Musik zur Zeit: Gedankenwächter

Böse Musik für böse Zeiten. laut und mit scharfen Gitarren. Dort, wo gerade eine neue Variation der Anti-Rechts-Notregierung entsteht, die den Osten mittlerweile fast überall in die 20er Jahre führt, geht es musikalisch hart zur Sache. Im 35. Bandjahr ist die Thüringer Heavy-Metal-Kapelle Macbeth unterwegs, mit drastische Gitarrenriffs von der Gegenwart zu erzählen.


Laut und ungemütlich geht es da zu und es werden keine Kompromisse gemacht. “Teile und herrsche heißt das Prinzip, um Euch zu lenken, wie es uns beliebt”, heißt es im Lied, das Titeltrack des gleichnamigen nächsten Albums ist. Macbeth, 1985 entstanden als eine der ersten Metal-Bands der DDR und bis heute Metaller mit langen Haaren, übernehmen in den Stück die Funktion, die früher automatisch Deutschrockern und Liedermachern zufiel: Den Finger in die Wunde legen, Musik zur Zeit machen, Gesellschaftskritik üben.

Das geht im Land des erweiterten Meinungsfreiheitsschutzes nur von ganz oben, wo der kommerzielle Erfolg die Freiheit verschafft, allen Nachstellungen und Drohungen zu widerstehen. Oder mit dem Selbstbewusstsein einer Bandgeschichte, die das alles schon einmal verzeichnet. Kaum gegründet, hatten die DDR-Behörden Macbeth verboten. Das Album-Debüt „Macbeth“ konnte deshalb erst mit zwei Jahrzehnten Verzögerung erscheinen, die später folgenden Werke „Gotteskrieger“. „Wiedergänger“ und “Imperium” deuteten an, was hätte sein können, wären das nicht Alben zwei, drei und vier, sondern – wie der in derselben Epoche im westdeutschen Essen gegründeten Metalcombo Kreator – die mit der Nummer 13, 14 und 15.

“Gedankenwächter” zitiert George Orwells Satz “Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit”, der beim dritten Lesen auf aktuelle regierungskonzepte verweist: Wo der Staat, eigentlich das Instrument der Ausübung von Volksherrschaft, sich selbst zum Absolutum erklärt, um das die Volksherrschaft zu kreisen hat, hat der Bürger nicht zu widersprechen. “Unwissenheit ist Stärke, Krieg ist Frieden, Freiheit Sklaverei”, wie Sänger Oliver Hippauf knurrt.

Doe fünf Thüringer wagen sich mit diesem Monolithen aus rasenden Gitarren, düsterem Gesang und politischem Inhalt weit vor in einer Szene, in der es meist um Vampirgeschichten und Zauberspruchrock geht. Leicht geht anders. Hier gibt es stattdessen Bilder aus dem Vietnamkrieg, aus Hiroshima und von Edward Snowden, vom 11. September, von der NSA und der Staatssicherheit. Gerhard Schröder taucht auf, Joschka Fischer und Richard Nixon, ein Schnelldurchlauf durch die Moderne, der keine Deutung vorgibt, sondern Platz für Interpretationen lässt.

Bei Youtube belegten gleich die ersten Reaktionen, wie nahe die Knüppelkunst der  Metallklassiker der Gegenwart gekommen ist: Nach Beschwerden über die automatische Meldefunktion wurde das Video als “unangemessen” markiert. Nun ist es nur noch für Erwachsene verfügbar.