Wider den Diätenwahn – Ein Plädoyer für das Essen nach Lust und Laune

Von Larissa Fußer | Mit meinen 21 Jahren könnte das Leben kaum schöner sein. Ich bin in der Blütezeit meines Lebens – so hübsch, energiegeladen und beweglich wie jetzt werde ich nie mehr wieder. Im Moment kann ich eine Clubnacht mit nur drei Stunden Schlaf ohne größere Probleme wegstecken; ich kann essen, was ich will, ohne große Gewichtsschwankungen; nichts hängt, was nicht hängen sollte; Haare habe ich mehr als ich gebrauchen kann; meine Haut ist faltenfrei und Bauch/Beine/Po sind in Ordnung. Nein, das ist keine Anzeige für Parship.de. Ich will es nur einmal festhalten, falls es mir in ein paar Jahren keiner mehr glaubt. Denn eins ist sicher: ab jetzt geht es mit meinem Aussehen bergab. Wohl nicht von einem auf den anderen Tag – doch nach und nach wird meine Haut immer faltiger und mein Haar immer dünner werden; ich werde am Bauch und an den Oberschenkeln zunehmen und Cellulite am Hintern bekommen. Da führt einfach kein Weg dran vorbei. Wie oft habe ich mir schon Jugendfotos älterer Frauen angeguckt und verdutzt gedacht: „Wow, die war ja mal richtig schön.“ Es schmerzt, sich als junge Frau eingestehen zu müssen, dass man selbst irgendwann alt, faltig und mollig sein wird.

Da tröstet mich auch nur wenig, dass die Natur ganz bewusst das Genom der Frauen so programmiert hat, dass sie mit 20 Jahren auf dem Hoch ihrer äußerlichen Attraktivität sind und danach abbauen. Ok, dann bringt mein Körper aktuell wohl die besten Voraussetzungen für die Austragung eines Kindes mit. Für ein vernunftbegabtes Wesen ist das meiner Meinung nach aber ein äußerst schlechter Grund, jetzt schon Mutter zu werden. Ich kann mir ja zum Glück aussuchen, ob und wann ich ein Kind in die Welt setzen möchte. Beziehungsweise glaube ich gehört zu haben, dass ich sogar erst einmal einen Mann zum schwanger werden brauche. Aber vielleicht ist das auch nur ein Gerücht oder Konstrukt aus der alten Welt. Irgendwann jedenfalls – ob ich bereit bin oder nicht – wird die Natur für mich entscheiden, dass mit dem Kinderkriegen nun offiziell Schluss ist. Die Menopause wird verkünden, dass ich nun nicht mehr fruchtbar bin. Ich werde zunehmen – vermutlich gerade weil ich nun keine Kinder mehr kriegen kann. Aktuellen Forschungen des Max-Planck-Instituts zufolge kann Fruchtbarkeit nämlich schlank halten. (Uwe Knop: „Dein Körpernavigator zum besten Essen aller Zeiten“, 2019). Im Umkehrschluss müsste ein Verlust der Fruchtbarkeit mit Extrapfunden einhergehen. Das sind wirklich grandiose Aussichten.

„Überwinde mal deine Oberflächlichkeit!“

Jetzt werden einige von Ihnen sicher denken: „Mensch Mädel, überwinde mal deine Oberflächlichkeit. Aussehen ist nicht alles!“ Ja, das habe ich schon gemerkt. Bei Männern ist das schließlich genauso. Mit den blendend gutaussehenden Caballeros habe ich bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht. Trotzdem sehe ich, dass es vielen Frauen zusetzt, wenn sie ihre Jugendfigur verlieren. Man braucht sich nur ein x-beliebiges Frauenmagazin ansehen – dann weiß man, dass die meisten Frauen mit ihrer alters- oder anderweitig bedingten Gewichtszunahme wohl nicht so im Reinen sind. Keine Ausgabe kommt ohne Diät-Tipps oder „Low-Carb“-Rezepte aus. Und weil sich Mama dann jeden Tag kritisch im Spiegel beäugt und nur noch Möhren isst, finden sich auch schon viele Mädchen im Grundschulalter oder in der Pubertät „zu dick“ und setzen sich auf Diät. Spindeldürre Idole aus Film und Fernsehen tun dann den Rest. „Dünn“ ist schick, „normal“ ist hässlich, „füllig“ schon ein Selbstmordgrund – so spinnt es bereits in den Köpfen vieler junger Mädchen und Frauen. Wenn sie niemand wachrüttelt, geht das später in der Uni munter so weiter.

