Riskieren wir das Unmögliche, riskieren wir ein Gespräch

Es wäre ein Experiment mit wirklich offenem Ausgang, wenn ich eine Auswahl meiner Gesprächspartner der vergangenen fünf Jahre in einem Raum zusammenbringen würde.

Über mangelnde Vielfalt bräuchte niemand zu klagen. Vor ein paar Jahren war ich Gast auf einer Veranstaltung in Berlin, zu der ein jüdischer Journalist eingeladen hatte. In der Runde saßen unter anderem Götz Kubitschek, der Rechtsaußen-Gottseibeiuns von Deutschland, daneben ein liberaler amerikanischer Sachbuchautor, ein Spiegel-Redakteur und noch mehrere andere Personen mit jeweils sehr unterschiedlichen Ansichten, Temperamenten, Religionen und Geburtsorten. Gregor Gysi stand auch auf der Gästeliste, war aber nicht gekommen. Aber es ging auch ohne ihn sehr divers zu. Zivil ebenfalls. Als wirklich schlecht ist mir nur der Service an der Hotelbar in Erinnerung geblieben. Aus heutiger Sicht fand der Abend zu Friedenszeiten statt. Ich weiß nicht, ob diese Soirée heute noch möglich wäre. Vermutlich fällt sie heute nach quasiamtlichem Urteil unter die Rubrik unverzeihlich. Rückgängig machen lässt sie sich allerdings nicht.

Was mich betrifft: Ich spreche nach wie vor mit sehr unterschiedlichen Leuten, also Leuten, deren Ansichten sich von meinen nicht nur graduell unterscheiden. Nicht immer verläuft die Zusammenkunft zu meiner oder deren Freude. Ich finde es trotzdem sehr viel angenehmer, als nur mit Menschen meiner Meinung zu diskutieren. Meine Ansichten kenne ich ja schon. Eigentlich bitte ich im sozialen Umgang nur darum, nicht gelangweilt zu werden. Ich möchte nicht, dass es mir geht wie Charles-Maurice de Talleyrand, von dem es heißt, er sei bei der Lektüre einer gegen ihn gerichteten Polemik eingeschlafen. Zu den vielen, mit denen ich über Facebook verbunden bin, gehört auch der Stern-Kolumnist Micky Beisenherz. Wir teilen sehr viele Ansichten nicht. Einige doch. Ab und an schicken wir elektronische Zettelchen hin und her. An ihm gefällt mir sein Witz, der in seinen Texten nicht durchgehend, aber öfter aufscheint. Außerdem scheint er nicht allergisch gegen Meinungen zu sein, die er nicht teilt.

Micky Beisenherz schrieb im Stern nach der Wahl in Hamburg einen Text über die AfD, Hanau und das, was er „das verbale Wettrüsten“ in der Gesellschaft nennt. Dabei beschäftigt er sich vor allem mit dem Brief der AfD-Vorsitzenden Tino Chrupalla und Jörg Meuthen an die Mitglieder, in denen beide Politiker zurückweisen, dass ihre Partei mit den zehn Morden in Hanau in Verbindung gebracht wird, sich und die Mitglieder aber auch fragen, was sie an Rhetorik und Auftreten ändern sollten, um eine Grenze zum Rechtsextremismus zu ziehen. Dazu schreibt Micky Beisenherz:

„Eine Ehrenurkunde im Dummstellen möchte man hier AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla verleihen, der in einer öffentlichen Zerknirschungssimulation befand: ‚Wir als #AfD müssen uns fragen, warum wir mit #Hanau in Verbindung gebracht werden.’ Na, sowas! ‚Auch wenn’s schwerfällt. Wer sich rassistisch und verächtlich über Ausländer und fremde Kulturen äußert, handelt gegen Deutschland und gegen die AfD.’ Wäre dies auch nur im Ansatz ernst gemeint, hätte die Partei einen heftigeren Exodus als brandenburgische Dörfer. Von Meuthen über Brandner bis Weidel wären sie alle weg. Das Gerede von ‚Kopftuchmädchen, Burkas und alimentierten Messermännern’ und dem ‚Entsorgen in Anatolien’. Sowas kommt von sowas.“

