Wie man Kredit verspielt

Junge Freiheit

Kurz nach der Bundestagswahl kam ich mit unserem Handwerker erstmals auf das Thema Politik zu sprechen. Er bekannte sich als AfD-Wähler. Ein im besten Sinne bodenständiger und grundsympathischer, herzlicher Mann, in der DDR groß geworden, lange Zeit CDU- und SPD-Wähler. Doch durch die aktuelle Entwicklung hat er die Nase voll. Eurokrise und Masseneinwanderung, Verfall der öffentlichen Ordnung. „Man versteht es nicht mehr“, sagt er. Viele seiner Handwerker-Kollegen denken so wie er.

Täglich zeigt er auf seiner Facebook-Seite Empörung über die etablierte Politik. Doch nun war er entsetzt, als er die verstörenden Aufnahmen von der Aschermittwoch-Veranstaltung in Sachsen von vier Ost-Landesverbänden in der vergangenen Woche sah. André Poggenburg, der die Gäste anspielungsreich mit „Kameraden“ und „Genossen“ anspricht und dann über türkische „Kameltreiber“ und „Kümmelhändler“ herzieht, die sich in ihre „Lehmhütten“ hinter den Bosporus zurückscheren sollten.

Idealistische AfD-Mitglieder können einem leid tun

Unter seinen Handwerkerkollegen seien fleißige Türken und Osteuropäer, meint unser Bekannter. „Die ärgern sich doch genauso über die unkontrollierte Einwanderung wie ich.“ Doch so wie Poggenburg – „das geht gar nicht“. Seine Eltern waren gerade soweit, daß sie sein Engagement für die AfD verstehen. Nun sei für sie die Partei erst einmal erledigt.

Die vielen idealistischen Mitglieder der AfD müssen einem leid tun, die sich gutmeinend engagieren und täglich in der Familie und am Arbeitsplatz pauschalen, unfairen Verdächtigungen ausgesetzt sind – und dann erleben müssen, wie AfD-Politiker wie Poggenburg alle Klischees erfüllen.

Poggenburg zeigt im Gespräch mit der JF (siehe Seite 3), daß ihn die vom AfD-Bundesvorstand inzwischen ausgesprochene Abmahnung nicht beeindruckt. Er glaubt, sich durch aktuelle Umfragen sogar bestätigt sehen zu können. Bei 16 Prozent sieht INSA Anfang der Woche die AfD und damit erstmals vor der SPD, die nur mehr auf 15,5 Prozent kommt.

Es gelten doppelte Standards

Manche Empörungen über Entgleisungen aus den Reihen der AfD sind indes verlogen – denn es gelten doppelte Standards. Ob die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel im NDR-Fernsehen als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet wird oder in einer ARD-Karnevalssendung die AfD als „braune Kanalratten“ tituliert werden, es rührt sich kaum Kritik. Aber soll sich die AfD selbst auf dieses Niveau begeben?

Die AfD hat einen enormen Kredit aufgebaut. Sie hat dafür gesorgt, daß demokratisch legitimer Protest endlich in den Parlamenten repräsentiert wird. Daß die Repräsentationslücke im deutschen Parteiensystem, die durch den Linkstrend der Union unter Merkel entstanden ist, geschlossen werden kann. Die AfD muß die Frage beantworten, ob sie diesen mühsam erarbeiteten Kredit so leichtfertig verspielen will.

JF 9/18

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