Erst neulich habe ich in der Mensa ein Gespräch zwischen einer Gruppe Studentinnen mitbekommen, die geplant haben, mindestens drei Wochen lang gar nichts mehr zu essen. Sie wollten wetten, wer am längsten durchhält, denn ab dem dritten Tag soll es „voll geil“ werden. Dann setzt der Körper nämlich Endorphine frei (eine alte Schutzfunktion des Körpers, um längere Hungerperioden erträglicher zu machen). Man wird high vor Hunger. Die fünf Mädels waren total begeistert und besiegelten ihre Abmachung mit einem Händeschlag. Ich stand daneben und war so entgeistert, dass ich mich in das Gespräch einklinkte. Betont heiter säuselte ich: „Na, wie wär’s denn, wenn ihr das Experiment über die Weihnachtstage veranstaltet?“ Es gelang mir nicht so richtig, mir mein hämisches Grinsen zu verkneifen. Meinen Kommilitoninnen entglitten die Gesichtszüge. „Nein, das geht nicht. Da bringen mich meine Eltern ja um.“, sagte eine von ihnen betroffen. Dann wurde das Thema gewechselt. Na immerhin siegt dann doch noch ihre Lust auf Weihnachtsgans und Plätzchen, dachte ich und biss grinsend in einen Lebkuchen.

Hunger als Glücksgefühl

Nun mag das nicht mehr als eine Jugendblödelei à la „Ich kann länger als du!“ sein. Bedenklich finde ich nur, dass diese Hungerkünstlerinnen mit mir zusammen Medizin studieren. Die haben lang und breit gelernt, was Hungerperioden in ihrem Körper auslösen. Die wissen, dass Hunger für den Körper ein Alarmzustand ist, bei dem er den ganzen Stoffwechsel umstellt. Aber genau das finden die jungen Frauen vermutlich reizvoll: Nur mit der Kraft ihres Willens ihren Körper beeinflussen zu können. In Wirklichkeit wetten sie darum, wer am besten seine körperlichen Bedürfnisse überwinden bzw. ausschalten kann. Ich kann nur hoffen, dass die aus dem Experiment nicht mit einer handfesten Essstörung herausgehen. Wenn die Mädels es wirklich „schaffen“, ihr Hungergefühl abzustellen und auch noch Freude daran haben, sind die perfekten Bedingungen für eine Magersucht gegeben. Sobald ihr Gehirn das Hungergefühl mit einem Glücksgefühl (also einer Endorphin-Ausschüttung) verknüpft hat, können sie eine Sucht entwickeln, die der eines Drogenabhängigen gleicht. Die jungen Frauen werden süchtig nach den Endorphinen und hungern ab jetzt immer weiter, um diese zu bekommen. Wenn sie aus dieser Selbstzerstörung keiner rausholt, geht das bis zum Tod. Jeder fünfte Magersüchtige stirbt an seiner Krankheit.

Man würde meinen, dass Medizinstudenten so etwas wissen und sich hüten, Experimente mit ihrem Hungergefühl zu veranstalten. Doch leider habe ich mein Wissen über Essstörungen und Magersucht aus Büchern (vom großartigen Udo Pollmer), nicht aus Uni-Seminaren. Es ist leider überhaupt nicht schwer, ein essgestörter Medizinstudent zu sein. Die schädlichen Folgen und Gefahren, die Diäten – welcher Art auch immer – mit sich bringen, werden in unseren zahlreichen Ernährungsseminaren genauso verschweigen wie in jeder Frauenzeitschrift.

Gönnt euch lieber was!