Die Stelle im Originaltext lautet übrigens etwas anders; nach „auch wenn’s schwer fällt“ folgt noch eine längere Passage. Deshalb das Stück hier im Kontext:

„Allerdings müssen wir uns auch fragen, warum es unserem politischen Gegnern gelingt, uns überhaupt mit solch einem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Dieser Frage müssen wir uns stellen, auch wenn es schwerfällt.
Unsere Partei steht programmatisch fest auf dem Boden des Grundgesetzes. Wir bekennen uns zum Völkerrecht und erheben die Würde des Menschen zur Maxime unserer Politik. So steht es im Parteiprogramm. Und genau aus diesem Grund hat sich die AfD formiert: weil wir unsere eigenen Grund- und Menschenrechte bedroht sehen.
Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass wir anderen Menschen oder Völkern das Existenzrecht absprechen, oder sie abschätzig behandeln. Derartige Sichtweisen lehnen wir im Gegenteil strikt ab. Sie gehören nicht zu den guten deutschen Traditionen, die wir bewahren wollen. Wer sich rassistisch und verächtlich über Ausländer und fremde Kulturen äußert, handelt ehrlos und unanständig und damit gegen Deutschland und gegen die AfD.“

Weiter, nun wieder in Mickys Stern-Kolumne:

„Schon seit langem Beobachten wir ein verbales Wettrüsten. Einen Ton, der mittlerweile so drastisch ist, dass eine Gewalttat fast zwingend logisch wie die nächste Stufe scheint, um sich ‚nach oben hin’ irgendwie absetzen zu können. Und das geht selbstverständlich mittelbar mit auf das Konto derer, die das gesellschaftliche Klima verändern ‚und sich unser Land zurückholen’ wollen. Der Täter von Hanau hat nach allem, was wir wissen, alleine gehandelt. Das kann dennoch nicht in Abrede stellen, dass wir seit geraumer Zeit ein massives Problem mit dem Rechtsterrorismus haben, der mit dem Hufeisen davon zu galoppieren droht. Natürlich handelt es sich stets um ‚verwirrte Einzeltäter’, von denen es in Deutschland mittlerweile so viele zu geben scheint, dass sie einen Zentralrat gründen sollten. Halle. Lübcke. Teutonica. Alles Einzeltäter. Zumindest für die AfD. Die ihrerseits natürlich gleichsam nie auf den Gedanken käme, bei einem islamistischen Anschlag ähnliche Schlüsse zu ziehen.“

Aber, kleiner Einschub, andere, lieber Micky, nicht wahr?
In der Kolumne geht es weiter:

„Wenn sich ganze Passagen des ‚Manifestes’ eines rassistischen Psychopathen genauso lesen wie das Buch deines Spitzenmanns Höcke, dann hast du als Partei ein Problem. Selbst der isolierteste, psychisch gestörteste Einzeltäter braucht eine Ideologie, auf deren Boden er seine irren Taten für gerechtfertigt hält.“

Nun stellt sich der Fall des Täters von Hanau mittlerweile etwas komplexer dar als am Anfang. Es ist noch nicht geklärt, ob es sich wirklich um einen Einzeltäter handelte. Die Ermittler führen mittlerweile den Vater des Schützen – einen früheren Grünen-Politiker – als Beschuldigten. Und welche Passagen genau lesen sich in dem Manifest genau so wie Höckes Texte? Die, in denen Rathjen erklärt, dass ihn der Geheimdienst seit seiner Geburt überwacht? Dass Jürgen Klopp seine Ideen gestohlen hat? In denen es um Zeitreisen und seine Wiedergeburt in einer Parallelwelt geht? In der er Überlegungen dazu anstellt, die Bevölkerung Deutschlands zu halbieren? Ist es ein Rekurs auf Höcke, wenn er sich in seinem Video auf Englisch an alle Amerikaner wendet, um sie über unterirdische Folterzentren aufzuklären?
In Tobias Rathjens Wahnwelt kommen rassistische Auslöschungsfantasien vor, die sich gegen ganze Völker richten, gegen die halbe Menschheit, sie stehen neben Versatzstücken von narzisstischen Größenvorstellungen und Selbsthass. Aber er übernimmt keine komplette Ideologie, von wem auch immer. Die Bruchstücke, aus denen er sein Manifest zusammenleimte, vom Anschlag am 11. September 2001 bis zu Vernichtungsvorstellungen ganzer Völker – diese Bausteine konnte er überall im Internet finden, und er hätte sie dort auch gefunden, wenn die AfD überhaupt nicht existieren würde.

