Es war nicht alles Brecht: Das Ende der Ozonschicht

Kein Pionierlied, sondern ein Anflug späte Neue Deutsche Welle, was Forschende des Hans-Hüsch-Institutes für sozialistische Poesie da bei einer Erkundungsexpedition in die Lagerkeller des Leipziger Literaturinstitutes Johannes R. Becher in einem Regal voller Lagerkartons fanden. Mit Kerzenwachs notdürftig abgedichtet, entdeckten die jungen Sprachwissenschaftler und Historiker gleich bergeweise Aktendullis aus volkseigenen Beständen, deren Inhalt von den peinigenden Ängsten einer früheren Generation erzählt, die noch nichts wusste von Energiekrise, einem Feind im Osten und einer Bundesregierung, die sich im Verein mit den europäischen Partnern und im Schulterschluss mit den amerikanischen Freundinnen und Freunden gegen den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung stemmt.

Ein unsozialistisches Maß an Skeptizismus

Den unbekannt gebliebenen Dichtenden des kaum zwei Dutzend Zeilen umfassenden Poems “Mitten in London” aber trieb damals die Angst vor einer Zukunft an die Schreibmaschine, die bis heute aktuell ist. Der kalte Krieg und die Systemkonfrontation, der Dissens Ostberlins mit Moskau, die ersten Aufmärsche von Querdenkern, Staatsfeinden und Menschen, die einen Systemwechsel herbeisehnten, das alles scheint den Vater des in freien Reimen verfassten Werkes unberührt gelassen zu haben. Seine Hand führte ihm damals, im letzten Jahr der Mauer, ein gerüttelt Maß an Skeptizismus angesichts allererster Bemühungen der Weltgemeinschaft, auf großen Konferenzen verbindlich festzulegen, wie sich das globale Klima entwickeln dürfen sollen werden müsse.

Niemand machte sich Illusionen darüber, wie akut die Ozonschicht bedroht war – und mit ihr das Leben auf der ganzen Erde. Ein klaffendes Loch im Himmel, das sich bis ins letzte Herz gebohrt hatte. Aus den Kühlschränken überall auf dem Globus kam gekrochen, was die Existenz der Menschheit infragestellte. Zumindest in jenem März 1989 noch, der nicht ahnte, wie schnell ein Mauerfall den Klimaglobus in eine Welt verwandeln würde, auf der niemand mehr nirgendwo jemals das Wort Ozonschicht auch nur in den Mund nehmen würde. 

Das Unerwartete geschah

Seitdem ist Heiner Müller gestorben, die deutschen Schreibmaschinen wurden nahezu sämtlichst verschrottet. Aktendullis gingen aus der Mode, Hängeregistraturen, Volkseigentum und die Sehnsucht danach, dass radikalische Chloratome aus chlorierten organischen Verbindungen damit aufhören mögen, zu zerstören, was uns lieb und teuer ist.  Wie immer in der Geschichte wechselte das Orchester, die Dirigenten tragen andere Namen, sie spielen nicht mehr von der die Ozon-Partitur, sondern eine andere Klima-Oper, wenn auch im gleichen Diskant. Das Halogen heißt nun Schwefelhexafluorid, seine verheerende radikalische Substitution wurde vom “stärksten bisher bekannte Treibhausgas” (MDR) übernommen, das sich bevorzugt in Windrädern versteckt. 

Da ist kein Trost, kein Hoffnungsschimmer. Alles also wie immer.

Eine internationale Konferenz
zum Schutz der Ozonschicht
wurde in London eröffnet
dass ich nicht lache
Zum Schutz der Ozonschicht
das klingt mindestens
als würden die Herren
in den sanften Zweireihern
die betagten Tagungslöwen
während einer ihrer Durchschlafstörungen
die Redenredner mit dem blubbernden Err
die berufsmäßigen Philanthropen
in einer Atempause
die Jammerlappen im Jaguar
die Kommissionsmitglieder mit den
Konditionsschwierigkeiten
vom Sitzungssaal aus
mitten in London
dieses Ozonloch
gleich selbst verdübeln

 

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