Unser Darm ist schlau

Dabei gibt es meiner Meinung nach wenig in der Medizin, was so spannend ist wie der Hunger-/Sättigungsmechanismus des Körpers. Wenn unser Darmhirn (ja, das gibt es wirklich) unserem Gehirn verklickert, dass Appetit auf ein bestimmtes Gericht ausgelöst werden soll, dann steckt da einiges dahinter. In erster Linie ist es ein körperlicher Mangel an bestimmten Nährstoffen, die aus der gewünschten Mahlzeit gewonnen werden könnten. Unser Körper hat ein faszinierendes selbstregulierendes System entwickelt, mit dem er immer sicherstellen kann, dass er die Nährstoffe bekommt, die er benötigt. Dazu hat er im Kindesalter ganz viele Erfahrungen abgespeichert, die wir beim Essen verschiedener Lebensmittel gewonnen haben. Essen ist für Kleinkinder noch eine unheimlich spannende Erfahrung. Sie sehen dem Kind sofort an, was es von dem Gericht hält: entweder es verzieht angewidert das Gesicht und spuckt das Essen aus oder es reißt begeistert die Augen auf, schmatzt beseelt und will mehr. Währenddessen merkt sich der Kinderorganismus ganz genau, wie viele Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate, aber auch Vitamine und Spurenelemente er aus bestimmten Gerichten gewinnt. Später greift der Körper auf diese frühkindlichen Erfahrungen zurück. Wenn uns zum Beispiel Eisen fehlt, werden wir Appetit auf ein Gericht bekommen, das unserer frühkindlichen Erfahrung nach viel Eisen enthält.

Dieser beeindruckende Mechanismus wurde unter anderem in einer Studie in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts erforscht. Die amerikanische Kinderärztin Dr. Clara Davis ließ in ihren Versuchen gerade abgestillte Kleinkinder über mehrere Monate ihre Nahrung völlig frei wählen. Alle sozialen Einflüsse wurden ferngehalten – die Kinder konnten weder Gleichaltrige noch ihre Eltern beim Essen beobachten. Das überraschende Ergebnis: die Kinder entwickelten sich prächtig – sogar besser als die Vergleichsgruppe, die eine nach ärztlichen Vorstellungen optimale Ernährung erhalten hatte. Dabei ernährten sich die Kinder höchst unterschiedlich und wohl ihrem spezifischen Stoffwechsel entsprechend. Zum Beispiel aß ein Kind mit wenig Magensäure hauptsächliche saure Produkte, die wiederum von einem anderen Kind mit sehr saurer Magensäure gemieden wurden. Die Studie wurde zu einem Meilenstein der Ernährungsforschung. (Udo Pollmer: „Prost Mahlzeit“, 1994).

Der Körper holt sich was er braucht.

Hunger und Appetit sind also keine nebensächlichen Launen, sondern ernstzunehmende Signale unseres Körpers. Der kümmert sich besser um sich selbst als jeder Ernährungswissenschaftler das könnte. Er weiß ganz genau, was er braucht und schickt seine Wünsche hoch zum Chef Gehirn. Da erst gehen die Probleme los. Denn im Hirn zählt für die Entscheidungsfindung, ob und was man nun essen sollte, nicht mehr ausschließlich, was der Körper will. Hier können anderweitige Motive, wie der Wille Diät zu halten, die Körperbedürfnisse überstimmen. Doch das bleibt nicht ungestraft. Wer wirklich mit seinem bloßen Willen gegen Hunger und Appetit kämpft, muss schlimmste Hungergefühle ertragen. Das weiß jeder, der schon einmal Diät gehalten hat. Irgendwann drehen sich die Gedanken nur noch um Schokotorte und Rinderbraten, der Bauch schmerzt krampfartig und die Stimmungslage ist mehr als gereizt. 