Aber bevor es noch einmal um die AfD gehen soll, um das, was du, Micky, ‘Zerknirschungssimulation’ nennst, soll es um die wichtigste Wendung in deinem Text gehen: ‘verbales Wettrüsten’. Eine Reihe von Sätzen und Begriffen verschiedener AfD-Politiker zählst du auf. Es gibt natürlich noch mehr zu zitieren. Etwa Björn Höckes „wenn einmal die Wendezeit kommt, machen wir Deutschen keine halben Sachen“. Oder die Twitterkommentare aus den Niederungen einzelner Kreis- und Ortsverbände: Unmittelbar nach den Schüssen von Hanau, als viele noch annahmen, es hätte sich um eine Abrechnung im kriminellen Milieu gehandelt, freute sich beispielsweise einer und meinte, es könnte unter Ausländern gar nicht genug Tote geben. Vor allem diese stumpfe Gewaltrhetorik im eigenen Milieu dürften Chrupalla und Meuthen gemeint haben. Und noch das eine oder andere mehr, siehe oben.

Aber der Begriff ‘Wettrüsten’ bedeutet, dass es zwei Seiten gibt, die Aufrüstung betreiben. In deinem Text – und überhaupt in den allermeisten wohlmeinenden Texten zum Meinungsklima in Deutschland – kommt regelmäßig nur eine Seite vor. Die Praxis erinnert bei allen Unterschieden an die Nahost-Berichterstattung der gleichen Medien. Dort bestimmt in bewährter Weise jeder israelische Angriff auf den Gaza-Streifen die Überschrift, die Raketen der Hamas finden in Regel eine Erwähnung weit unten im Text, wenn überhaupt. Oft heißt es dann auch: Raketen aus dem Gaza-Streifen, die Geschosse fliegen also ohne Absender. Lesern beziehungsweise Zuschauern muss es so vorkommen, als würde dort nur eine Seite Krieg führen. Das ist von denjenigen, die so berichten, womöglich auch genau so beabsichtigt.

Wenn immer der Bundespräsident oder ein Kommentator die Verrohung im öffentlichen Sprachgebrauch und vor allem in dem Hauptübel Internet beschreibt und beklagt, dann redet er von einer Seite. Er spricht von den tatsächlichen Rassisten, den Fremdenhassern, denen dann oft sehr großzügig auch alle zugeschlagen werden, die etwas an der deutschen Migrationspolitik und den Political-Correctness-Machtansprüchen auszusetzen haben. Auch in der Stern-Kolumne richtet sich die Kritik gegen die AfD, ihre Wähler und schließlich, am Textende, gegen die Bild-Zeitung. Nur die Formel ‘verbales Wettrüsten’ deutet logisch folgerichtig, aber praktisch folgenlos an, dass in dem Text eigentlich noch etwas anderes vorkommen müsste.

Womit beginnen wir bei der Beschreibung dieses Missing Link? Vielleicht mit Sebastian Pertsch, Autor und Journalist, unter anderem für den NDR und den Tagesspiegel, der 2015 twitterte: „Kann man diese rechten Arschlöcher nicht mal ausbürgern, für ein Jahr nach Mali schicken, zurückholen, in ein Asylheim stecken und anzünden?”.

