Esst weniger Reis!

Von Leopold Vogt | Wir werden wahrlich überhäuft mit Empfehlungen was ‘gut’ für uns sei, in jedem Lebensabschnitt, in jeder Situation, an jedem Tag. Ein wichtiger Teil davon ist – natürlich – unsere Ernährung: “Low Carb”, “Low Fat”, “High Protein” – Low Schlagmichtot. Und wem da schon langweilig wurde, für den gibt es Kombos wie: “Low Fat – High Protein”, Low dies, Low das, high sonstnochwas… – Sie wissen was ich meine. Für wen das nicht esoterisch genug ist, dem sei zu Härterem geraten, zum Beispiel “Basisch”.

Besonders heraus kristallisierten sich jedoch zwei Arten, Vegan und Vegetarisch. Wer kennt sie nicht: reißerische Überschriften, zwielichtige (aber auf jeden Fall selbstsicher vorgetragene) Interviews und Vorträge darüber, dass Veganer einfach überlegen sind?
Wer kennt nicht die Menschen aus seinem Umfeld, die ganz stolz umgestiegen sind, auf (moralisch) “bessere” Ernährung? Ein Hauptargument für viele stammt aus der Ethik, für vegane Kost wird augenscheinlich kein Tier ‘gequält’ oder gar ‘ermordet’ (davon abgesehen, dass besonders Gemüse extrem intensive Landbewirtschaftung und hohen Düngereinsatz fordert).

Und wer carnivore Ernährung mit Massenmord gleichsetzt, für den ist es nicht vertretbar, solche Praktiken weiter bestehen zu lassen: Die Menschen müssen bekehrt werden! Dieses Argument ist auch nicht neu, nur spielt seinen Urhebern das Schicksal kolossal in die Karten: Für Vieh wird mehr Fläche benötigt als für Gemüse! Besonders, wenn man die erzeugten Nährwerte vergleicht fällt dies natürlich auf. Und wer die steigende Weltbevölkerung ernähren will müsste schließlich die Fläche effizienter nutzen.

Doch das allerbeste Argument ist sicherlich dieses: Kühe rülpsen! Und zwar gar nicht wenig: 150 bis 250 Liter Methan am Tag. Und nach anerkannter Meinung ist Methan ein noch viel schlimmeres Treibhausgas als CO2. Wir alle hören es laufend: Für das Klima muss der Fleischkonsum reduziert werden, auf wenige Gramm in der Woche, oder gar nichts mehr – die Forderungen differieren, die Stoßrichtung nicht. Nur sagen das nur wenige so direkt, die meisten verklären die Vorstellung mit romantischem Historismus in Form vom Märchen vom “guten Sonntagsbraten”, den sich freilich jeder jeden Tag reingepfiffen hätte, wenn er denn konnte. Getreidebrei und Kartoffeln sind schließlich weitaus weniger nahrhaft als Fleisch.

Doch zurück zum Methan. Methan kann vom All aus gemessen werden, zum Beispiel mit ENVISAT. Seine Daten, genauso wie die eventueller anderer Satelliten diesen Typs müssten nun ja eigentlich gigantische Methankonzentrationen über Gebieten intensiver Tierhaltung zeigen. Tatsächlich zeigen sie vor allem eines: Feuchtgebiete und Reisanbau stoßen extrem viel Methan aus. Doch was bedeutet das? Nun ja, dass auch Reis, der ja wirklich vegan scheint, klimaschädlich ist. Und das macht auch Sinn, denn sowohl Moore als auch Reisfelder beherbergen viel organische Substanz unter Luftabschluss (unter Wasser). Natürlich gärt diese dann wie in einer Biogasanlage, die warmen Temperaturen in Reisanbaugebieten befördern dies weiter. Genauso stoßen Moore Methan aus, auch wenn viele Umweltschützer diese früheren Orte des Grauens (Menschen versinken im Moor, Moore sind schwer durchdringlich, Faulgase und Irrlichter sind auch nicht optimal) gerne als Kohlenstoffsenken hinstellen möchten (was sie ja irgendwie auch sind). Nur wandert ein Teil des Kohlenstoffs in Form von CH4 wieder in die Atmosphäre. Wer das Klima schützen will, sollte also wenn dann weniger Reis essen. Und sich nicht beirren lassen seine Ernährung um gesunde Mengen Fleisch zu ergänzen.