Der Körper holt sich eben immer, was er braucht. Dafür kämpft er mit allen Mitteln. Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke unseres Organismus. Er sichert schlichtweg unsere Gesundheit und unser Wohlergehen. Wer diesen Mechanismus willentlich ausschaltet, riskiert letztendlich sein Leben. Deswegen zieht der Körper bei fast jeder Diät irgendwann die Notbremse. Das Hungerleiden wird so groß, dass die Diäthalter ihr Fasten brechen und wieder nach Lust und Laune essen. Mit dem Essen kommen auch die Pfunde wieder. In kurzer Zeit nehmen die Diätbrecher mindestens so viele Kilo zu, wie sie abgenommen haben – nicht selten kommen sogar ein paar Kilo extra drauf. Unser Körper ist nachtragend. Für ihn ist jede Verminderung der Nährstoffzufuhr ein Notzustand, der ihm schwer zu schaffen macht. Mit den zusätzlichen Kilos wappnet er sich gegen die nächste Hungerperiode.

Dieser Jojo-Effekt wurde inzwischen schon in zahlreichen wissenschaftlichen Studien bestätigt. Eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2012 hat gezeigt, dass 73 % der Frauen, die sich einem Abnehmprogramm unterzogen haben, nur ein Jahr nach der Diät entweder schwerer oder genauso schwer sind wie vorher. Eine große Übersichtsstudie aus den USA, die 2015 im American Journal of Public Health publiziert wurde, brachte sogar noch deutlichere Ergebnisse: von den untersuchten 77.000 übergewichtigen Frauen und 100.000 fettleibigen Männern, die durch eine Diät abnehmen wollten, hatten nach ein paar Jahren nur 0,8 % der Frauen und 0,47 % der Männer Normalgewicht erreicht. (Knop, 2019).

Unterm Strich keine Gewichtsreduktion

Die inzwischen deutliche wissenschaftliche Evidenz hat so langsam selbst die Mediziner aufhorchen lassen. Unsere Dozenten sind in unseren Seminaren ganz ehrlich und sagen, dass statistisch gesehen die ganzen „Lebensstil-Optimierungsversuche“ (also Sport und Diät) zur Gewichtsreduktion langfristig überhaupt nichts bringen. Spätestens nach einem Jahr wiegen die Patienten mindestens wieder genauso viel wie vorher. Im gleichen Seminar lernen wir dann aber auch, dass wir jedem Patienten mit einem BMI über Normalgewicht empfehlen sollen abzunehmen. Ich finde das vollkommen irre. Die Dozenten erheben mahnend den Finger und sagen, dass Übergewicht direkt zu Herzinfarkt, Schlaganfall, Leberkrebs, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Stoffwechselstörungen, Gelenkbeschwerden, Depressionen und so weiter führt – deswegen soll jeder übergewichtige Patient unbedingt abnehmen. Egal, was der Grund für sein Übergewicht ist. Egal, dass bei den letzten 50 Patienten der Sportplan spätestens in der Weihnachtszeit aufgegeben wurde. Wir Ärzte müssen es doch versuchen. Wenn der Patient scheitert, ist es eben seine eigene Schuld – so denkt es wohl in vielen Medizinerköpfen.

Ich halte diese Praxis für Patientenbetrug. Allein, weil eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2005 gezeigt hat, dass Übergewichtige im Schnitt sogar länger leben als Normalgewichtige. Im Rahmen der Studie wurden drei groß angelegte nationale Datenerhebungen, die sogenannten National Health and Nutrition Examination Surveys (NHANES I bis III), ausgewertet – mit dem Ergebnis, dass die Zahl der Todesfälle in der Kategorie „Übergewicht“ (BMI zwischen 25 und 30) unter der Sterblichkeit der „Normalgewichtigen“ (BMI zwischen 18,5 und 25) liegt. Eine große Übersichtsstudie eines Instituts der US-Gesundheitsbehörde CDC aus dem Jahr 1993 hat sogar ergeben, dass abgespeckte Dicke im Schnitt früher sterben als Übergewichtige, die ihr Gewicht gehalten oder sogar noch ein wenig zugelegt haben. Am längsten lebten erstaunlicherweise die Probanden, die im Laufe ihres Lebens stetig ein wenig an Gewicht zugenommen haben. (Udo Pollmer: „Esst endlich normal!“, 2005). An der Lehrmeinung, dass Übergewicht grundlegend Krankheitswert hat, muss also irgendetwas faul sein.

