Jahrgedächtnis: Eine Heimat für die Wahrheit

In der DDR war die Lenkung und Leitung der Meinungspolitik eine schwergängige, aufwendige Sache.

Der letzte Rest der DDR verschwand vor zehn Jahren, beinahe auf den Tag pünktlich zum Republikgeburtstag. Die Nachrichtenagentur dapd meldete Insolvenz an. Der Rechtsnachfolger der DDR-Nachrichtenagentur ADN überließ der bundesdeutschen Wahrheitsfabrik DPA den gesamten deutschen Nachrichtenmarkt: Der Beginn einer Entwicklung, die an den Platz führte, an dem Deutschland heute steht. DPA, bis dahin zwar führender Transmissionsriemen regierungsamtlicher Verlautbarungen, aber nicht der einzige, steht heute ganz allein auf weiter Wahrheitsflur, um dem Volk zu erklären, was es wissen muss.Und was besser nicht.

Ende der Nachrichtenflut

 
Ein großer Schritt für Bundesdeutschland, das noch 20 Jahre zuvor gequält worden war von eine Kakophonie von Nachrichten, Interpretationen, Ansichten, Meinungen und Kommentaren. Mit der Monopolisierung desd Nachrichtenmanagements durch DPA, eine Firma, die sich im Besitz der großen  deutschen Massenmedien befindet, die wiederum die Abnehmer der Einheitsnachrichtenware aus der Agentur sind, begann die Verwandlung Deutschlands in eine Informations-DDR.
 
Zehn Jahre danach werden nach Zählungen von Freiwilligen etwa 77,3 Prozent aller von deutschen Zeitungen, Newsportalen, Fernsehsendern und Radiostationen beschriebenen Ereignisse gleichlautend auf der Basis von DPA-Informationen erklärt. Was immer ist, es existiert nicht, ehe es durch eine DPA-Mitteilung zum Ereignis wird. Die Fortexistenz von dapd, jener zweite Nachrichtenagentur, in deren Genmaterial das diktatorische Erbe der DDR-Informationspolitik steckte, hätte daran wenig geändert. Die kleine Konkurrenz, am Ende beinahe unbeachtet verstorbeen, hatte das Staatstragende, Formelhafte, Gipssteife der patentierten DPA-Sprache eher noch formelhafter, staatstragender und gipssteifer exekutiert.
 

Eine Heimat für die Wahrheit

 
Die DDR-Führung, sie hatte immer von einem Land geträumt, in dem die Wahrheit, destilliert aus absurd verfälschten Pressemitteilungen und missverstandenen Verlautbarungen aus den riesigen  staatlichen Propagandabteilungen, nur noch eine Quelle hat. Ein Sprachrohr, aus dem Einheitsgrau quillt wie Morgennebel, aus dem nun noch mehr Einheitsgrau quellen kann, rosarot eingefärbt. Mag der Kanzler auch heute das Gegenteil von gestern sagen, der Gesundheitsminsiter sich in einem satz widersprechen und der Eindruck nicht von der Hand zu weisen sein, dass auch die linke Hand nicht weiß, was die linke Hand tut. Es laut auszusprechen, wäre eine “verfassungsschutzrelevante Delegitimierung”. Der Versuchung nicht nachzugeben, ist verantwortungsvoll und im Sinne der Allgemeinheit.

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