Weiterhin könnte man sich fragen, ob dann nicht die Trockenlegung diverser Sumpfgebiete auch ein probates Mittel im ‘Kampf gegen den Klimawandel’ sein sollte. Ob Fridays for future umfunktioniert werden könnte in ‘Fridays für’s Trockenlegen’. Auf den gewonnenen Flächen könnten sie dann wunderbar Rinder weiden lassen und überlegene Nahrungsmittel produzieren, wie Kuhmilch. Und wenn ihnen Kühe zu normal sind könnten sie es ja auch mit Wasserbüffeln probieren.

Man könnte auch von China verlangen, statt Reis in Zukunft irgendetwas anderes anzubauen – für’s Klima. Die Grünen könnten einen Rice-free-day propagieren, mit Hühnchenfleisch statt Reis und der Bauernverband könnte – natürlich nur fürs Klima – eine Gemüsesteuer fordern, zuerst nur für Reis. Die Einnahmen könnten dann teils verwendet werden, um durch Entwicklungshilfe armen Reisbauern den Umstieg auf Tierproduktion zu erleichtern.

Niemand müsste mehr aus Armut Reis essen, wenn Brasilien seine Produktion auf mehr Rindfleisch umgestellt hat. Ja, vielleicht müssten sogar Veganer und Vegetarier zum Carnivorismus wechseln. Zumindest diejenigen, die ihre moralische Überlegenheit demonstrieren wollen. Und auch für alle anderen, denen die Instagram-response ihres Essens wichtiger ist als das Essen selbst muss gelten: Esst weniger Reis!

Leider wird das wohl keiner machen – Wissenschaft ist meist dann willkommen, wenn sie die eigene Agenda unterstützt. Wenn nicht, dann deklariert man sie um, als Leugnertum oder was auch immer, erstellt Listen mit angeblichen 11.000 ‘Wissenschaftlern’ (einer der Unterzeichner: Mickey Mouse). Und Lobbyismus betreibt stets nur die andere Seite.

Was das vielleicht aufzeigt ist die Komplexität unserer Ernährung, die ja die Grundlage des Lebens allgemein darstellt. Wer nicht isst kann auch nicht leben. Wer sich einfach abheben will auf jeder Ansammlung von Menschen sagt: “Das ess’ ich nicht!”. Wer eine apokalyptische Debatte anstoßen will fordert Essvorschriften, versucht bestimmte Formen der Ernährung zu verbieten. Während der Veggie-Day scheiterte, erfreut sich die Ideologie dahinter wachsender Beliebtheit. Beliebtheit vielleicht auch, weil sie – wie eine Religion – das Opfer (Fleischverzicht) genauso bietet wie das Heilsversprechen (bessere Gesundheit, Tierliebe, etc), genauso wie die Zugehörigkeit zu einer diätetischen Hautvollée.

Es zeigt auch auf, dass viele Gedanken, die eigentlich einleuchten, wie – Fleischproduktion braucht mehr Fläche, Wasser, Energie … an der Realität kolossal scheitern. Scheitern, wenn eine Almwiese in ein Gemüsebeet umfunktioniert werden soll. Scheitern, wenn im hohen Norden Rentierherden durch Erbsenanbau für Fleischersatz substituiert werden sollen.

Alle diese Versuche sind zum Scheitern verurteilt, weil aus Halbwissen radikale Schlüsse für die Allgemeinheit gezogen werden sollen. Natürlich braucht eine Viehweide mehr Platz pro erzeugter Kalorie als ein Gemüsebeet. Aber die Flächen, die als Viehweide genutzt werden, werden das oft nur, weil sie sich für intensivere Bewirtschaftung nicht eignen. Die Wahl ist nicht: Weide oder Beet, sondern Fleischproduktion oder Hunger.

​Und dies zeigt, dass auch so idyllische Tätigkeiten wie Reisanbau klimaschädlich sind. Kaum jemand wird deshalb auf Reis verzichten, das ist auch verständlich. Nur sollte dann auch keiner sich beschweren, wenn andere gerne viel Fleisch essen.

 

Also, ihr effektgeilen Diätblogger und Instagram-Klein-Stars: Esst weniger Reis! Erfindet neue Diäten, aber lasst uns Normal-Esser in Ruhe mit unausgegorenen Moralpredigten.