Klimahitparade: Musternation Indien punktet mit Kohlestrom

Wer kennt sie nicht, die umweltfreundlichen indischen Müllverbennungsanlagen.

Diesmal ist es ein Klimaschutz-Ranking, ausgedacht von „internationalen Umweltorganisationen“, das Deutschland ausnahmsweise nicht ganz vorn zeigt, als eine der von irgendetwas am heftigsten betroffenen Regionen. Sondern eine Klimahitparade, die dem Kernland der EU nachweist, wie groß seine Schuld am Klimawandel ist: Größer als die von Indien, auch als die der Ukraine oder der Regenwaldverbrennungsnation Brasilien mit Rodungspräsident Jair Bolsonaro an der Spitze nämlich.

Weil der Treibhausgasausstoß und und „der Pro-Kopf-Verbrauch“ (Die Welt) hierzulande hoch sind, nützt auch die Tatsache nichts, dass Indien sechzehn mal mehr Bürgerinnen und Bürger zählt: Der Deutsche stößt 8,7 Tonnen CO2 aus, der Inder nur 1,61. Die Rechnung scheint bei 83 Millionen Deutschen und ihren Gästen eigentlich zugunsten Deutschlands ausgehen zu müssen. Doch nicht nach den Formeln „mehrerer Umweltorganisationen“ (DPA), deren Gleichungsbrei Deutschlands Medien reportieren wie Hunde ihr Stöckchen.

Nur nicht fragen, ob es wirklich sein kann, dass Indien mehr Umweltschutz betreibt als Deutschland? Dass Marokko, berühmt für seine wilden Plastiktütenhalden und das Fehlen jedweder Filtertechnologie in Kraftwerken und bei Hausheizungen, mit „gut“ bewertet wird? Während Staaten wie Österreich, die USA oder Kanada rettungslos dahinter liegen?

Fantasieorganisationen wie Germanwatch, das Climate Action Network (CAN) und das New Climate Institute in Köln, das von Belgien aus von einem deutschen Physiker geführt wird, der sich „Klimawissenschaftler“ nennt, obwohl er sein Leben lang nur zu klimapolitischen Themen geforscht hat, machen es möglich. Sie rechnen nach eigenem Gutdünken: Kohleausstiegskompromiss mal Klimapaket durch internationalem Einsatz minus Treibhausgasausstoß und Energieverbrauch pro Kopf mal Datum und Geschichtsschuld – und schon „macht Deutschland im Klimaschutz-Index vier Plätze gut und landete auf Rang 23, liegt aber weiterhin hinter Staaten wie Indien, der Ukraine oder Brasilien“ (Tagesschau).

Die Gesamtbewertung für die selbsternannte Klimaschutznation Nummer 1 lautet „mäßig“, das ist hier ein sehr gut, denn “gut” bekommt eigentlich keiner, weil Belgien beispielsweise das CO2 mitmelden muss, dass der Chef der Siebenmann-Klitsche New Climate Institute „verbraucht“ (Malu Dreyer), wenn er zwischen dem Institut und seiner Uni in Wageningen pendelt.

Positive Signale – so werden hier die ewigen Absichtserklärungen und immer ehrgeiziger werdenden Ziele der Weltklimaretter genannt – zählen alles. Taten zählen nichts. So kann ein Riesenstaat wie Indien auch 35 Jahre nach der Katastrophe von Bhopal alles unterlassen, um die Bewohner der bis heute kontaminierten Katastrophengegend zu schützen. „Internationalen Umweltorganisationen“ ist das dann aber viel zu konkret und deutschen Medien jede Nachfrage tendenziell zu ausländerfeindlich.

Also lieber wieder die Selbsthass-Nummer: Weder die Ziele noch die geplanten Maßnahmen seien ausreichend, um Deutschlands Anteil daran zu erbringen, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Dazu nämlich müsste Deutschland “mehr tun”, viel mehr, schließlich würde selbst eine CO2-Neutralität ab morgen das Weltklima nur um schlappe zwei Prozent des CO2-Gesamtausstoßes entlasten. Ganz vorn liegt deshalb Schweden, gefolgt von Dänemark und Marokko, das so sehr auf erneuerbare Energien setzt, dass seine Stromversorgung schon in fast demselben Maße grün ist wie die Deutschlands. Nur noch 46 Prozent steuert schmutzige Kohle bei, das sind kaum zehn Prozent mehr als in Deutschland. 

Was für ein Unterschied zu Schlusslicht USA, das immer noch rund 20 Prozent Kohlestrom aus der Erde zieht und damit noch hinter Saudi-Arabien und Taiwan zurückfällt. Viel besser in den Klimacharts schneidet China ab, das nach Angaben des Nationalen Statistikamtes nur noch zu knapp 60 Prozent auf Kohle angewiesen ist und den Höhepunkt seines Treibhausgasausstoßes weiterhin für das Jahr 2030 erwartet und zuletzt den stärksten Anstieg seiner Treibhausgas-Emissionen 2013 meldete. China schafft es damit auf einem anerkennenswerten Platz 30 unter den 57 größten Emittenten weltweit und liegt damit noch vor Österreich, Spanien, Irland, Estland, Kanada und  Australien.

Musterknabe Indien, bekannt für seinen zum Bade lockenden Fluss Ganges und die Gewohnheit seiner Bürgerinnen und Bürger, anfallenden Unrat nicht erst groß und klimaschädlich durch die Lande zu fahren, sondern sofort nahezu klimaneutral hinterm Haus zu verbrennen (oben), punktete in den sogenannten  Überkategorien “Fünf-Jahres-Trend”, “aktueller Stand”, “Zwei-Grad-Kompatibilität der aktuellen Performance” und “Zwei-Grad-Kompatibilität der Versprechen bis 3020. Die besonders ehrgeizigen Ziele – derzeit plant die Regierung in Neu-Delhi den Bau neuer Kohlekraftwerke mit 60 Gigawatt Leistung, etwa dem Dreifachen dessen, was alle deutschen Kohlekraftwerke zusammen leisten – halfen hier zu einem Platz unter den Top Ten der Klimaschutznationen.

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