Energieausstieg: Auf dem Weg in Zone Null

Der Rückbau der Ausstiegsgesellschaft ist keine Tagesaufgabe, sondern eine Transformation.
 
Es war ein Hammer, als die Bundesumweltminister Barbara Hendricks direkt vor der Klimakonferenz von Paris die nächste Stufe des deutschen Energieausstieges ankündigte, um internationale Kritik an der zögerlichen deutschen Ausstiegspolitik zu vermeiden. Nach der Atomenergie und der Steinkohle war nun die Braunkohle dran – zu schmutzig, zu einheimisch, zu deutsch. Ein Leuchtfeuer für eine Welt, in der Klima, CO2 und Biodiversität längst zum Morgengebet von Milliarden Menschen geworden sind. Sie alle schauten nach Berlin, sie alle staunten, wie entschlossen die Deutschen ihre von der Natur vorgesehene Führungs- wie die von Gott vorgesehene Vorbildrolle einnahmen und spielten.  
 

Neid aus aller Welt

 
Sechs Jahre später beneidet der gesamte Globus die Nation, die den Zweiten Weltkrieg noch verloren hatte, um ihre rasanten Fortschritte beim Rückbau des Energiesektors, beim Umstieg auf den Fleischausstieg und bei der Entdeckung der wohnungsnahen Naherholung anstelle eines ressourcenfressenden globalen Tourismus. Die Energieexpertin Susi Weber sieht im PPQ-Interview gute Chancen dafür, dass die Mehrzahl aller anderen Staaten Deutschland bereits in Kürze nacheifern wird. Die Thermologin des Climate Watch Institutes im sächsischen Grimma plädiert deshalb für höhere Preise im Energiesektor, von Ausstiegsprämien für Heizaussteiger und den Rückbau von Verglasungen im großen Stil.
 
 
 
PPQ: Frau Weber, mit den explodierenden Energiepreisen ist die Bundesregierung unter Druck geraten, die sanktionsgetriebenen Folgen zu deckeln und damit Preissignale auszusetzen, die uns eigentlich beim Energieausstieges helfen sollten. Was halten Sie davon?
 
Weber: Das ist kontraproduktiv. Wir sehen ja im Augenblick gerade, wo sich zeigt, wie abhängig Privathaushalte, Industrie und damit sogar die Politik von billiger Energie sind, wie abhängig wir uns von der gesamten Energiefrage gemacht haben. Deshalb sage ich: Wir brauchen einen schnellen Ausstieg, je schneller, desto besser.. So lange wir viel zu viel Strom im deutschen Stromsystem haben, wird der auch genutzt. Das treibt die CO2-Emissionen trotz unseres beispielhaften Solar- und Windstrombooms nach oben und wir drohen, unsere Klimaziele zu verfehlen. Die Welt aber schaut auf uns, wir müssen anderen Staaten Mut machen und zeigen, dass niemand Angst haben muss vor einem Leben ohne sichere Energieversorgung, ohne billige Strompreise. Wenn wir erst am Ziel sind, wird sich zeigen, dass es auch so geht.
 
PPQ: Welche Erkenntnisse haben Sie, die Sie das glauben lassen?
 
Weber: Wenn wir von Erkenntnissen sprechen, dann reden wir ja immer von Entscheidungen. Kann ich das, was ich beabsichtige, mit dem erreichen, was ich tun will? Ich sage ja, das werden wir. Es geht darum, Kraftwerke abzuschalten, damit unser Strom direkt aus der Steckdose kommen kann. Skeptiker zweifeln diese Möglichkeit an, ich aber sage, das ist noch nie ausprobiert worden und wenn man es richtig macht, wird es auch gelingen. Die unfassbar hohen Preise am Energiemarkt helfen dabei, denn niemand, der bei Verstand ist, wird 10.000 oder 20.000 Euro im Jahr für Strom, Benzin und Gas ausgeben, wenn er das Geld auch in den Ausstieg investieren kann. Wichtig ist, dass wir den Wertewandel bei der Energieversorgung jetzt nutzten und den Menschen sagen, ja, das war von Anfang an der Plan, für einen Moment mag es selbstmörderisch scheinen, aber am Ende der Transformation werden unsere Urenkel im Einklang mit der Natur leben, von ihrer Hände Arbeit auf Feldern vor dem Haus, ohne schlechtes Klimagewissen.
 
PPQ: Ein Ausstieg aus der Versorgung mit Energie also letztenendlich, wie wir sie heute noch kennen?
 
