Doku Deutschland: Als ich beschloss, nur noch Laub zu essen

Nach sechs Monaten, in denen sich sich Ruth Eisler nur von Laub ernährte, wog die Wahlmecklenburgerin nur noch 48 Kilogramm, doch ihre Geschmacksknospen konnten Kirscharomen aus Blättern herausschmecken.

Ich war nie eine von denen, die immer dünner werden wollten, mit Ärmchen wie Stöckchen und Beinen ohne Wade. Für mich war diese ganze Sache eine Gewissensentscheidung. Würden wir alle so weiterleben wie bisher, das war mir bei einem Besuch auf einem Kreuzfahrtschiff nur allzu klar geworden, dann bräche hier eines  Tages alles auseinander. Wie sich das anfühlt, weiß ich nicht. Aber ich hatte schon den Eindruck, dass einem der Gang der Dinge aktuell einen schönen Vorgeschmack vermittelt. Wie alle Gewissheiten verschwinden. Wie man Angst vor dem nächsten Tag bekommt, vor der nächsten Woche. Wie man sich morgens die schlechten Nachrichten reindrückt, als könne man ohne sie gar nicht Jahr leben.

Mein langer Weg ins Laub

Ich bin also auf Laub gekommen. Wie, kann ich nicht mal mehr sagen. Ich denke, es war ein Ausschlussverfahren. Um bescheidener zu leben, von weniger Ressourcen, möglichst klimaneutral, entscheiden sich ja viele in meinem Alter, nur ein kleines, schickes Auto zu fahren, ihr kleines Vorstadthäuschen mit einer Wärmepumpe auszustatten und neue Kleider nun im Second Hand zu kaufen. Mir aber reichte das nicht. Falsch. Ich finde es sogar sehr heuchlerisch. Man macht sich was vor, ändert aber nichts.

Ich habe gegoogelt, ich war in der Uni-Bibliothek, ich habe gelesen und mit einem Gärtner gesprochen, den ich kenne. Laub war das Einzige, das am Ende übriggeblieben ist: Es gibt genug davon, es bleibt fast zu hundert Prozent ungenutzt, er liegt herum, verfault, belastet das Klima, aber eben nachhaltig, weil das gespeicherte CO2 freigesetzt wird, neue Blätter es aber gleich wieder binden. Im ersten Moment war ich begeistert. Zumal sich schnell herausstellte, dass Laub nicht nur irgendwelcher Abfall ist, modriges Zeug, das man nur kompostieren kann.

Nahrhaft und köstlich

Das ist ein Vorurteil! Über Jahrhunderte von Leute herangezüchtet, die es entweder besser wussten, ihr Wissen aber nicht teilen wollten. oder aber ignorant waren einer Ressource gegenüber, die uns heute verdammt helfen kann. Denn ich sage mal so: Dass Apfel-, Kirsch- oder Nussbäume zu unserer Ernährung beitragen können, ist wohl bekannt. Aber nicht nur ihre Früchte sind nahrhaft und köstlich!  Auch die Blätter vieler Bäume können unseren Speiseplan bereichern. Meist stecken darin sogar mehr Vitamine, Mineralien und Nährstoffe als in Gemüse und Salat aus dem Supermarkt! 

Ich habe damals angefangen, im Garten, in Parks und in der freien Natur frisches Grün zu sammeln. Natürlich in Maßen, immer nur wenige Blätter pro Baum, ich wollte ja keinem wehtun. Als erstes fiel mir auf, dass sich Blätter bequemer sammeln lassen als Wildkräuter, die von Wiese und Waldboden gepflückt werden müssen. Blätter hängen oft in Griffhöhe, man muss auch keine Angst haben, dass sie  von Hunden und Wildtieren angepinkelt worden sind oder ein Fuchsbandwurm auf ihnen lauert. 

Flavonoide und Gerbstoffe 

Das Problem war für mich, herauszubekommen, welche Blätter genießbar und besonders schmackhaft sind, wann und man sie am besten erntet, wie man sie zubereitet und in welchen Sorten besonders viel wertvolle Nährstoffe stecken. Nehmen wir mal die Birke, ein aus dem Norden stammender Baum, der nach dem Winter als einer der ersten austreibt. Schon ab März kann geerntet werden, Birkenblättchen und saftige Rinde, alles steckt voller Vitamin-C, zudem sind Flavonoide und Gerbstoffe drin, die wie Muntermacher wirken und den Körper entschlacken. Oben im Norden wird Birke wirklich als Nahrungsmittel eingesetzt, man macht aus den Knospen und Blättern köstliche Gerichte1

Hierzulande ist das Wissen darum leider verloren gegangen, so dass ich selbst schauen musste, was sich machen lässt. Tee geht immer, junge Birkenblätter trocknen, fertig. Man kann auch Salat daraus machen, der sogar ein wenig salzig schmeckt. Haselnussblätter dagegen haben etwas Nussiges im Abgang,  ähnlich wie Spinat zubereitet, kann man das durchaus mal essen. Dazu einen Tee aus Buchenblättern, die ab April ausschlagen – deren Geschmack ist leicht säuerlich, aber sie eignen sich als Zutat für Salate und Smoothies zu Beispiel aus den eher süßen Blättern der Linde, die dann nicht mehr so süß sind.

