Was bleibt eigentlich von Davos?

Wenn die Richtung stimmt, in der zahlreiche Ökonomen die Welt unterwegs sehen. Was Asien angeht: Es bedarf nicht einmal einer grassierenden und gefährlichen Virusepidemie, um zu zeigen, wie sehr China bereits den Rest der Welt dominiert. Die zunehmende Ausbreitung und die drastischen Maßnahmen von Quarantäne und Bewegungseinschränkung leiten die restliche Wirtschaftswelt in Sorgen und düstere Prognosen, was die Entwicklung in China im Rest des Jahres angeht.

Starke Produktionsausfälle dort würden den Warenstrom um den Globus derart beeinträchtigen, dass es mancherorts an Konsumgütern ebenso fehlen könnte wie an Vorprodukten. Derartiges konnte man kommen sehen, und mancher hat es auch – die Weltbörsen reagieren seismografisch. Aber beim Treffen in Davos, das einst eine Zusammenkunft von Denkern und – nein, nicht Dichtern, aber die auch – Topmanagern erfunden wurde, um eine Brücke zwischen der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre und der industriellen Praxis zu schlagen, ist ein Weltevent geworden, der vom wechselhaften Zeitgeist gekapert wurde und der nur noch wenig nach außen dringen lässt von wirklichen Entwicklungen und kühnen Plänen. Das liegt eben auch daran, dass im medialen Echo sowohl in Kerneuropa als auch in den USA der allgemein als „Westen“ bezeichnete (und mit Selbsthass reichlich gesegnete) Wirtschaftsraum zum einen starke selbstbezogene Dominanz besitzt, zum anderen dessen Irrungen und Wirrungen das Tagesgeschäft der zahlreich mitbestimmenden „Nichtregierungsorganisationen“ ausmachen. Die restliche Welt aber, sie kann warten. So hat das WEF schon vor Jahren beschlossen, alle möglichen Aktivistengruppierungen zunächst in eigenen Veranstaltungsörtlichkeiten mit einzubinden, wenig später ins Hauptprogramm zu integrieren – wohl in der Hoffnung, die Kritiker von links und aus der (teils in Personalunion auftretenden) Umweltszene zu besänftigen.

Ein klassischer strategischer Missgriff: Die Agenda der geschulten und aggressiven Gruppen wurde nach und nach die des Forums, dessen Seniorchef Klaus Schwab so tut, als sei das WEF aus logischer Entwicklung heraus zu einer Art Umweltgipfel mit angeschlossenem Managertreffen geworden – dass die stets ebenfalls dominanten Politikvertreter ihr Fähnchen gern in den alpinen Wind hingen, versteht sich dabei von selbst. In einer Hinsicht mag das Kalkül aufgegangen sein: Antikapitalistische Demonstrationen mit den rituell dazugehörigen Zerstörungen im Alpenstädtchen gibt es seit Jahren nicht mehr.

Das allein sollten liberalen Ökonomen zu denken geben: Offenbar wohnt der Umsturz inzwischen hier mittendrin. Was europäische, ganz vorne deutsche Manager gern nutzen, um sich anzubiedern – mal mehr oder weniger peinlich bei US-Präsident Trump, wie vor Jahr und Tag zum Empfang harscher Direktiven, mal nicht minder fremdschamerzeugend bei Klima-Aktivisten und anderen Sonderlingen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie beim Erreichen ihrer teils absurden Ziele niemals Kompomisse schließen werden.

Der allseits beobachtete, herbeigesehnte oder auch leise (sehr leise) befürchtete Niedergang der klassischen Autoindustrie zum Beispiel dürfte nicht genügen: Selbst wenn alles, ironischerweise etwa genauso ressourcenverbrauchend wie bisher, nur halt anders, von Verbrennungsmotoren auf Elektroantrieb umgestellt sein wird, wartet die nächste Überraschung gleich hinter der übernächsten Ecke: Es werden die den Staffelstab übernehmen, denen es gar nicht um einen bestimmten Antrieb geht, sondern um die Abschaffung privater Mobilität: Ideologie darf, kann und wird nie aufgeben. Die Bücklinge deutscher Manager dienen also am Ende niemandem, sie führen dem Normalbürger allerdings schön vor Augen, wie weit es mit der Charakterfestigkeit dieser Leute wirklich her ist. Sie selbst sind, mit Verlaub, wenig nachhaltig.

Unterdessen, an einem beliebigen Ort in Südostasien: Die Not vieler Bevölkerungen ist dabei, sich zu verringern und selbstverständlich sehen es die Herrschenden der Region als wichtigste Aufgabe, Wohlstand zu schaffen: Mit einer Energieversorgung für alle, Konsumgütern und eigener Industrieproduktion.

Die Hungersnöte etwa in Indien, vom dystopisch an vorderster Front kämpfenden Club of Rome – bekannt für beharrliche Fehlprognosen im globalen Maßstab – schon jahrzehntelang prophezeit, finden natürlich nicht statt. Umweltschützer, ob echt oder selbsternannt, versuchen Proteste dort meist gar nicht erst – die finden dann in Europa statt, wo ein hinreichend vom imaginierten Grauen fasziniertes Publikum vorhanden ist. Immerhin – für Davos bleibt triefende Moral und das säuerlich eingebildete Bewusstsein, auf der „richtigen“ Seite jeder Richt-Linie zu stehen. Dabei, das sagt einem ein erhobener Blick, sind die Linienrichter noch längst nicht von ihren Beratungen zurück.