Die verunsicherte Republik

Mehr Drama geht kaum noch: Die SPD plakatiert aus aktuellem Anlass voller Stolz, sie sei es, die seit 153 Jahren den Faschismus bekämpfe, was ein klein wenig pikant ist, denn Mussolinis „Fascisti“ betraten erst vor 100 Jahren die Bühne. Die Bundeskanzlerin ruft dazu auf, eine demokratische Wahl – Achtung – „rückgängig“ zu machen. Und ausgerechnet die SED-Nachfolgepartei wird zur Hüterin von Demokratie und – notabene – politischem „Anstand“. Dass dann noch Blumensträuße telegen auf Parlaments-Dielen gepfeffert werden, rundet das Bild. Die Medien heizen die Stimmung an, es gibt Kommentatoren, die allen Ernstes meinen, sogar „Buchenwald“ assoziieren zu müssen. Kleiner haben wir’s nicht.

Größenordnungen

Man tritt den Bewohnern dieses schönen Landstrichs nicht zu nahe, wenn man dezent darauf verweist, wie winzig Thüringen ist: In Baden-Württemberg oder Bayern wäre das Ländchen gerade mal ein mittelgroßer Regierungsbezirk. Erfurt rangiert auf der Liste der deutschen Städte an Platz 37.

Hätte Thomas Kemmerich das einzig Richtige getan und die Wahl zum Ministerpräsident demonstrativ nicht angenommen, würde er heute als Held gefeiert und seine Familie müsste nicht um Leib und Wohl bangen und den Zorn der „Antifa“ fürchten. Doch der semiprofessionelle Vorsitzende einer Minipartei ging den Spitzbuben von der AfD auf den Leim. Seither breitet sich ein Erfurter Sturmtief über die Republik aus. Die Vorsitzende der (einstweilen noch) größten Partei Deutschlands hat es bereits weggefegt, und der Chef der FDP ist massiv beschädigt. Jeder, der Kemmerich versehentlich zur Wahl gratuliert hatte, muss ernsthaft um seine politische Zukunft fürchten. Die AfD schlägt sich auf die Schenkel vor Freude.

Die Metaphern der Stunde lauten „Dammbruch“ und „Brandmauer“. Eine Stimmung breitet sich aus, als schrieben wir nicht Februar 2020, sondern Januar 1933. Selbstverständlich ist der AfD-Landesverband Thüringen mit dem zündelnden Vorsitzenden Björn Höcke die unappetitlichste Variante der neuen deutschen Rechtspartei. Gleichwohl stimmen die Maßstäbe der Empörung einfach nicht.

Geschichtsvergessen

Wer jetzt nicht aufrecht und heldenhaft sein NEIN der AfD entgegen schleudere, der sei „geschichtsvergessen“, lautet der Tenor aller Anständigen im Land. Wie sehr muss man eigentlich der siebzigjährigen Demokratie hierzulande misstrauen, wenn man angesichts der aktuellen Ereignisse nur die allerschlimmsten Dämonen der deutschen Geschichte beschwören kann? Der Vergleich der Bundesrepublik unserer Tage mit der Weimarer Republik ist nicht einfach nur schräg, sondern geradezu ahistorisch. Wer ernsthaft meint, die Weimarer „Demokratie ohne Demokraten“ mit dem Deutschland von heute vergleichen zu müssen, sollte vielleicht vor der nächsten Hyperventilation einmal in den Standardwerken von Karl Dietrich Bracher, Kurt Sontheimer oder Heinrich August Winkler blättern.

Das ewige „Wehret den Anfängen“ hat inflationäre Konsequenzen. Die echten Nazis waren eine epochale Verbrecherbande angeführt von wahnsinnigen Massenmördern. Wir nutzen den Begriff „Nazi“ ab und verharmlosen ihn, wenn wir das Wort in unserer aktuellen Situation pausenlos gebrauchen.

Die Gutmeinenden übersehen, wie sehr sie selber zur Spaltung der Gesellschaft beitragen. Die AfD besteht doch nicht nur aus Betonköpfen wie Björn Höcke. Wohin führt denn ein totales Berührungsverbot? Soll beispielsweise ein Bürgermeister zurücktreten, wenn in seinem Gemeinderat auch mit den Stimmen der AfD der Bau eines neuen Klärwerks oder die Renovierung der Stadthalle beschlossen wird?

Die ständige Überreaktion auf die AfD ist Ausdruck von fehlendem historischen Gespür und Mangel an demokratischem Selbstbewusstsein. Und der aktuelle Empörungs-Tsunami beschert der feixenden AfD mehr Publicity als je zuvor. Hysterie war noch nie ein guter Ratgeber.