Notwendig sind: Daten, Daten, Daten

Als Europa Ende Dezember aus der Ferne die Entwicklung in Wuhan betrachten konnte, herrschte hier Ruhe. Als es in Europa die ersten Fälle von Infektionen mit dem neuen Virus gab, wechselte die Stimmung mit steigenden Todeszahlen schnell von neugieriger Spannung in eine panische Anspannung, die fast alle ergriff. Dieser Tage nun, scheint die Phase des besorgten Fragens beginnen zu sollen: Ist vielleicht alles doch nicht so schlimm?
So verständlich diese Reaktionen auch sind; sie leiden alle unter einem bemerkenswerten Mangel an rationaler Vorgehensweise. Denn Rationalität beginnt mit Informationen. Und Informationen bestehen im Fall von Corona im wesentlichen aus Daten. Die haben wir nicht. Und wie es scheint, will sie auch keiner wirklich beschaffen.
Man nehme nur die Zahl der Tests auf Corona, die in verschiedenen Ländern durchgeführt wurden. Über Deutschland heißt es mitunter, es würde zu wenig getestet, andere sagen, es reiche. Gibt es verlässliche Zahlen? – Nein.
Und auch wenn die Zahlen für einige Länder bekannt sind: Sind die Tests miteinander vergleichbar? – Wir wissen es nicht.
Auch die Zahl der Infizierten ist ein Rätsel. Richtig, es gibt die gemeldeten Fälle. Aber daneben beginnt mit jedem Tag Unsicherheit, die Dunkelziffer zu wuchern. Wie wird sie begründet? – Indem ein Experte die tatsächliche Fallzahl mit 10 multipliziert. Warum nicht mit 13 ? Oder mit 42 ?
Dabei weiß jeder: Die Zahl der Infizierten ist für alle Maßnahmen, die man trifft und noch treffen will, die alles entscheidende Größe, wird aus ihr doch die Sterblichkeitsrate berechnet. Und es dürfte kein Zufall sein, dass die Länder, die im Kampf gegen das Coronavirus am erfolgreichsten sind – Südkorea und Israel –, zumindest bis zum 9. März die meistenTests pro Einwohner durchgeführt haben.
Mit den Analysen ist es nicht anders.
Die Zahl der Personen, die am Coronavirus verstarben, gibt es genaugenommen überhaupt nicht. Denn gerade Ältere sterben in aller Regel nicht nur an einem einzigen Leiden. Also müssten die Krankenhäuser differenzieren. Dass sie es in Italien oder in Spanien nicht tun, ist verzeihlich. Aber aus Deutschland erhält man ebenfalls keine gewichteten Werte, d.h. nach ihrem Einfluss auf den Tod eines Patienten aufgeschlüsselte Todesursachen.
Deutschland schafft es nicht einmal jetzt, die Daten zur Grippeepidemie des Winters 2017/18 aufzubereiten. Und diese Ereignisse liegen immerhin zwei Jahre zurück und die Daten den Krankenkassen sicherlich vor. Tatsächlich wird im Internet heiß diskutiert, ob die Zahl der Toten 1,200 oder doch 25,000 betrug. Dabei ist nicht die Zahl, sondern die Spanne für ein Industrieland absurd.
Deutschland braucht Daten, Daten, Daten. Denn ohne differenzierte Werte ist jede Abschätzung über das Risiko der in den kommenden Wochen zu wählenden Mittel und zu treffenden Maßnahmen Humbug.
Perfekte Werte – also den Zustand vollständiger Information – wird es dabei nicht geben. Immer wird somit der Zufall im Spiel sein. Damit aber gibt es auch keine Entscheidung, die besser ist als alle anderen, die noch zur Auswahl stehen. Ein kompletter Shutdown führt unter extremen Umständen ebenso ins Desaster wie die Haltung, das Virus machen zu lassen. Wie es kommt, das wissen wir immer erst nachher.
Was wir brauchen ist daher eine umfassende Abschätzung der Risiken der verschiedenen Wege. Denn ansonsten beginnen nicht nur die Spekulationen – ansonsten droht veritablesFiasko.
Als Kanzlerin Merkel vor einigen Tagen sagte, sie würde tun, »was notwendig« sei, wurde bereits spöttisch gefragt, was denn notwendig wäre ? Die Antwort lautet im Grund ganz einfach: Daten, Daten, Daten. So gesehen ist in einem Land, das zwei Wochen nach dem ersten Infektionsfall noch immer keine genauen täglichen Zahlen für Getestete, Infizierte und Gestorbene liefert, etwas grundlegend faul.