Der Elefant auf Gänsefüßen

„Ich bin fix und fertig“

, sagt Uwe Steimle kurz nach seinem Rauswurf aus dem Mitteldeutschen Rundfunk am Mittwoch. Seine Stimme klingt ein bisschen brüchig. Nein, er habe nichts geahnt, als er zu einer Besprechung in den Sender gefahren sei. „Mir waren ja schon vier Sendetermine für 2020 zugesagt worden.“

Dann hätte er dem Fernsehchef und dem Unterhaltungschef gegenübergesessen, die ihm ein Interview in der Thüringer Allgemeinen vorhielten. Dort hatte Steimle sich darüber beklagte, der Sender stelle sich angesichts anschwellender politischer Vorwürfe nicht vor ihn. „Ich habe gesagt ‚das kann ich erklären’“, beschreibt der Kabarettist die Situation. „Da ist mir gesagt worden: ‚das brauchst du gar nicht mehr’.“ Das Vertrauensverhältnis sei zerstört.

Mit der Trennung des MDR von Steimle verschwindet seine Sendung „Steimles Welt“, die zu den populärsten der ARD-Anstalt gehörte. Unmittelbar, nachdem der MDR seine Entscheidung bekannt gab, baute sich eine Protestwelle bei Facebook auf. Der Sachse aus Dresden gehört seit vielen Jahren zu den so genannten Originalen, als Komiker, Fernsehschauspieler, nicht zuletzt auch deshalb, weil niemand den einstigen SED-Generalsekretär Erich Honecker so perfekt imitieren kann.

Dafür, wie der Rauswurf des Kabarettisten und die Absetzung der Sendung „Steimles Welt“ im MDR vor sich ging, gibt es zwei sehr unterschiedliche Beschreibungen. Eine durch den öffentlich-rechtlichen Sender. Und die von Steimle selbst. In der Pressemitteilung der Sendeanstalt heißt es:

„Nach intensiven Beratungen innerhalb der zuständigen Hauptredaktion und der Programmdirektion Leipzig haben wir uns entschieden, die Sendereihe „Steimles Welt“ im kommenden Jahr nicht fortzuführen.“

Der in der Mitteilung zuerst genannte Vorwurf bezieht sich auf ein Interview, das Steimle schon 2018 der Jungen Freiheit gegeben hatte. Dort habe er „die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Frage gestellt“. Weiter heißt es in der Sender-Mitteilung: „Durch diese Aussage hat Uwe Steimle die Glaubwürdigkeit des MDR und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschädigt und gegen den Mitarbeiterkodex des MDR verstoßen. In mehreren Gesprächen haben wir Herrn Steimle verdeutlicht, dass ein weiterer Verstoß gegen die Regeln des MDR Konsequenzen nach sich ziehen wird.“

Dann folgt als zweiter Begründungspunkt das erwähnte Interview mit der Thüringer Allgemeinen vom 16. November. Darin sagte Steimle: „Ich bin auch entsetzt und traurig, dass der eigene Sender sich in dieser Situation nicht schützend vor einen stellt. Aber ich bin lieber schwierig als schmierig.“ Mit „in dieser Situation“ meinte er die Angriffe gegen ihn, nachdem er sich mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Kraft durch Freunde“ gezeigt hatte. Damit, so Steimle, habe er den Kabarettisten Werner Finck zitiert (zu dessen Lieblingssprüchen die Verballhornung der NS-Parole tatsächlich gehörte). Finck zählte zu den wenigen Kabarettisten, die im Dritten Reich eine Zeit lang weiter auftreten und das Regime zwischen den Zeilen verspotten durften. Berühmt war auch Fincks Satz: „An dem Punkt, wo der Spaß aufhört, beginnt der Humor.“ Im Jahr 1935 wurde Finck für kurze Zeit in das Konzentrationslager Esterwegen gesteckt. Später bekam er Auftrittsverbot, und wurde aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen.

Ob es angemessen ist, heute als Uwe Steimle gewissermaßen in Fincks Kleider zu schlüpfen, wäre noch eine andere Debatte. Aber Steimle wurde, nachdem das Foto mit dem Kraft-durch-Freunde-Shirt durch die sozialen Netzwerke ging, vor allem vorgeworfen, mit einer Nazi-Parole zu spielen. „Im vergangenen Juni ließ sich Steimle mit einem ‘Kraft durch Freunde’-Shirt fotografieren – eine Anspielung auf die nationalsozialistische Freizeitorganisation“, schrieb beispielsweise Spiegel Online. Steimle sagt, er habe den MDR gebeten, ihm in einer Sendung Gelegenheit für die Erklärung zu geben, woher der Satz eigentlich stammt. „Ich bin doch kein Rechter“, meint er im Gespräch mit TE/Publico. „Das wissen die im Sender auch“. Er findet, der MDR hätte sich vor ihn stellen und ihm Gelegenheit zur öffentlichen Erklärung geben müssen. Das habe ihm der Sender verweigert. Darauf habe sich seine Bemerkung in dem Interview mit der Thüringer Allgemeinen bezogen. „Das war“, so Steimle, „ein Hilfeschrei im Affekt.“

