Ralf Stegner: Der Mann des Untergangs

Eine Karriere, aufgebaut auf Niedergang: War Ralf Stegner tatsächlich der Grund für den Untergang der SPD?

Er war der Heimatdichter der SPD, ein Wüterich im Virtuellenm, der Feinstaub verherrlichte und von einem unbändigen Hass auf US-Präsident Donald Trump getrieben jede Contenance fahren lassen konnte. Ralf Stegner war der Wutbürger der deutschen Sozialdemokratie, ein menschgewordener heruntergezogener Mundwinkel wie die, von denen er selbst zwei hat: Bilder von ihm zeigen einen Mann, der Angst macht, Angst vor allem davor, dass dieses Kinn, augenscheinlich nur unzureichend von der Oberhaut gehalten, jeden Moment vor Empörung über politische Gegner, widersprechende WählerInnen (m/w/d) und das Unverständnis zumindest eines kleinen Teil der Medien herunterfallen könnte.

Stegner war stets zu Höherem bestimmt und er strebte ihm nach in einer polternden Art, gegen die ein Gewitter lautlos ist. Als “Fraktionsvorsitzender der @SPDsh und stellvertretender @SPDde-Vorsitzender”, wie er sich beim Kurznachrichtenportal Twitter vorstellt, ließ der Lausprecher der Partei nie einen Zweifel daran, dass er besser wüsste, wo es langgeht – besser als Gabriel, als Nahles und Schulz, die er gleichwohl allesamt mit ganzer Kraft zu unterstützen versprach, kaum dass sie zu seinen Vorgesetzten geworden waren. Ein Ralf Stegner kennt keine Zweifel, schon gar keine Selbstzweifel. Und als die sich wiedermal häutende Partei jetzt beschloss, künftig auf die Vorstanddienste des 60-Jährigen zu verzichten, konnte einer das ganz sicher nicht verstehen: Ralf Stegner.

Der alte Mann aus Schleswig-Hostein steht schließlich mit seiner ganzen politischen Laufbahn beispielhaft für den Niedergang der SPD. Als Stegner seine Karriere als Arbeiterführer startete, in der auslaufenden Triumphwelle der Schröderjahre, kam die seine Partei bei Wahlen auf heute unvorstellbare Ergebnisse von 38,5 Prozent. Kurz vor der absoluten Mehrheit, im Grunde genommen, und jenseits selbst von allem, was sich die neuen Parteichefs Walter Borjans und Saskia Esken für eine ferne sozialistische Zukunft vorgenommen haben.

Stegner aber entfaltete Wirkung. Kaum war er Mitglied des SPD-Parteivorstands geworden, bröckelten die Wahlergebnisse der SPD auf nur noch 34,2 Prozent ab. Dann wurde Stegner auch noch Verantwortlicher für den Bereich Innenpolitik im Parteipräsidium – und bei der nächsten Bundestagswahl zwei Jahre später gab es die Quittung: 23 Prozent holte die einstige “Arbeietrpartei” (Willy Brandt) noch. Stegner selbst machte es nicht besser: Als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl kostete er die SPD 13,3 Prozentpunkte und holte das schlechtestes Ergebnis der SPD in Schleswig-Hostein seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Ein norddeutscher Sturkopf, wenn auch nur im Rollenspiel, denn Stegner stammt aus Rheinland-Pfalz. Die Partei hätte die Signale hören können. Doch der tobende Twitterdichter hielt sich gegen alle Widerstände im inneren Kreis der Führung. Er überlebte Müntefering, Platzeck, Beck, Steinmeier, Gabriel, Schulz, Scholz und später auch Nahles. Alle SPD-Chefs mussten irgendwann gehen, weil ihnen die Funktionärsbasis die Schuld dafür gab, dass die Zahl der SPD-Abgeordneten im Bundestag immer weiter sank, obwohl das Parlament immer größer wurde.

Der wirklich Verantwortliche blieb im Amt, schmunzelte nach unten und schwieg dröhnend über die Milliardenschäden, die er als Aufsichtsrat der HSH Nordbank angerichtet hatte. Erst als die Parteibasis ihm jetzt die Rote Karte zeigte, ließ er selbst erkennen, dass ihm selbst durchaus aufgefallen war, dass es einen engen Zusammenhang zwischen seinem eigenen Wirken und der zunehmenden gesellschaftlichen Wirkungslosigkeit der SPD gibt. “14 Jahre im Parteivorstand, 12 Jahre im Präsidium, 12 Jahre Landesvorsitzender der SPD SH + 6 Jahre stv.Parteivorsitzender”, schrieb er zum Abschied nostalgisch gestimmt. “Ich habe diese Verantwortung immer als große Ehre betrachtet und mich leidenschaftlich für Ziele+Grundwerte der SPD engagiert”, heißt es dann. Und schließlich drohend: “Letzteres wird immer so bleiben!”

Einer, der nicht loslassen kann. Für die SPD könnte Stegners Ende eine Trendumkehr bedeuten. Doch die Bezeichnung “stellvertretender @SPDde-Vorsitzender” trägt des Geschasste bislang immer noch in seinem Profil.