Essgestörte Ärzte

Ich wundere mich ja nicht, dass viele Ärzte nach wie vor zu Diät und Sport raten. Würden sie damit aufhören, müssten sich viele von ihnen eingestehen, dass sie selbst ungesund leben. Viele Ärzte essen in ihrem Schichtdienst nicht mehr als ein Brötchen im Fahrstuhl auf dem Weg zur Visite – das habe ich an unserem Universitätsklinikum schon zur Genüge mitbekommen. Ich vermute, dass es nicht wenige Ärzte gibt, die selbst essgestört sind und deswegen leichtfertig Diät- und Sportempfehlungen aussprechen. Doch so gestört sie selber auch sein mögen – sollte nicht jeder Arzt bei seinen Behandlungen vor allem das Patientenwohl im Sinn haben? Ich finde es unverantwortlich, Patienten eine Diät zu empfehlen, wenn man (wie oben beschrieben) weiß, dass sie in den meisten Fällen nicht durchhaltbar ist. Man nimmt den Patienten wissentlich einen Großteil ihrer Lebensfreude, treibt sie in Selbstzweifel und Depression, riskiert, dass sie eine Essstörung kriegen – für eine „Erfolgs“-Wahrscheinlichkeit von unter einem Prozent. Das ist doch Wahnsinn.

Es gibt inzwischen zahlreiche Studien, die darauf hinweisen, dass Übergewicht sogar einen physiologischen Sinn hat. Die Datenerhebungen der US-amerikanischen Cancer Prevention Study II aus dem Jahr 2003 zeigten, dass Übergewichtige (BMI zwischen 25 und 30) ein geringeres Krebsrisiko haben als Normalgewichtige (BMI zwischen 18,5 und 25). Erst ab einem BMI von 30 steigt die Sterblichkeit geringfügig an. Außerdem scheint Übergewicht eine protektive Wirkung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu haben. Eine Studie der Yale University mit 8000 Herzpatienten aus dem Jahr 2005 zeigte, dass übergewichtige und fettleibige Patienten ein niedrigeres Sterberisiko haben als Normalgewichtige. (Pollmer, 2005). Ein paar Pfunde mehr scheinen also sogar gesundheitsfördernd zu sein. Diese Studienergebnisse haben unsere Uni-Dozenten natürlich nicht mal am Rande erwähnt.

Wenn ich später einmal Ärztin bin, werde ich hoffentlich nicht jedem fülligeren Patienten eine Diät aufhalsen. Stattdessen möchte ich ihnen empfehlen, mehr auf ihren Körper zu achten. Wenn sie sich selbst mehr wahrnehmen und Freude am Leben haben, werden sie ganz von selbst das Gewicht erreichen, das ihren körperlichen Bedürfnissen entspricht. Vielleicht kann ich meinen Patienten erklären, dass „dem Schönheitsideal entsprechend“ nicht auch der physiologisch beste Zustand für den Körper ist. Ich habe selbst erst vor Kurzem verstanden, dass es nicht „das Universal-Optimalgewicht“ gibt. Welches Gewicht gesund ist, scheint vielmehr individuell und von vielen Faktoren abhängig zu sein.

Der Körperbautyp

Studien der deutschen Humanbiologin Holle Greil zeigten zum Beispiel, dass der Körperbautyp und das Alter großen Einfluss auf das Gewicht haben. Die Professorin dokumentierte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über 40 Jahre lang ausführlich die Körperbauentwicklung von 68 000 Menschen. Die Auswertung der Datenerhebungen ergab, dass der Körperbau (dünn oder mollig) jedes Menschen direkt an seine Fettmasse gekoppelt ist. Das ist wichtig, da bei der klassischen BMI-Gewichtskategorisierung die Fettmasse gar keine Rolle spielt. Ein hagerer Körperbautyp ist also wahrscheinlich hager, weil er nur wenig Fettpolster aufbauen kann. Ein molliger Typ hingegen ist mollig, weil sein Körper besonders viele Fettpolster ansetzen kann und das auch tut. Außerdem wurde in der Studie deutlich, dass jeder Mensch – unabhängig vom Körperbautyp – als Baby eher mollig, als Jugendlicher eher schlaksig und als Erwachsener wieder etwas fülliger ist. Sowohl mollige als auch hagere Körperbautypen nehmen also im Laufe ihres Lebens zu. Der einzige Unterschied: je hagerer der Körperbautyp, desto geringer die Gewichtszunahme; je molliger, desto mehr Kilos kommen im Alter hinzu. (Gunter Frank: „Lizenz zum Essen“, 2008).