Dieser Satz führte nun endgültig dazu, dass die Rundfunkanstalt seine Sendung absetzte. Er habe, heißt es in der Pressemitteilung des MDR, dem Sender „mangelnde Loyalität“ vorgeworfen: „Diesen neuerlichen Vorwurf können wir so nicht nachvollziehen. Vor diesem Hintergrund sehen wir keine weitere Basis mehr für eine Zusammenarbeit, die von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägt sein muss.“
„Das ist doch Kindergartenniveau“, kommentiert Steimle.

Angekündigt hatte sich die Trennung von dem renitenten Sachsen schon vor Wochen. Der Spiegel widmete der ostdeutschen Anstalt im Oktober einen längeren Artikel unter der Überschrift „Der MDR will weg vom Rechtsfunk-Image“. Ihre Erzählung vom „Rechtsfunk-Image“ stützte die Zeitschrift auf zwei Punkte. Zum einen habe eine MDR-Moderatorin am Abend der Sachsen-Landtagswahl einen CDU-Politiker gefragt, ob er sich auch ein „bürgerliches Bündnis“ mit der AfD vorstellen könne. Dass sie diese Konstellation als „bürgerliches Bündnis“ bezeichnet hatte, wurde von etlichen Medien umgehend skandalisiert. Der Sender entschuldigte sich kurz darauf für seine Moderatorin. Viel wichtiger war dem Spiegel allerdings Steimle. Der Spruch „Kraft durch Freunde“ sei ein „NS-Kalauer“. Der Autor des Textes forderte nur leicht verbrämt die Entlassung des Kabarettisten: „In jeder anderen Anstalt wäre ein Komiker von Schlag untragbar“, hieß es dort. „In Sachsen ist er ein Star. Die Quoten stimmen. Für den Sender ist Steimles Popularität ein Dilemma.“

Sein Rauswurf, sagt Steimle, habe ihn trotz dieser bekannten Forderungen überrumpelt. Seine Sendung habe eine Quote über 10 Prozent gehabt, im Sendegebiet sei „Steimles Welt“ regelmäßig von 450 000 Menschen gesehen worden, außerhalb noch einmal von 600 000. „Und wir liefen jedes mal gegen den Tatort.“ Die Quote sei für ihn noch nicht einmal das Entscheidende. Er sieht ein grundsätzliches Problem bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten. „Diejenigen, die im Sender bestimmen“, so Steimle, „haben vergessen, dass das Publikum sie bezahlt.“

Wer sich länger mit Steimle unterhält, der merkt: Der Komiker besitzt ein, vorsichtig gesagt, disparates Weltbild, mit dem er nirgendwo richtig hineinpasst. In dem Interview mit der Jungen Freiheit 2018 hatte er Deutschland als „besetztes Land“ bezeichnet, eine Wendung, die normalerweise im weit rechten politischen Spektrum vorkommt. Gleichzeitig bezeichnete er sich in dem JF-Interview und auch jetzt noch als Linken. In dem gleichen Interview damals sagte er, es wisse doch jeder, dass die öffentlich-rechtlichen Sender nicht staatsfern seien, den ZDF-Nachrichtenmann Claus Kleber verspottete er als „Karl Eduard von Schnitzler der BRD“. In einem anderen Gespräch mit der JF lobte er seinen Sender MDR dagegen ausdrücklich: dort gebe es „keine Zensur“. Sein Arbeitgeber, der MDR, nahm ihm die Bemerkung über Kleber, Schnitzler und die mangelnde Staatsferne übel, es gab eine Verwarnung. Steimle versprach, ein Jahr lang keine Interviews zu geben. „Und daran habe ich mich gehalten.“

In seinen Bühnenauftritten teilt der Komiker nach vielen Seiten aus. Mal gegen Merkel, mal gegen den damaligen SPD-Chef Sigmar Gabriel, beispielsweise, als er eine seiner Sprachschablonen vom „Tanker Deutschland“ zitierte, das auf Kurs gehalten werden müsse, um anschließend eine ganz ähnliche Wendung von Erich Honecker zu zitieren, angereichert mit dem Kommentar: „Gabriel schreibt bei Honecker ab.

