Türkische Offensive in Nordsyrien: IS erstarkt in umkämpften Gebieten

Bild: ArtemAugust | CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Von Manuel Freund | Seit vier Tagen ist es nun soweit, der Einmarsch der Türkei in Nordsyrien läuft. Wenn man sich auf Liveuamap die Lage in Syrien anschaut, sieht man die ersten Eroberten Grenzgebiete.

Screenshot Liveuamap: In Hellgrün die von der Türkei eroberten Gebiete in der kurdischen Grenzregion, in Gelb die von den Kurden-Milizen kontrollierten Gebiete.

Das Verteidigungsministerium in Ankara meldete nun, dass auch Ras al-Ain von der türkischen Armee eingenommen sei. Viele weitere Grenzstädte wurden bereits mit Bomben angegriffen, so zum Beispiel Al Qamishly und Al Malikiyah. Die Angriffe sorgten dafür, dass insgesamt bereits 100 000 Kurden vertrieben wurden. Laut Angaben der Vereinten Nationen wurden zusätzlich 400.000 weitere Menschen in und um die Stadt Hasake von jeder Wasserzufuhr abgeschnitten.
Die Offensive hat jedoch auch einen Nebeneffekt, der selbst Syrien und der Türkei wehtut. Die USA warnten davor, dass sich bei der Offensive viele IS-Terroristen befreien könnten, denn in einigen Gefängnissen in den kurdischen Gebieten sitzen IS-Mitglieder gefangen. Und welch ein wunder, jetzt schon sind die Befürchtungen eingetroffen. Der IS nutzt das Chaos – nachdem die Gefangenen in der Stadt Kamischli die ersten Bombeneinschläge hörten, flohen die ersten Terroristen aus Gefängnissen. Zusätzlich halfen andere IS-Mitglieder außerhalb des Gefängnisses. Sie zündeten Zelte in der Nähe an, bewarfen die Wachmänner mit Steinen und anderen Gegenständen und stifteten somit große Unruhe. Insgesamt konnten vier IS-Terroristen fliehen.
Der Islamische Staat nutzte die Unruhe auch anderweitig aus. Auch sie haben es auf die Kurden abgesehen, schließlich haben die kurdischen Milizen die Hauptlast im Kampf gegen den IS getragen. In bombardierten Städten, in denen Chaos ausbricht, platzierten IS-Terroristen mehrere Autobomben. Durch einen solchen Anschlag wurden bereits drei Zivilisten getötet und neun weitere verletzt. Der IS bekannte sich nun zu der Autobombe und richtete aus, dass dieser Terrorakt den Kurdischen Kämpfern gelte.
Trump reagiert: Vor der Offensive hatte dieser versucht, die Konflikte zwischen der Türkei und den Kurden diplomatisch zu lösen, er setzte sich für einen Waffenstillstand ein. Jedoch kündigte er auch an, dass er gegen die Türkei enorme Sanktionen erheben werde, wenn diese Syriens Grenzgebiete attackieren würden. Genau dies ist nun passiert. Die entsprechende Verfügung muss noch von Trump unterzeichnet werden, um den Außen- und den Finanzminister zu ermächtigen, die Sanktionen zu erheben. Das Außenministerium der Türkei gab bekannt, dass die Türkei die Offensive trotz Sanktionen weiterführen werde.

Ähnlich reagiert auch Deutschland. Ausnahmsweise handelte Heiko Maas richtig und gab bekannt: „Vor dem Hintergrund der türkischen Militäroffensive in Nordost-Syrien wird die Bundesregierung keine neuen Genehmigungen für alle Rüstungsgüter, die durch die Türkei in Syrien eingesetzt werden können, erteilt.“ Leider geht die Regierung nicht weit genug, denn es wurde bislang kein komplettes Waffenembargo verhängt oder angedroht. Wenn man bedenkt, dass Deutschland mit knapp einem Drittel der größte Waffenzulieferer in die Türkei ist, sind das sehr lasche Maßnahmen.
Fest steht, dass der Einmarsch der Türkei uns die nächsten Wochen noch viele Probleme liefern wird. Ein Land, mit dem wir bis vor kurzem noch EU-Beitrittsverhandlungen geführt haben, ist jetzt im Begriff das kurdische Volk zu unterjochen und dabei eine der gefährlichsten Terrormilizen in der Geschichte zu reanimieren. Ich hoffe, dass sich Deutschland und viele weitere NATO-Mitglieder den USA anschließen und starke Sanktionen gegen die Türkei verhängen, ansonsten können wir für die Kurden in den Grenzgebieten nur noch beten.