Das tippte er am 16. Juli 2015. Also noch vor der Migrantenwelle ab September, und zu Zeiten, da die AfD noch um die fünf Prozent pendelte. Am 4. September 2015, beschrieb Sebastian Gierke in der Süddeutschen diejenigen, denen die Idee bedingungslos offener Grenzen für alle nicht einleuchtete:

„Ihr heimatliebenden Zustandsbewahrer, emphatielosen Wüteriche, wunderlichen Nicht-Neger, aufrechten Stehpinkler, verkrampften Gutmenschen-Schlechtfinder. Ihr deutschen Kosten-Nutzen-Denker. Ihr besorgten Patrioten. Ihr IchbinkeinNaziaber-Sager, Ihr IchkenneauchnetteTürken-Kartoffeln, ihr unkorrekten Pegidisten, ihr nationalen Oberlehrer. Es ist 2015. Und ihr kommt aus euren Löchern ans Licht gekrochen.“

Aus den Löchern ans Licht: Die Mitarbeiter der Süddeutschen versahen den Text des empathiestrotzenden Tiervergleichs-Gutfinder übrigens mit der Qualitätsplakette „Lieblingsgeschichte der Redaktion“. Im gleichen Jahr, ein paar Monate später zitierte die Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski aus Internetseiten der guten Nichtzustandsbewahrer:

„Wir lachen auf Facebook, und wir lachen auf Twitter. ‚Wenn man diese Pegida Trottel sieht, fragt man sich wie eine Pisa-Studie der DDR in den 70ern wohl ausgesehen hätte?!’, schreibt jemand. ’Selbst mit dem addierten IQ aller Pegida-Trottel hätte eine Kuh noch Mühe, Ihre Blasenfunktion zu regulieren’, ein anderer.“

In ihrer Kolumne fand sie damals, es sei gefährlich, über diese Trottel zu lachen, sie, die Wohlmeinenden, sollten mit den Trotteln auch – trotz des Kulturgefälles – reden, natürlich nur unter vielen Voraussetzungen. Mittlerweile meint sie auch das nicht mehr.
Andere meinten das noch nie. Beispielsweise Spiegel-Journalist Hasnain Kazim, der kurz nach der Bundestagswahl 2017 – einszweidrei im Sauseschritt / läuft die Zeit, wir laufen mit – folgendes Endurteil über die Bevölkerung eines ganzen Landesteils auf Twitter fällte:

„Höre, ich soll Ostdeutsche ‚ernst nehmen’. Ihr kamt 1990 mit nem Trabi angeknattert und wählt heute AfD – wie soll ich euch ernstnehmen?“

(Das Problem mancher Gutmeiner sind ihre heißesten die Verehrer, das ganz nebenbei: https://www.volksverpetzer.de/social-media/kazim-afd/)

Bei Kazims Verlautbarungen handelt es sich, um Eduard Zimmermann zu bemühen, um keinen Einzelfall. Wird das politisch aussätzige Verhalten auch noch in einer bestimmten geografischen Zone vermutet, in Ostdeutschland, speziell in Sachsen, dann kommen regelmäßig verbale Massenvernichtungswaffen zum Einsatz. Ebenfalls nach der Bundestagswahl 2017 twitterte der Kommunikationsdirektor des Erzbistums Köln Ansgar Meyer:

„Tschechien, wie wär’s: Wir nehmen Euren Atommüll, Ihr nehmt Sachsen?“

 

„Das einzige, was dieses Bundesland noch retten kann, ist eine Koalition aus RAF und Royal Air Force“, meinte wiederum der ZDF-Dienstleister Jan Böhmermann nach der Landtagswahl in Sachsen.

Böhmermanns Satz soll zur Abkürzung stellvertretend für alle Bomber-Harris-Napalm-Wünsche der letzten Jahre speziell für die Bewohner Dresdens und das umliegende Bundesland stehen.

Die Vorstellungen, wie am besten mit Leuten umzugehen wäre, die einfach nicht auf der gleichen Zivilisationsstufe stehen wie man selbst, gehen allerdings weit über die vier Millionen Einwohner eines südöstlichen Teilstaats hinaus. Zeit online, sonst immer sehr besorgt über die Einhaltung der Netiquette („Zuschrift gelöscht. Verzichten Sie auf Pauschalierungen“) veröffentlichte kürzlich diese Lesermail:

Ganz nebenbei, wirklich originell ist der Gedanke nicht, Lager zu errichten, damit sich ‘33 nie wiederholt. Das praktizierten beispielsweise, mit ungefähr dieser Begründung, die sowjetischen Behörden, als sie das KZ Buchenwald nach 1945 als Speziallager Nr. 2 weiterbetrieben.