Weber: Perspektivisch sicherlich. Die Verfügbarkeit von billiger Energie führt ja immer dazu, dass es zu einem Überfluss an verfügbaren Produkten gibt, dass Preise fallen und dann nicht mehr die Kosten abbilden, die ein fragwürdiges Gerät wie ein E-Bike, die ein Einfamilienhaus oder ein Fernsehsender haben. In den Jahren des gigantischen Energieüberschuss, als die Preise aus heutiger Sicht gerade zu lächerlich niedrig waren, baute sich so ein Wohlstand auf, den viele Bürgerinnen und Bürger auf ihre fleißige Arbeit und die meisten Politiker auf ihre klugen Entscheidungen zurückführten. Der gemeinsame Wille, sich von der Grundlage des Wohlstandes, von der Basis der Wertschöpfungskette trennen zu wollen, hatte viel mit Schuldgefühlen zu tun, war aber auch von Zögerlichkeit bestimmt. Beckmesser verlangten, erst zu wissen, was danach komme, ehe sie einem Ausstieg aus dem Energiesystem insgesamt zustimmen wollten. Aber ich frage Sie: Kolumbus, als er in die neue Welt aufbrach, hat der vor dem letzten Leinen-los den Anspruch angemeldet, dass auf der anderen seite ein Begrüßungskomitee bereitsteht?
 
PPQ: Sie möchten der Gesellschaft stattdessen einen Kopfsprung ins Ungewisse zumuten, mit allen Risiken und Kosten?
 
Weber: Das ist so nicht richtig. Es mag sein, dass es auf dem Weg für einige Zeit teuer wird, vor allem subjektiv empfunden. Aber! bedenken Sie bitte, dass wir am Ende des Vollzugskorridors zum Ausstieg aus der Nutzung von Energie nicht nur tatsächlich unsere Pariser Klimaziele erreichen werden, das ist ist ganz, ganz vielen Menschen ja sehr wichtig. Nein, wir werden sie deutlich unterbieten, wir werden nahe Null landen! Und zudem: Durch den Verzicht auf Strom, Gas, Öl, Kohle, aber auch Solar- und Windenergie, deren ökologischer Ruf aus meiner Sicht leider besser ist als ihre wirkliche Ökobilanz, erreichen wir einen sogenannten Punkt Zero bei den Kosten für die Energieversorgung. Da wird nichts mehr bezahlt werden müssen, Null. Kein Strom schickt keine Rechnung, kein Gas nicht, kein Öl.
 
PPQ: Aber es wird zweifellos Klagen geben, wenn Menschen frieren, wenn sie feststellen, ihr Shampoo schäumt nicht und sowohl Bäcker als auch Lieblingskneipe haben zu?
 
Weber: Das ist ein Umstellungsprozess wie bei jeder Transformation. Dinosaurier sind dazu bestimmt, auszusterben, man kann das als Teil des Artensterbens beklagen, man kann es mit Blick auf die Biodiversität auch schade finden. Aber so ist der Gang der Dinge. Auf eines kann ich vielleicht noch hinweisen: Heute wird ja viel Propaganda gegen den – aus meiner Sicht recht lauen – Ausstiegsplan der Bundesregierung gemacht, indem man vor sogenannten Blackouts warnt und gezielt Ängste schürt. Dazu kann ich nur sagen, dass die Energiesucht unserer Gesellschaft letztlich die Ursache dafür ist, dass solche Gefahren bestehen. Lösen wir uns davon, gibt es keine Blackouts, weil es gar keine mehr geben kann.

PPQ: Was raten Sie für die private Vorsorge? Muss ein solcher Ausstieg auch energetische Insellösungen umfassen? Oder wären kleine Solarkollektoren und private Windräder weietrhin erlaubt?

 
Weber: Aus der Forschung wissen wir, dass viele Bürgerinnen und Bürger sich als sehr konservativ definieren und auch ein bisschen risikoavers sind. Sie mögen neue Dinge nicht, wollen Chancen nicht erkennen, die sich auftun. Ich glaube, hier hat es keinen Sinn, zu drängeln oder jemanden zu seinem Glück zu zwingen. Wir sprechen hier über ein Generationenprojekt, die Energiewendewelt, die  entstehen soll, wird es sicher nicht in zehn oder 20 Jahren geben, denn wir sind derzeit ja erst in der allerersten Phase des Aufbaus der entwickelten Ausstiegsgesellschaft. In 40 oder 60 Jahren werden Sie diese Frage nicht mehr stellen, da bin ich sicher.

Leserbriefe

Nachrichten, Kommentare, Leserbriefe - News im Minutentakt.