Abhängigkeiten sind wichtiger

Junge Freiheit

In seinem Buch „Die Morgendämmerung Eurasiens“ prognostiziert der frühere portugiesische Europaminister Bruno Maçães einen grundlegenden Wandel der US-amerikanischen Politik. Im 19. Jahrhundert hätten die jungen USA die Werte der liberalen Demokratie von den weltbeherrschenden Europäern übernommen.

Darin liege jedoch, so Maçães, keine Festlegung auf Ewigkeit. Angesichts des relativen Bedeutungsverlusts Europas und der Verlagerung der globalen Machtverhältnisse Richtung Fernost sei es ohne weiteres vorstellbar, daß die amerikanische Politik sich den in Asien vorherrschenden Wert- und Ordnungsvorstellungen anpasse.

Das Treffen zwischen Donald Trump und Kim Jong-un war ein Vorgeschmack: Der Präsident der westlichen Führungsmacht begegnet dem Führer des vielleicht despotischsten Regimes der Welt auf Augenhöhe. Von Menschenrechten und Demokratie war nicht einmal die Rede; europäische Liberale sind am Boden zerstört. Maçães darf sich hingegen bestätigt fühlen: Macht und Einfluß stehen für die Weltmacht USA im Mittelpunkt. Werte sind Dekorum. Geschätzt und geehrt, aber definitiv nicht alternativlos.

Trump trifft in Asien einen Nerv

Nach westlichem Verständnis basiert eine stabile Friedensordnung auf Regeln, die anerkannt und eingehalten werden. In Asien trifft das auf Mißtrauen. Wem nützen die Regeln und, vor allem, wer hat sie festgelegt? Asiatische Politiker bevorzugen ein System gegenseitiger Abhängigkeiten. Mächtiger ist, wer weniger abhängig ist vom jeweils anderen als umgekehrt.

Ungeachtet seines groben Stils trifft der „Dealmaker“ Trump in Asien einen Nerv. Er versteckt seine Interessen nicht hinter Werten und hehren Prinzipen, er sagt, was er will. Daß er am nächsten Tag seine Meinung ändert, tut wenig zur Sache; die Vorgeschichte des Gipfels in Singapur beweist, wie pragmatisch asiatische Politiker damit umgehen.

Trumps Politik aktualisiert unseren Begriff von Wirklichkeit, und das ist hilfreich. Nordkorea existiert, es besitzt Atomwaffen und Interkontinentalraketen. Die Konzentrationslager mit ihren hunderttausend und mehr politischen Gefangenen verschwinden nicht, nur weil man Pjöngjang das Gespräch verweigert. Nordkorea ist Teil der globalen Realität – China und Rußland haben das längst erkannt, die USA ziehen jetzt nach. Und sie müssen es auch. Die Rolle als Weltpolizist ist ausgespielt; mehr als eine symbolische Militäraktion gegen Korea brächte Washington nicht zustande. Wollen die USA als Großmacht im multipolaren Spiel bestehen, dann am Verhandlungstisch.

China und Rußland verfolgen Entwicklung mit Genugtuung

Auf die asiatischen US-Verbündeten, vor allem Südkorea und Japan, kommen einige Herausforderungen zu. Das mittelfristig reale Maximalziel der US-Politik – Nordkoreas Verzicht auf weitreichende Trägerraketen – läuft im Fall der Umsetzung auf eine spürbar reduzierte US-Präsenz im Westpazifik hinaus.

Nichts anderes besagt der in Singapur vereinbarte Verzicht auf die alljährlichen Manöver Südkoreas und der USA. China und Rußland, die beiden großen eurasischen US-Rivalen, werden die Entwicklung mit Genugtuung verfolgen. Für Japan und Korea könnte sie den Anstoß geben, atomar aufzurüsten – möglicherweise mit stillschweigender amerikanischer Unterstützung.

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