Krieg, Klima, Wetter: Die letzten Tage der deutschen Menschheit

Klima Wasser bis zum Hals
Beinahe bis zum Halse steht der Menschheit das Wasser.

Der Klimawandel ist längst schmerzhaft in Deutschland angekommen: extreme Hitze, lang anhaltende Dürre, Starkniederschläge mit Überschwemmungen und Tornados, Trockenheit, dann wieder Regen, Sonne, Wind und Frühlingstemperaturen, die an einen April erinnern: Mal zu warm, mal zu kalt, kaum einmal direkt am und auf dem langjährigen Durchschnittsbereich. Herbert Haase vom Klimawatch-Institut im sächsischen Grimma (CLW) widmet sein neues Buch mit dem Titel “Die letzten Tage der Menschheit” diesen Fragen.

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Welche Folgen haben ständige Abweichungen vom Klimadurchschnitt? Und was lässt sich tun, um Wetter zu haben wie früher, als es den Begriff Starkregen nicht gab und der Deutsche Wetterdienst (DWD) noch nicht 210 000 manuell erstellte Wetterwarnungen sowie rund 10 000 Un- wetterwarnungen und extreme Unwetterwarnungen  im Jahr herausgeben musste – immerhin 600 am Tag oder umgerechnet 3,5 pro DWD-Beschäftigten.

Was hat das mit der Klimakatastrophe zu tun? Woher kommen die schon im Niedrigtemperaturbereich rot glühenden Wetterwandelkarten? Was lässt sich aus den dort gezeigten Anlassfarben herauslesen,  ökologisch, ökonomisch, politisch und gesellschaftlich?Und wer wird das alles bezahlen können – die umfassende Grundsanierung von 40.000 Kilometern Schienennetz der Bahn, die 6.000 kaputten Brücken, von denen 2.500 einsturzgefährdet sind? Den Ausstieg aus den Fossilen und die Neuanschaffung von 37 Millionen Elektrokraftfahrzeugen binnen eines Jahrzehnts? Die Verschrottung derselben Anzahl an Verbrennern durch Export nach Osten? Den Ausbau der Ladeinfrastruktur parallel zur Umrüstung des gesamten Landes aus Wärmepumpe mit Windantrieb?

Der Countdown läuft

Haase, ein Mann seines Fachs, weiß es auch nicht. Doch die Klimaexperten der Vereinten Nationen schlügen Alarm, sagt er, “das 1,5-Grad-Ziel steht auf der Kippe und könnte bereits in den nächsten fünf Jahren gerissen werden”. Deutschland stände dann blamiert da wie bei der Helmlieferung an die Ukraine. “Völkerrechtlich hätte ein solcher Verstoß vermutlich nicht sofort Konsequenzen”, glaubt der Wissenschaftler, “doch was nicht ist, kann noch werden”. Mit seiner Entscheidung zur augenblicklichen Bindungswirkung jugendlicher Ängste vor kommendem Unheil habe das Bundesverfassungsgericht gezeigt, dass frühere rechtliche Hürden zwischen einer von vorherigen Generationen zu garantierenden hübschen Zukunft und einer lebenswerten Gegenwart obsolet sein können. “Der Menschengerichtshof könnte das eines Tages ebenso sehen.”

Die Gradzahl, festgeschrieben im Pariser Kliamabkommen, steht dennoch bedrohlich im globalen Raum, sie verändert sich nur wenig, zu wenig, wie Haase findet. Werde der Wert nicht weiterhin angepasst – Haase rät zu 2,5 Grad – könnte er nachhaltig überschritten werden. Diese Aussicht habe dann aber schon zuvor vermutlich massive Folgen mit zunehmenden Schäden für den Menschen und unsere Lebensgrundlagen. “Intakte Teile der Wirtschaft werden zurückgefahren, Freiheitsrechte müssten eingeschränkt werden, wir ständen vor der Frage der Triage bei der Energieversorgung.” Nicht jede und jeder könne dann immer mit Strom versorgt werden, Priorität hätten Verteidigungsanstrengungen, Altenheime und die Lieferung medizinischer Güter.  

Erwärmungsangst und ihre Auswirkungen

Eine Welt, die Herbert Haase in seinem Wissenschaftsthriller im Detail beschreibt. Seine Revolution im Klimaschutz, bevor uns die Zeit davonläuft, ignoriert das “Weiter so wie bisher” als Option. Die globale Erwärmungsangst sei sinnstiftend für eine ganze Generation, folgert der Forscher: Bis heute betrage die globale Erwärmung bereits 1,1 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit, ohne dass die höheren Temperaturen dazu geführt hätten, dass weltweit Wohlstandverluste eingetreten, sich Hungerkrisen gemehrt und Extremwetterereignisse linear zugenommen hätten. “Dennoch gehört die Furcht vor den letzten 0,4 Grad Erwärmung bis zum Pariser Klimaziel schon fast zu unserem Alltag.”

Eine irrationale Angst, allenfalls vergleichbar mit der urdeutschen Furcht vor der Geldentwertung und der Angst der Franzosen davor, dass Deutschland Europa dominiert. Nach Herbert Haases kritischen Berechnungen verursacht das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber globalen Entwicklungen, die von Deutschland aus kaum zu regeln sind, massive Zerstörungen. Intakte Kraftwerke wurden reihenweise abgeschaltet, stattdessen errichteten wirtschaftlich interessierte Großkonzerne Windkraftanlagen mit einem Gesamtgewicht von 150 Millionen Tonnen Stahl, Beton und Hochleistungsplastik allein in Deutschland. Große Teile des Materials wurden auch China importiert.

Untergang der Osterinsel

Bilder, die Haase an die Jahre vor dem Untergang der Osterinsel erinnern. Dort scharten sich die verzweifelten Menschen zusammen, um ihre berühmten Moai-Statuen zu aufzurichten, die den Klimawandel aufhalten sollten. Heute sind es die hohen, schlanken Türme mit den Windrotoren, die wie eine Beschwörung noch vorhandener Hoffnungsschimmer dafür stehen, “dass wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen werden”. Dass die Politik wieder und wieder betone, den Ernst der Lage erkannt zu haben, beunruhige ihn, so sagt der Wissenschaftler. “Im Normalfall geschieht das allen historischen Erfahrungen nach immer erst, wenn es schon viel zu spät ist, eine Krise abzuwenden.”

Herbert Haase sieht den Ausstieg aus den fossilen Energien mit großer Zufriedenheit, doch er bleibt skeptisch was den Ersatz durch bisher großtechnisch nicht einmal prototypisch vorhandene Technologien angeht. “Der Energieausstieg ist im vollen Gange, und auch die Wirtschaft denkt um”, beschreibt er, “aber der Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft innerhalb weniger Jahrzehnte benötigt letztlich wahrscheinlich doch eine stabile Energieversorgung.” Das Heizen, die Stromversorgung  und den Betrieb auch von lebensrettenden Systemen in Krankenhäusern abhängig zu machen vom “Wollen”, wie es der führende deutsche Klimaforschende Mojib Latif empfohlen hat, halte er für ebenso blauäugig wie die Idee, ein “komplettes Umdenken” (Latif) könne Haushalte und Wirtschaft in Deutschland künftig mit Energie versorgen.

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