Aktionstag gegen Wärmegangster: Heizverschwendern Handwerk gelegt

Es war wie bundesweit erste gemeinsame Razzia von Bundeswärmewächtern (BWW), Der Temperaturfühlerbehörde (TFB), den Fachinstitutionen des Heizungshandwerks und regionalen Sicherheitsdiensten. Nachbarn in Münster hatten den Verdacht gemeldet, dass ein Mieter in ihrem Wohnblock über die Gebühr heizt – öffentlich hatte der Verdächtige sich gebrüstet, trotz der geltenden Wärmesparregeln weiterhin mit bis zu 44 Grad heißem Wasser zu duschen, in seinem Wohnzimmer eine konstante Temperatur von 23 Grad eingestellt zu haben und zuweilen sogar Wannenbäder zu nehmen. Besuchern präsentierte der der Familienvater zudem stolz mehrere Heizlüfter, er kündigte an, diese im Winter betreiben zu wollen.

Premiere für ersten Aktionstag

In Rahmen eines bundesweiten Aktiontages gegen Wärmeverschwendung, mit dem ein Zeichen gegen sogenannten Wärmeverbrecher gesetzt werden soll, gingen Beamte der zuständigen Organe mit einer ersten Großkontrolle gegen den Verdächtigen vor. Denn Gasverschwendung, Heizlüfterbetrieb ohne Genehmigung und zu langes Duschen bei zu hohen Temperaturen sind zwar keine Straftaten, die mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden können. Doch der angespannte Füllstand der deutschen Gasspeicher zeigt, was passieren kann, wenn sich Duschtäter sich radikalisieren und Unzufriedenheit in den physischen Überverbrauch wertvoller fossiler Energieträger übergeht.

Im Fall des 47-jährigen Familienvaters, einem deutschen Staatsbürger, stellte sich der von den Nachbarn gemeldete Verdacht direkt nach Öffnung der Wohnungstür als zutreffen heraus. Zwar ließ der Mann die Kontrolleure freiwillig ein, so dass auf Zwangsmittel verzichtet werden konnte, doch bereits eine erste amtliche Messung stellte eine Raumtemperatur von bis zu 22 Grad in einem Wohnraum fest, der von der vierköpfigen Familie offenbar auf Veranlassung des Mannes, aber mit Einverständnis der Ehefrau als gemeinsames Wohn- und Esszimmer genutzt wurde.

Bekleidet nur mit Strickjacke

Im Raum fanden die Kontrollorgane die Frau des Hauptverdächtigen behaglich in einem Stuhl zurückgelehnt und nur eine dünne Decke gemummelt vor. Ein Unrechtsbewusstsein sei nicht zu erkennen gewesen, heißt es im Untersuchungsbericht. Dabei sei die 44-Jährige nur einer Strickjacke bekleidet gewesen, sie habe statt dicker Wollsocken einfache Strümpfe getragen und darauf verwiesen, dass das “ihr Recht” sei, solange sie ihre Rechnungen bezahle. 

Zusätzlich zu einem großen Fernsehgerät der Energieeffizienzklasse G liefen in den Wohnräumen ein Kühlschrank, ein Geschirrspülautomat mit dem EU-Energielabel B (früher A+++) und mehrere noch nicht voll entladene Smartphones wurden aufgeladen. Damit wurde nicht nur Erdgas über die Maßen verbrannt, sondern zusätzlich auch Strom verschwendet. Eine Erklärung dazu wollte der Hauptverdächtige nicht geben. 

Münster ist kein Einzelfall

Die Verschwenderfamilie aus Münster war leider kein Einzelfall. Bei den bereits am frühen Morgen angelaufenen bundesweiten Stichprobenkontrollen  von BWW, TFB, Heizungsentlüftungshandwerkern und Sicherungseinheiten in allen Bundesländern wurden insgesamt 90 verschwendungsrelevante Vorfälle entdeckt, die zu Maßnahmen führten, darunter Wohnungsdurchsuchungen und Vernehmungen. 

Das ist ein doppelt so starker Anstieg verglichen mit dem Vorjahr, als noch gar keine solchen Fälle registriert werden mussten. Zusätzlich sei von einem großen Dunkelfeld auszugehen, heißt es bei der TFB. Viele solidarmoralisch relevante Verschwendungshandlungen würden nicht angezeigt, Absichtserklärungen, gegen Energiesparregeln verstoßen zu wollen, gelangten den Behörden nicht zur Kenntnis, da sie in geschlossenen Foren, im Familienverband oder in Freundeskreisen geäußert würden.

Um noch vor Wintereinbruch gegenzusteuern, richtet die TFB jetzt aber eine neue “Zentrale Meldestelle für Energieverschwendung” (ZMEV) ein, die ab November auch Hinweise auf unzulässig beleuchtete Straßen, Plätze oder Gebäude gebündelt entgegennimmt und dann gemeinsam mit den Bundeswärmewächtern prüft, inwieweit die Grenze zur Entsolidarisierung überschritten ist. Hintergrund ist die neue Energiesparverordnung, die im September in Kraft trat, und Firmen, Behörden wie Privatleute verpflichtet, jeder an seinem Ort bei der “nationalen Kraftanstrengung” (Robert Habeck) mitzuhelfen.

Hilfreiche Handreichung

So können Bürgerinnen und Bürger die Behörden dabei unterstützen, der gesellschaftsspaltenden Verschwendung Einhalt zu gebiete und Gas- wie Stromverbrauch entschlossen entgegenzutreten:

  • Wenn Sie den Verdacht hegen, Nachbarn, Bekannte, Freunde oder Familienmitglieder nehmen die Teilhabe am Sparen auf die leichte Schulter, sollten Sie das unbedingt ansprechen. Eine sofortige Anzeige ist aber nicht nötig, um die noch im Aufbau befindlichen Strukturen von TFB und BWW nicht zu überstrapazieren
  • Wenn Sie auf überheizte Räume, beheizte Flure oder beleuchtete Werbetafeln stoßen, sollten Sie das umgehend über die ZMEV anzeigen. Einige Bundesländer halten dafür eigene Internetportale bereit bzw. planen deren Aufbau, so dass Sie solche Verstöße auch anonym melden können. Einen Überblick über diese Onlinewärmewachen finden Sie hier, auch die örtlichen Ordnungsämter und die Innungsmeister von Bad, Sanitär und Installation nehmen Hinweise gern entgegen. 
  • Versuchen Sie nicht, selbstständig tätig zu werden, etwa, indem sie an Wohnungen klingeln, in denen Sie Menschen sehen, die nicht der Witterung entsprechend bekleidet sind. Wärmeverbrecher reagieren bekanntermaßen auch auf gut gemeinte Ratschläge und Hinweise oft aggressiv.

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