Dort landeten neben tatsächlichen Nationalsozialisten und willkürlich verhafteten Verdachtsfällen auch Sozialdemokraten und Bürgerliche, die als Gefährder der neuen Ordnung galten. Gesellschaftliche Säuberungen dieser Art bereiteten den Boden für die Gründung des Staates, den Bodo Ramelow bis heute nicht als Unrechtsstaat bezeichnen möchte.

Wie immer, wenn es um die Ausmerzung des Bösen geht, darf sie sich nicht nur auf die identifizierten Bösen konzentrieren, sondern auch auf deren nähere Umgebung. Wie, dazu gibt die Süddeutsche Rat.

Bekanntlich machen wir Deutsche, siehe oben beziehungsweise Björn Höcke, keine halben Sachen.

Wesen, die aus Löchern ans Licht kriechen, auch sonst allerlei Tieranalogien bestätigen, ästhetisch versagen, im falschen Landesteil leben, und, selbst, wenn sie nicht dort leben, jedenfalls falsch denken und wählen, diese Existenzen also zu ächten, klein zu machen und zu strafen, das stärkt und erhebt den Busen der Kleinmacher.

Überhaupt spielen Beherrschungs-, -Bestrafungs- und Auslöschungsfantasien bei den verbalen Aufrüstern der Gutdenk-Seite eine zentrale Rolle, die sich gar nicht so grundsätzlich von den Gedankengängen des Täters von Hanau unterscheiden. Hass & Hetze dieser Sorte findet sich auch nicht vorwiegend im Zuständigkeitsbereich des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes, sondern in Qualitätsmedien, auch in Publikationen von schnellen Hassbrütern wie der Kahane-Stiftung.

Es gibt ein Gedicht von Erich Fried namens „Maßnahmen“, das so literaturkalendergängig und überraschungsfrei ist wie fast alles von diesem Autor. Dort heißt es:

“[…]

Die Feinde werden geschlachtet

Die Welt wird freundlich

Die Bösen werden geschlachtet

Die Welt wird gut”

Erich Fried hätte sich wahrscheinlich nicht vorstellen können, dass seine uneigentlich gemeinten Verse (der Hinweis ist mittlerweile nötig) heute von einer ganzen Reihe von Leuten, die sich für aufgeklärt, tolerant und urban halten, ernsthaft als gesellschaftspolitische Anregung verstanden werden.

In seinem Buch „Die Wiedergutmacher“ schreibt der Psychologe Raymond Unger, dass Selbstbilder nur dann nicht destruktiv wirken, wenn jemand sie positiv formuliert. Anderenfalls schlägt der Vorsatz unterbewusst ins Gegenteil um. Er zeigt das an einem politisch unverdächtigen Beispiel. Sagt sich jemand, der abnehmen möchte: ‚ich will nicht fett sein’, dann mache das Unterbewusstsein daraus unweigerlich die Programmierung ‚fett sein’. Jemand müsste sich also vornehmen, schlank zu sein, und möglichst schon ein Bild von sich als schlankem Menschen entwerfen. So ähnlich, meint Unger, verhalte es sich auch mit dem zentralen Vorsatz der besseren Deutschen: ‚ich will kein Nazi sein’.

Das klingt auf den ersten Blick spekulativ. Allerdings passen die oben aufgezählten Reinigungs- und Vernichtungsfantasien im Namen des Guten und Wahren exakt zu Ungers These.

Kommen wir also zurück zu der wunderbaren Formel ‘verbale Abrüstung’. Die ist natürlich allemal besser als ihr Gegenteil. Aber sie beschreibt auch nur die Ablehnung eines Zustands. Verbal abzurüsten ergibt für alle Beteiligten nur einen Sinn, wenn etwas folgen soll: das Gespräch. Verschiedene, sehr verschiedene Leute im Gespräch, auch im irgendwie eingehegten Streit – das wäre eine ins Positive gewendete Gesellschaftsvorstellung. Sie hängt davon ab, ob sich dafür genügend Teilnehmer finden. Wer auf der einen Seite des Spektrums meint, ein Einwanderer könnte nie Deutscher werden, der hat nicht viel mit anderen zu besprechen, die das anders sehen. Mit Einwanderern schon gar nicht. Für die Wohlmeinenden auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob sie überhaupt eine entradikalisierte AfD wünschen. Oder ob ihnen die Feindbilder, von der Partei bis zu ganz Sachsen, nicht im Gegenteil sogar nützlich vorkommen.