Der Germanen heiliger Baum

Apropos Linde: Der Baum galt den Germanen als heiliger Baum, dessen Blüten voller Heilkräfte stecken. Tatsache ist allerdings, dass ich nach einer Woche mit Salaten aus Laub drei Kilo abgenommen hatte. Baumblatt-Einsteiger sollten wissen, dass auch größere Mengen von Blättern dagegen kaum zu helfen scheinen. Egal, ob roh in Smoothies und Salaten, als im Backofen angerichteter auflauf, als Desserts oder als klassisch gekochte Suppe, Laubessen zehrt, es fordert den Körper, weil er nach Jahrhunderten der Ernährung mit hochgezüchteten Getreiden und Kartoffeln gar nicht mehr bereit ist, echte Nahrung aus Linde, Buche, Fichte, Kiefer und Tanne zu gewinnen.

Für mich ist das eine Frage der Zeit. Um die Versäumnisse früherer Generationen beim Umgang mit besonderen Spezialität wie den hellgrünen Triebspitzen von Fichte und Kiefer wiederzuerlernen, die  frisch und mild mit einer unvergleichlichen Nadelbaumnote schmecken, wenn man sie roh direkt vom Baum isst, wird es wohl Jahre brauchen. Der moderne, von Industrieessen verdorbene Mensch vermag vielleicht noch den Geschmack von Tannenwipfelhonig oder -sirup zu erfassen. Aber Vitamin C, den feinen Hauch ätherischer Öle, Harze und Tannine aus den Nadeln herausschmecken? 

Natürliche Ressource

Fehlanzeige, obwohl es so wichtig wäre, die Ressource umfassend und überall zu nutzen. Ich hatte nach einem Monat, nun sechs Kilo leichter, herausbekommen, dass nicht alle Nadelbäume essbar sind – beispielsweise ist die Eibe in fast allen Teilen sehr giftig, ihre Triebe sollten lieber nicht verzehrt werden, denn das schlägt wirklich auf den Magen. Kenner essen nur den roten Samenmantel um den giftigen Kern, denn der ist essbar und wundervoll süß. Beim Spitzahorn gibt es solche Probleme nicht.  Die Blätter sind reich an Gerbstoffen, Flavonoiden, Mineralstoffen und Eiweiß und eignen sich deshalb für einen gesunden Ahornsalat, als ungewöhnliches Ahorn-Sauerkraut und für viele weitere Ahorn-Anwendungen wie grob gebackenes Ahorn-Brot, Ahorn-Steak oder Ahorn-Eier. Vorsicht: Ob die Blätter von Berg- und Feldahorn genießbar sind, ist in der Wissenschaft umstritten. Für Tiere sind diese Arten giftig, für Menschen gibt es kein Verzehrverbot, aber meist auffallende Verzehrfolgen.

Meine Erwartungen an die Laubernährung hatten sich nach zwei Monaten vollkommen erfüllt. es ist möglich, von Blättern zu leben, wenn man den Speiseplan mit Vogelkirsche, Rindenstückchenbrot, Kräutern, Pilzen und den Früchten von Obstbäumen wie Apfel, Birne und Pflaume ergänzt und Gemüse addiert, zusätzlich zu Tomaten, Gurke und Nüssen. Allmählich kehrte bei mir dabei auch der natürliche Geschmack zurück! Die Geschmacksknospen im Mund blühten auf, ich konnte in den jungen, zarten zeitweise das Aroma der entsprechenden Früchte entdecken. Das beißende Hungergefühl, das ich über mein gesamtes Leben als Laubesser eigentlich in jeder Sekunde hatte, mag dazu beigetragen haben. 

Der Hunger als Wegbegleiter

Nach vier Monaten war ich jedenfalls soweit, dass ich beschloss, mein Leben weiterhin so zu verbringen. Das bisschen Hunger schien es mir einfach wert, auch hatte ich zunehmend häufiger das Gefühl, mich unmittelbar mit den Bäumen, an denen ich Blätter zupfte, unterhalten zu können. Ich schmeckte Apfel nun nicht mehr nur aus Apfelbaumblättern, sondern auch aus anderen Kernobstpflanzen. Ich konnte mit einem Birkentee in der Hand stundenlang schlafen, mitten am Tag. 

Dass sie mich nach sechs Monaten retten mussten, würde ich bis heute heftig bestreiten. Natürlich fehlt es einer blätterbasierten Ernährung an Ballaststoffen, an Kohlenhydraten und verschiedenen anderen Inhalten, an die sich der Körper des überzivilisierten Menschen über Jahrhunderte gewöhnen musste. Aber diese Uhr lässt sich zurückdrehen, da bin ich sicher. Ich finde auch nicht, das 48 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,73 besorgniserregend sind oder eine verantwortlich getroffene Entscheidung, sich von Laub ernähren zu wollen, als “Essstörung” verleumdet werden sollte.

Aber so ist es nun mal. Ich akzeptiere das. Oft in der Geschichte sind Menschen, die vorangingen, verlacht und verhöhnt worden. Es wird wohl noch lange Jahre brauchen, um bestehende Vorurteile einer Bevölkerung zu ändern, die lieber im Supermarkt einkauft, als das zu nehmen, was uns Mutter Natur kostenlos gibt.

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