Türkischer Einmarsch in Syrien: Westeuropa reagiert völlig desorientiert

Seit dem Rückzug der US-Amerikaner aus Nordsyrien ist das politische und mediale Westeuropa durcheinander. Die Politiker und Redakteure wurden von der klugen Realpolitik Donald Trumps völlig überrascht. Jetzt agieren sie wie der sprichwörtliche Hühnerhaufen.
Eigentlich hatte man sich Westeuropa an die Dauerkritik an der Politik Washingtons im Mittleren und Nahen Osten gewöhnt. Insbesondere die militärischen Operationen fanden nur wenige Freunde in Paris und Berlin. Doch seit Trump seine Soldaten aus Nordsyrien abziehen lässt, rufen ganz zuerst jene Verrat an den Kurden, die eben noch jeder Friedenstaube nachfliegen wollten. Doch dass zwischen diesen beiden Positionen ein tiefer Widerspruch klafft, merken weder Politiker noch Journalisten.
Verstört von dem Geschehen, prügeln die Medien den, den sie seit Jahren verprügeln: Donald Trump. Soschreibt etwa die Welt: »Nächste Kehrtwende in der Syrien-Politik Donald Trumps: Nachdem die USA mit ihrem Truppenabzug der Türkei den Weg für ihre Offensive im Norden des Landes ebneten, gibt es nun Sanktionen gegen Ankara.« Das soll nach einem konfusen US-Präsidenten klingen. Doch genau damit hatte Trump schon gedroht, als die türkisch-deutschen Panzer noch nicht durch Syrien rollten. Das Gedächtnis der Redakteure scheint recht kurzlebig zu sein.
Dabei haben weder Politiker noch Medien eine Alternativen zu bieten. Denn kein einziges Land der EU ist willens, Truppen in die syrische Grenzregion zu verlegen. Und so wird einmal mehr deutlich, in welche Lage sich insbesondere Westeuropa seit nunmehr 7 Jahrzehnten befindet. Sie geben den schlauen Zuschauer, der von der Tribüne herunter alles besser weiß als Trainer und Spieler.
Jetzt, wo es ernst wird und Washington nicht mehr als Übervater im Hintergrund steht, greifen sie daher in die Mottenkiste einer möglichen Bündnispflicht im Rahmen der Nato, die Europa in einen Krieg ziehen könnte. Jean Asselborn hat davorgewarnt. Dabei weiß der Außenminister Luxemburgs recht gut, dass Artikel 5 des Bündnisvertrags nur für den Fall Anwendung findet, dass ein Bündnispartner attackiert worden ist. Angriffskriege wie der der Türkei verpflichten zu gar nichts.
Völlig desolat ist schließlich die Reaktion auf den Hauptdarsteller: Präsident Erdogan und seine Türken. Die führen doch tatsächlich Krieg. Mehr noch: Ihre in diversen westeuropäischen Ländern lebenden Landsleute unterstützen ihr Land. Ja, sie grüßen mit militärisch Ehren. Für ein Land, in dem schon das Absingen der Nationalhymne verdächtig macht und in dem die Kanzlerin die Landesfahne verwirft, muss das wie eine schallende Ohrfeige wirken.
Denn was ist dabei, wenn Türken sich solidarisch mit ihren Soldaten erklären ? Ist es nicht, ganz im Gegenteil, völlig normal ? – Ja, das ist es. Oder besser: Das sollte es sein. Das wissen Politiker, Journalisten und Vereinsvorsitzenden auch. Und genau deshalb drohen sie nun den Spielern mit Sperren, wo sie sie doch eigentlich, wenn überhaupt, ausweisen müssten. Die Türken erweisen sich als nationalistisch. Sie haben den verordneten Konsens der Westeuropäer gebrochen. Sie spielen das Spiel nicht mehr mit.
Mit dem Einmarsch der Türken in Syrien und dem Rückzug der USA brechen für Westeuropas Politiker und Journalisten Traumwelten zusammen. Deshalb ihre Kopflosigkeit. Und man darf und muss sogar zweifeln, ob Brüssel einen neuen und eigenen Weg finden wird.