Fettfrei in den nächsten Mai

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Der Winter kommt und die Gürtel müssen enger geschnallt werden.

Es waren Worte wie “schwer”, “hart” und “nicht einfach”, mit denen die Bürgerinnen und Bürger im Frühling auf fürchterliche Jahre eingestimmt wurden. Der Krieg erreichte erst Kiew, dann die deutschen Talkshows, schließlich aber doch die deutschen Wohnzimmer. Nur anders als gedacht. War der Wehrwille im früher so gefürchteten Rest-Preußen 104 Jahre nach seiner amtlichen Auflösung vor allem in den ersten Wochen und vor allem in den Elfenbeintürmen des Bionadeadels noch ungeheuer groß, erschlaffte die Kampfkraft mit jedem nicht nach Osten gelieferten Panzer  und jedem Cent Preiserhöhung an der Gasfront.

Kampf an der Gasfront

Die Inflation in Deutschland erreichte den höchsten Stand seit 50 Jahren und wie der Krieg die Pandemie aus den Schlagzeilen radiert hatte, verschwand nun hinter der Aufregung um “kräftige Preissteigerungen für Energie und Lebensmittel” (DPA), was vom Kriege übrig war. Vom Statistischen Bundesamt bis zur EZB, von Paris bis Berlin machte sich die Erkenntnis breit, dass ein Krieg nicht zu gewinnen ist, wenn Heimatfront nicht steht, sondern vor Kälte zittert, die Omas der Soldaten nichts zu beißen haben und die Verbündeten und Freunde ringsum sich weigern, angemessen eifrig zu Hilfe zu eilen.

Es hagelte Durchhalteparolen, der Kanzler hielt Blut-und-Tränen-Reden ohne Schweiß, denn wenn eines feststand, dann dass bald niemand mehr schwitzen wird. Das Ampel-Kabinett, eine Laienversammlung aus Idealisten, Ideologen und Illusionskünstlern, fand sich unversehens in einer wirklichen Welt wieder, die auf jeden einzelnen der Minister bis hin zum Kanzler unwirklich wirken musste: Eine Geldentwertung von mehr als acht Prozent im Jahr. Eine Bundeswehr von allenfalls symbolischer Abwehrbereitschaft. Eine Energieversorgung, die auf  Geld und gute Worte gesetzt hatte. 

Am Tropf einer einzigen Turbine

Staunend erfuhr das Land, dass ganz Deutschland am Gastropf einer einzigen Turbine hängt, ein Spielball fremder Mächte. Beinahe schon weniger überraschend, dass parallel dazu bekannt wurde, dass Deutschland 70 Prozent seiner Lebensmittel, Kabelbäume, Sonnenblumenöle und Rohstoffe schon seit Jahren aus der Ukraine bezieht, die wegen des Krieges nicht mehr in gewohntem Umfang liefern konnte. Der Rest stammt unglücklicherweise aus Russland. Das bremste die ohnehin lavede Konjunktur und ließ die Preise steigen.

Im letzten Sommer vor dem Zusammenbruch der Ordnung, den führendste Ampelpolitiker rechtzeitig und in schwärzesten Farben an die Wand malten, durfte noch einmal getanzt, gelacht und Urlaub gemacht werden. Morgen war Krieg, aber erst mal waren Ferien, immerhin die absehbar letzten in einer alten Welt mit dickem Wohlstandsbauch, Konsumfieber und einem florierenden moralischem Ablasshandel durch fantasiereiche Symbole, Zeichen und eine mit Klicklauten und Pausen aufmunitionierte Hochsprache

 

Das Neun-Euro-Ticket verbreitete gute Laune, das Zwei-Cent-Versprechen des Kanzlers machte Hoffnung und mit der “Energiepreispauschale” (®© BWHF) kam sieben Monate nach Kriegsbeginn ein erstes zählbares Almosen aus der Vielzahl der “Entlastungspakete” dort an, wo Verbraucherinnen und Verbraucher immer noch versuchten, absehbare Wohlstandsverluste, Währungsverfall und das Wunder der kollektiven Realitätsverweigerung mit Hilfe ihrer jüngsten Pandemieerfahrungen zu verarbeiten.

Kalte Wohnungen waren nun grundsätzlich gesünder, kalte Duschen härteten ab und enge Gürtel kamen ganz groß in Mode. Wenn der Klimawandel mitspielt, werden die Gasspeicher reichen. Wenn der Ukrainer durchhält, kann der Westen gerettet werden. Wenn alles gut geht, marschiert ganz Alt-Europa fettfrei in den Mai, ein gertenschlankes Deutschland vornweg. Wochen nur noch wird es brauchen, bis Ursula von der Leyen den nächsten großen Wiederaufbauplan für den Kontinent verkündet, diesmal als  “Warfare for environment“-Strategie für einen großen green war zur Befreiung der Welt von Klimagiften, Tütenmüll und Fossilen.

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