumpfen. Das Licht am Ende des Tunnels wird von jenen Wissenschaftlern und Forschern stammen, die hoffentlich möglichst bald eine wirksame Medikation und eine zuverlässige Impfung gegen Covid-19 entwickeln. Auf sie sollten wir setzen – nicht auf einen in seinen Konsequenzen mitleidlosen Generationenkonflikt.