Wie entscheidet sich nun aber, welchen Körperbautyp man hat? Zu den Ursachen des Übergewichts wurde schon viel geforscht. Wenn man eines in den Studien herausgefunden hat, dann dass der größte Risikofaktor das Gewicht der Eltern ist. Berechnungen des Stanford-Genetikers Gregory Barsh zufolge, beträgt der Anteil des Erbguts am Körpergewicht bei 50 bis 90 Prozent. (Pollmer, 2005) Hier liegt der Kern des Diäten-Dilemmas. Die ganzen Abnehm- und Körperoptimierungsphantasien beruhen ja alle auf der Vorstellung, den eigenen Körper wirklich verändern zu können. Die Gene lassen sich aber nicht beeinflussen – da kann man sich abquälen wie man will.

Die Haltung zum eigenen Körper

Das einzige, was sich wirklich ändern lässt, ist die Haltung zum eigenen Körper. Das bedeutet auch, sich nicht mehr in Phantasien von „dem besseren Körper“ zu verlieren, sondern seinen Körper so anzunehmen wie er ist. Phantasie von Realität zu unterscheiden, lernt man ja eigentlich schon als Kind. Ich wollte zum Beispiel als kleines Mädchen immer Prinzessin sein. Irgendwann musste ich aber traurig einsehen, dass ich nicht Königs-, sondern Lehrertochter bin. Während ich das schon als Kind verstanden habe, merke ich, wie schwer es mir auch heute noch fällt, meinen Körper einfach mal so zu mögen wie er ist. Da spielt auch rein, dass ja fast alle Frauen in meiner Umgebung unzufrieden mit ihrem Körper sind. Wir leben in einer Zeit, in der es als schick gilt, ein Grashalm im Wind zu sein. Die Folge ist, dass jeder Blick in den Spiegel sofort mit kritischen Gedanken verknüpft ist: Mein Bauch war auch schon mal flacher, meine Oberschenkel sind zu dick, mein Busen könnte größer sein – das kennen wohl viele. Doch der Selbstbetrug bei der Sache ist, dass einen ja auch ein vermeintlich perfektes Aussehen nicht glücklicher machen würde. Wer seinem Körper stets kritisch gegenübersteht, wird nie mit sich zufrieden sein. Wenn der Bauch flach und trainiert ist, sind die Brüste zu klein. Wenn die Brüste operiert sind, sind die Füße zu groß. Der Selbstoptimierungsdrang ist ein Fass ohne Boden. Wer ihn nicht überwindet, wird sich sein Leben lang selbst bekämpfen. So möchte ich nicht leben.

Es wird wohl noch etwas dauern, bis ich dazu finde, dass mir mein Körpergefühl wichtiger ist als mein Aussehen. Doch ich verstehe langsam, dass meiner Gesundheit ein paar Pfunde mehr sogar guttun würden. Mir wäre nicht mehr so oft kalt, wie jetzt. Außerdem würde ich vermutlich kräftiger und belastungsfähiger werden. Sicher ist, dass ich mir später, wenn ich eine alte, faltige und mollige Frau bin, um andere Dinge Gedanken machen will, als um meine Figur. Ich möchte mein Leben so gestalten, dass ich genug habe, was mir wichtiger ist als mein Spiegelbild.  Es wäre schön, wenn ich dann eine Ärztin in eigener Praxis bin und meinen Patienten dabei helfen kann, den Krieg gegen ihren eigenen Körper zu überwinden. Statt Diäten möchte ich ihnen ein ausgelassenes Weihnachtsessen verschreiben – bei dem sie mit Freunden und Familie glücklich schmatzend ihren Braten genießen. Ist ja schon frustrierend genug, dass ihre Jugend vergeht. Die Freude am Essen braucht man sich davon nicht auch noch verderben zu lassen.