Auf „Ruhrbarone” schilderte die Feministin Naida Pintul, die sich in ihren Vorträgen gegen Islamismus und gegen das Kopftuch ausspricht, wie linksradikale Gruppen ihre Vorträge an Universitäten zu unterbinden versuchen. Ein Argument dabei lautet: Mit Faschisten spricht man nicht. Als Faschist, um das noch einmal irrtumsfrei festzuhalten, gilt diesen Gruppen Naida Pintul.

Je böser der Feind, desto leichter lässt sich die eigene Tugend signalisieren. Erst recht, wenn es sich um einen Gegner handelt, von dem keine annähernd so große Aggression ausgeht wie auf den medial mittlerweile üblichen Schlachtgemälden.
Noch nie war es so leicht wie heute, den Pokal im Weiße-Rose-Ähnlichkeitswettbewerb zu gewinnen. Wer den AfD-Mitgründer Bernd Lucke im Hörsaal niederschreit – nach Ansicht einer SPD-Figur aus der Umgebung des Bundesaußenministers handelt es sich dabei um eine Frage der „gesellschaftlichen Ehre“ – , wer Hotels unter Druck setzt, keine Räume an die Falschen zu vermieten, wer Parteibüros angreift, die Kinder missliebiger Politiker in der Schule mobbt, wer gegen Dunkelsachsen twittert, zum Ausgrenzen und Kleinmachen anstiftet, Faschismus ruft und in Wirklichkeit noch nicht einmal die Argumente einer liberalen Feministin erträgt, der riskiert nicht ernsthaft, sich dabei auch nur einen Fingernagel zu brechen.

Stünden auf der anderen Seite tatsächlich Faschisten respektive Nationalsozialisten samt SA, dann sähe das anders aus. Wie wäre es eigentlich zu erklären, wenn im „besten Deutschland, das wir je hatten“ (Peter Altmaier) authentische Nazis gleich auf mehrfacher Zeppelinfeldgröße aufmarschieren würden?

Es kommt also auf den Versuch an, Gespräche zu führen, deren Verlauf nicht von vorn herein feststeht. Einen Vorschlag zur verbalen Abrüstung machte vor kurzem eine Gruppe sehr unterschiedlicher Leute, die dazu aufrufen, Begriffe wie ‚Nazis’ und ‚Faschisten’ nicht inflationär zu verwenden. Zu den Unterzeichnern gehören Henryk M. Broder, Vera Lengsfeld, Monika Maron, Cora Stephan, Egon Flaig, Michael Klonovsky, Uwe Dziuballa, Rafael Korenzecher (und auch der Autor dieses Textes).

Es handelt sich, wie gesagt, um ein Angebot. Einen Anfang sehr bescheidener Art. Vermutlich wenden einige ein, sie würden zwar die Intention des Aufrufs teilen, aber nicht den Platz mit den Unterzeichnern, denn das wären eben teilweise oder ganz die Falschen.

Alles läuft auf die Frage hinaus, ob Streit aus der Gesellschaft verbannt werden soll. Es handelt sich nämlich nicht um Streit, wenn einige Meinungsinhaber andere für praktisch nicht gesellschaftsfähig erklären und ihre Vernichtung fordern, mindestens aber ihre Isolation. Das ist keine Auseinandersetzung, sondern eine Verdammung.

Streit setzt zweierlei voraus: Erstens ein gewisses Maß an Unterschiedlichkeit – worüber sollte man sonst streiten? Und eine minimale Vereinbarung über die Form. Anderenfalls entsteht keine Arena, die zwei oder mehrere Seiten betreten können.

Das Medium jedes Streits ist das Gespräch. Vielleicht kommt das tatsächlich nicht mehr zustande.

Aber was wäre die Alternative?

Micky, weißt du eine Antwort?