Elite auf der Couch

Carlo Strenger praktiziert als Psychoanalytiker. Viele seiner Klienten sind liberale Intellektuelle, zählen zur oberen Mittelschicht. Sie kümmern sich beileibe nicht nur um ihr eigenes Fortkommen, sondern haben den Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Diese Menschen, so Strenger in einem Spiegel-Gespräch (Heft Nr. 33 2019), seien gut ausgebildet, hätten hohe moralische Ansprüche und verfügten über argumentative Kompetenz – all das setzen sie ein, um die weniger gut Ausgebildeten, die argumentativ Abgehängten und moralisch in nicht so hoch gestimmten Gefilden wandelnden Anhänger der Populisten eines Besseren zu belehren. Man könnte dieses missionarische Überlegenheitsgefühl durchaus als Anmaßung bezeichnen, vielleicht sogar als Vorstufe eines behandlungsbedürftigen hypermoralischen Größenwahns. Doch nicht in solcher Anmaßung liegt das Leiden, das die liberalen Eliten in hellen Scharen auf des Psychiaters Couch treibt.

Das Leiden der verfolgten Elite

Ihr Leiden besteht vielmehr darin, daß sie, die sie sich doch als intellektuell-moralische Elite fühlen und feiern lassen und stets nur das Beste wollen, sich zusehends als Feindbild jener wiederfinden, die sie doch zu deren eigenem Besten auf den Pfad der Tugend zurückführen wollen. Es handele sich bei seinen Klienten, so Strenger, um eine Leistungselite, die sich über ihren Leistungsanspruch (viele von ihnen arbeiten in der Wissenschafts- und Kunstwelt, in den Medien und großen Konzernen) definiere und sich in Sachen Identitätsfindung eben nicht darauf reduziere, nationalen, ethnischen, regionalen oder religiösen Kollektiven anzugehören.

Weil aber diese Eliten als Anywheres hochgradig mobil sind und im Dienste höherer Ideen permanent rund um den Globus jetten, sind sie nur schwach in lokalen Gemeinschaften verwurzelt und erfahren nie jene Geborgenheit, die mit dieser Form der Zugehörigkeit häufig einhergeht. Sie leiden, so Strenger, oft unter Einsamkeit, geplagt von Angst vor dem Absinken in die Bedeutungslosigkeit – hier dürfte der Psychiater der Wahrheit übrigens einmal erstaunlich nahe kommen. Man meint in Kreisen dieser Eliten, sich ständig steigern, stets besser sein zu müssen – auch um etwas Bleibendes zu hinterlassen. Dieses Bleibende besteht nicht so sehr in materiellen Werten, sondern darin, durch das Vorbild moralischer Überlegenheit einen Beitrag zu einem überindividuellen Ganzen zu leisten – kurzum darin, sein Scherflein dazu beigetragen zu haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Doch was passiert dann? Sie, die immer nur das Beste wollen, werden plötzlich zur Zielscheibe jener anderen, intellektuell und moralisch weniger Begüterten, dieser Somewheres also, die eben nicht den Ehrgeiz haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, sondern allenfalls  zu einem etwas sichereren und behaglicheren.

Ein Leben als Zielscheibe der Normalos

Denn hier unter den Somewheres treffen wir jene, die einfach
nur ein normales Leben mit ihren Familien und Freunden leben wollen,
unbelästigt von ständiger Belehrung und moralisierender Rechthaberei –
Menschen, die meist hart arbeiten und sich wünschen, daß die Rahmenbedingungen
für ihr Leben sich nicht permanent verschlechtern mögen. In den Augen der
liberalen Meinungseliten ist dieser Wunsch nach Ruhe im höchsten Maße verwerflich,
weil er sich nicht nur der höheren Moral auf egoistische Weise entzieht,
sondern die Eliten zu allem Überfluss mit Unverständnis, Undank und zuweilen
sogar Haß straft.

Der Psychiater sieht in diesem Haß, mit dem die moralisch
Abgehängten die liberalen Eliten verfolgen, eine Analogie zum alten
Antisemitismus – die moralisch Abgehängten geraten durch diese subtile
Unterstellung natürlich unversehens in die Nähe zum Nationalsozialismus. Damit
derlei sich nicht wiederholt, will der Psychiater diesem Übelstand abhelfen. Da
nun aber die universalistische Einstellung der Aufklärung, die sich in jener
liberalen Intellektualität und Moralität ausspricht, dem Menschen nicht von
Natur aus mitgegeben sei, sondern erworben werden müsse, seien große
Investitionen notwenig in Bildung, Erziehung und Wissen. An dieser Stelle
könnte man mit Fug und Recht einwenden, daß eine solche Erziehung zur
Aufklärung, wenn die dem Menschen doch von Natur aus nicht mitgegeben sei,
gegen die Natur die Menschen gerichtet und damit abzulehnen sei – doch auf
derlei naturrechtliche Spitzfindigkeiten würde sich der Psychiater vermutlich
nicht einlassen.

Therapeutischer Wahn

Ziel sei es vielmehr, so der Psychiater, einen Ausgleich zu
finden zwischen Universalismus und Kommunitarismus. Doch warum sollte und wie überhaupt
könnte es einen Ausgleich geben zwischen hoch gestimmter, stets das Ganze
retten wollender Moral einerseits und der deutlich weniger glanzvollen
Verantwortungsübernahme für das eigene Leben in dessen kleinem, alltäglichem
Umkreis andererseits? Will der Universalist etwa plötzlich häuslich und vom
Anywhere zum Somewhere werden? Wohl kaum.

Der Psychiater meint mit Ausgleich denn auch etwas anderes –
daß nämlich die Expertise der weltoffenen Elite unverzichtbar und auch der undankbarste
populistische, auf seinem Misthaufen krähende Wirrkopf schließlich auf Ärzte,
Ingenieure und Architekten angewiesen sei. Auf Fachleute also, die nach des
Psychiaters Einschätzung eben besonders häufig dem liberalen Universalismus
zuneigten. Und weil er auf sie angewiesen sei, möge (so die nahe liegende Schlußfolgerung)
der in regionaler Stallwärme dumpf vor sich hinbrütende, kryptoaggressive
Kleingeist doch bitte endlich aufhören, die Edelsten der Menschheit als
Feindbild zu betrachten.

Genau hier aber dürfte der Psychiater sich irren.
Universalisten zeichnen sich in der Regel nur auf einem Gebiet durch eine hohe
Expertise aus: dem der Moral und überheblichen Besserwisserei (und gelegentlich
auch in der Kunst des Klageliedschreibens). Überall dort, wo Realitätssinn und
Praxisbezug und echtes Leistungsvermögen jenseits der Spiegelfechtereien
geistes- und sozialwissenschaftlicher Diskurse und der nimmer müde werdenden
moralischen Missionierungsarbeit der Medien gefragt sind, wird der
Kommunitarismus ohnehin der stärker geschätzte Standpunkt sein. Ich persönlich
jedenfalls würde weder einem Arzt noch einem Architekten über den Weg trauen,
der seine Moral über seine Fachkompetenz stellt – schließlich möchte ich weder
als Behandlungsfehler noch unter einem einstürzenden Gebäude enden.

Diese Erkenntnis freilich dürfte den Leidensdruck der
liberalen Elite noch ein wenig erhöhen. Die Couch des Psychiaters bleibt wohl auch
in Zukunft ein gefragter Ort – und womöglich der einzige wirklich feste Ort im
Leben der Anywheres.

Der Beitrag Elite auf der Couch erschien zuerst auf Anbruch – Magazin für Kultur & Künftiges.