Katholiken in Nordirland jetzt in der Mehrheit

Als sechs der neun Grafschaften der Provinz Ulster im Nordosten der Irischen Insel 1920 gewaltsam durch die Politik Londons vom Rest der Insel abgetrennt wurden und seitdem die Bezeichnung »Nordirland« trägt, siedelte das protestantische englische Königshaus gezielt Landsleute gleichen Glaubens in der Region an. Die Verwaltung, die Justiz, die Polizei und auch das Militär wurden spätestens seit 1927, als London »Nordirland« direkt der eigenen Regierungsgewalt unterwarf, nahezu ausschließlich von protestantischen Engländern besetzt, die mit ihren Familien von der größeren auf die kleinere Insel wechselten. Lediglich die drei Grafschaften Donegal ganz im Norden und die südlich gelegenen Grafschaften Monaghan und Cavan verblieben beim Freistaat »Eire« respektive der heutigen Republik Irland. Heute werden alle ehemaligen Grafschaften als »Counties« bezeichnet, die Grenzen blieben allerdings unverändert.
Durch die erwähnte Siedlungspolitik stellten die Protestanten schnell die Mehrheit in Nordirland. Die Politik Londons war es auch, die die Grundlage für die über viele Jahre andauernde Gewalt in der Region schaffte. Das englische Militär und die englische Polizei ging rigoros gegen die zunächst relativ friedlichen Proteste der katholischen Minderheit vor; die Gesetzschreibung und Rechtsrpechung verschärfte die Lage zudem, weil sie Gesetze erließ und Urteile sprach, die gezielt gegen die Katholiken ausgerichtet waren.
Das könnte sich jetzt ändern, denn erstmals in der Geschichte der abgetretenen Counties Antrim, Down, Amagh, Fermanagh, Tyrone und (London-)Derry (im Uhrzeigersinn) leben dort laut einem Bericht desGuardian jetzt mehr Katholiken (45,7 Prozent) als Protestanten (43,8 Prozent). Zudem votierten die Nordiren beim Brexit mehrheitlich für einen Verbleib in der EU, was einen weiteren Keil zwischen Belfast und London trieb. Seit der Wahl zum nordirischen Parlament (Northern Ireland Assembly) im vergangenen Mai stellt erstmals die pro-irische und streng katholische Sinn Féin die stärkste Fraktion im Stormont. Deren Ziel, daran lässt die Erste Ministerin Michelle O’Neill keinen Zweifel, ist die Loslösung aus dem Vereinigten  Königreich und die Wiedervereinigung mit den anderen irischen Provinzen.
Sollte O’Neill ihre Ankündigung umsetzen und eine Volksabstimmung in Nordirland darüber anberaumen, könnte diese Veränderung bei den beiden Glaubensrichtungen ausschlaggebend für den Ausgang eines solchen Referendums sein.

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