Gleichzeitig verurteilte er die USA immer wieder als „Kriegstreiber“. Vor einiger Zeit zeigte er sich in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Ami Go Home“, das von der Querfront-Zeitschrift „Compact“ stammte. Aber dieser Satz, verteidigte er sich, sei doch vor allem lange eine linke Parole gewesen. Zu seinem Repertoire gehört auch das auf der linken Seite angesiedelte Klischee, an der Migrantenwelle nach Deutschland seien die deutschen Rüstungsexporte schuld: „Daher meine ich auch, per Volksabstimmung sollte festgelegt werden: Die Kosten für die Geflüchteten in Deutschland übernimmt die Rüstungsindustrie.“
Zu dem Vorwurf, er sei „pegida-nah“, sagt Steimle: „Was heißt pegida-nah? Ich habe immer wieder gesagt: ‚redet mit den Leuten, die dort jeden Montag auf die Straße gehen.’ Aber das lehnt die Politik ja ab mit der Begründung: ‚das sind alles Nazis’. Indem man andere zu Nazis erklärt, hat man eine Begründung, warum man sich nicht mit ihnen auseinandersetzen muss.“
Dieses Nebeneinander von Ansichten kommt in Deutschland selten vor, am ehesten in Sachsen, und zwar aus Mentalitätsgründen. Es gibt jedenfalls ziemlich viele in dem Südostland, die dem regionaltypischen Motto folgen: Nu grade. Was bedeutet, auf Druck erst recht widerborstig zu reagieren.

Uwe Steimle passt in kein gängiges Kästchen. Seine Ansichten sind auch nicht festbetoniert. Vor einiger Zeit erklärte er beispielsweise, er habe es satt, „dass die USA und Israel Kriege anzetteln, und wir müssen sie bezahlen“. Was Israel angeht, erzählt Steimle im Gespräch mit TE, würde er das heute nicht mehr so sagen. „Nicht, weil ich Kreide gefressen hätte. Ich bin vor einiger Zeit zusammen mit jüdischen Freunden in Israel gewesen. Seitdem sehe ich das etwas anders.“ Ja, er rege sich darüber auf, dass Israel, wie er sagt, Krankenhäuser im Gazastreifen bombardiert habe. Aber wenn die Hamas Raketen bewusst von Krankenhäusern und Schulen abfeuere, um Gegenschläge dorthin zu lenken, „dann ist das natürlich kriminell“. Wenn Israel seine Existenz verteidige, „dann ist das völlig in Ordnung“.

Wenn Steimle seine Sicht der Welt aufblättert, dann erinnert das ein wenig an das Kinderspiel „Exquisit Corps“, in dem Fabelwesen durch horizontal getrennte Buchseiten entstehen, bei denen nichts zusammenpasst: Der Kopf des Elefanten sitzt dann auf einem Maulwurfskörper, der auf Gänsefüßen spazieren geht. Er weiß, dass er selbst so etwas Ähnliches ist: eine exotische Figur, ein Unikum. Einer, der Feuer von allen Seiten auf sich zieht.

An dem Tag nach seinem Rauswurf sinniert er viel darüber. Für jemanden wie ihn, findet er, müsse es eben auch einen Platz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben. Es gebe ja auch Platz für einen Jan Böhmermann. Oder für die Unterhalterin, die kürzlich im WDR darüber nachgedacht hatte, Chemnitz mit Napalm zu bombardieren. „Wenn“, sagt Steimle, „hätte man dort sagen müssen: hier ist aber Schluss.“

Der Bezahl-Rundfunk und speziell die ARD, das nebenbei, hält schließlich auch die MDR-Intendantin Karola Wille aus, die ihre Karriere in der DDR als Juristin und Hochschullehrerin mit SED-Parteibuch begann, eine akademische Arbeit zusammen mit einem Staatssicherheits-Offizier verfasste und als Vorsitzende des Sendeverbunds das mittlerweile legendäre ARD-Framing-Manual in Auftrag gab.

Er sei zu Kompromissen mit dem ARD-Apparat bereit gewesen, beteuert Steimle. „In meiner Sendung habe ich mich schon zurückgehalten.“
Einen Dauervertrag mit dem MDR besaß er nicht. Ein Vertrag sei immer nur von Sendung zu Sendung zustande gekommen. Gegen den Rauswurf besitzt er also kein rechtliches Mittel. Im Internet sammeln Fans Stimmen für eine Petition, die seine Rückkehr an den Bildschirm fordert. „Es wollen sogar Leute für mich demonstrieren.“ Er findet das anrührend. „Aber es geht hier nicht in erster Line um mich. Ich wäre gern der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“
Welches Fass?
„Es geht darum, dass nicht mehr miteinander gesprochen wird. Wenn es nicht mehr möglich ist, dass wir miteinander sprechen, dann sehe ich schwarz für die Demokratie.“

Das meint er mit dem Fass: Vielleicht führe sein Fall zu einer Debatte, wie viel Meinung eine Gesellschaft aushalten sollte.
„Ich denke manchmal, vielleicht ruft doch noch jemand vom Sender an und sagt: das war alles nur eine Übung.“