Wenn man aus Versehen bei Frontal-21 einschaltet…

Von Jan Schneider | Gestern Abend saß ich nichtsahnend auf dem Sofa und hatte so viel Langeweile, dass ich mich getraut habe, mal wieder einen Blick ins öffentlich-rechtliche Fernsehen zu werfen. Das is ja schließlich von meinen Eltern mitfinanziert. Ich bleibe also bei Frontal 21 im ZDF hängen. Neben journalistisch mäßigen und ansonsten auf RTL-II-Niveau angesiedelten Beiträgen über die ach so unfairen Arbeitsbedingungen in Deutschland schoss ein Bericht über Chemnitz den Vogel ab.

Zur Erinnerung: Vor einem Jahr wurde Daniel H., ein junger Deutsch-Kubaner, von Asylbewerbern ermordet. Es folgten Trauermärsche und friedliche Demonstrationen, teilweise von Rechtsextremen. Im medialen Mainstream gab es damals das Gerücht, es hätte Hetzjagden auf Ausländer gegeben. Später stellte sich heraus: die gab es gar nicht. Verfassungsschutzpräsident Maaßen bestätigte das öffentlich und wurde zum Dank dafür geschasst.

Die Tagesschau zeigte ein Video, in dem Hooligans skandierten: ,,Wir sind die Fans, Adolf Hitler, Hooligans“. Problem: das Video stammt gar nicht von den Demonstrationen in Chemnitz. Tatsächlich kamen die Bilder von rechtsextremen Fußballfans und sind wesentlich älter. Die Tagesschau gestand dies ein und entschuldigte sich. Das ist offenbar nicht zu den Kollegen des ZDF durchgedrungen, welche das gleiche Video erneut in Zusammenhang mit den Chemnitz-Demos brachten.

Dann schoss das Team von Frontal-21 den Vogel ab: Es folgte ein Mitleidsinterview mit dem Tatverdächtigen Alaa S., einem Asylbewerber, in dem dieser sich beklagte und seine Unschuld beteuerte. Interviews mit Mordbeschuldigten während eines laufenden Prozesses und sich dann so auf die Seite des Tatverdächtigen zu stellen halte ich für sehr seltsam und unmoralisch. Morgen wird ein Urteil erwartet. Selbst falls Alaa S., der arme Asylbeweber, welcher sich zwei Anwälte und einen Dolmetscher leisten konnte, obwohl er deutsch spricht, unschuldig sein sollte, hätten die sogenannten Journalisten wenigstens den Freispruch abwarten können, anstatt sich so dreist in laufende Gerichtsverhandlungen einzumischen. Kommt es zu einer Verurteilung, ist die Blamage perfekt. Für mich ist seit Dienstag klar: Bei Öffentlich-Rechtlichem zappe ich ab jetzt weiter.