Ostdeutsch*innen im Westen: Die ewig Heimatlosen

Werbeauftseller Express Rheinland
Regionalstolz, wie er vielen Geflüchteten aus dem Osten immer noch begegnet: Bei uns liest man Express.

Sobald es Sören Käsebier wieder überkommt, dieses Gefühl endloser Hilflosigkeit und Fremdheit, nimmt er sich eine Bleistiftzeichnung zur Hand, die ihm sein Freund Mohamed Salaman gezeichnet hat. Sie zeigt einen nackten Mann in einer Glasflasche, die Hand des Eingesperrten ragt aus der Enge des Flaschenhalses. “So fühle ich mich“, sagt Käsebier, “mein ganzes Leben ist der Versuch, dem Eingesperrtsein in meine Herkunft zu entkommen.  

Aus einem Krankenhaus in Sachsen

Das Leben des Mittvierziger war nie leicht, schon ganz am Anfang nicht. Als es vor mehr als vier Jahrzehnten begann, in einem Krankenhaus in Sachsen, dort, wo der Freistaat am wildesten und verlassendsten ist, bekam Käsebier noch “einen blauen Pass in die Hand gedrückt”, wie er erzählt. Er hat ihn noch, das kleine Büchlein mit dem Aufdruck “DDR”, das ihm seinerzeit den Weg in die Freiheit eröffnete, als die Mauer fiel. Sören Käsebier hält das Büchlein in Ehren, obwohl es längst entwertet wurde und er heute einen richtigen bundesdeutschen Pass besitzt. Aber dieses Dokument weise ihn als Nachkommen ostdeutscher Eltern aus und verleihe ihm so eine Identität, die er nicht abstreifen könne und wolle. “Das ist, was ich bin, auch wenn ich schon lange nicht mehr dort lebe.”

Käsebiers Eltern sind ostdeutsche Geflüchtete aus Pirna, sein Vater kam sogar viele Jahre zuvor mit seinen Eltern aus Schlesien. Beide Elternteile wurden DDR-Staatsbürger*innen, diese Staatsangehörigkeit vererbten sie auch ihrem Sohn und seiner Schwester. Nicht, dass es ihm viel geholfen hätte: So wie die meisten DDR-Bürger wurde auch Sören Käsebier sofort nach dem 3. Oktober 1990 Bundesbürger. Nach anderer Lesart des Völkerrechts war es sogar schon alle Jahre seines damals noch so jungen Lebens zuvor, ohne es selbst zu wissen. 

Mit dem Mauerfall ins Rheinland

Mit dem Mauerfall gingen die Eltern dann ins Rheinland”, erinnert er sich. Dort studierte er Daseinsfürsorge und Urbantechnik, fand eine Arbeit und verdiente schon als junger Angesteller gutes Geld. “Es war aber eben nie so viel wie meine einheimischen Kollegen und Kolleginnen bekamen”, klagt er. Obwohl er schon als Kind in den Westen kam, galt er dort schon in der Schule als der Ostler. “Ich sprach so, ich hatte diese Auffassungen”, beschreibt er. 

Seine Familie war in diesen Jahren immer wieder getrennt, weil der Vater auf Montage fuhr, anfangs im Westen, als der Aufbau des Ostens dann losging, vermehrt in der alten Heimat. Mutter und Vater hätten sich dann zeitweise getrennt, aus seiner Sicht auseinandergerissen von den neuen Lebensumstände, der Buntheit und den Möglichkeiten des Westens. “Später haben sie aber wieder zusammengefunden, allerdings daheim in der Nähe von Pirna.”

So verpasste er mehrere Familienfeste und auch die Umgestaltung des heimatlichen Dorfes durch mehrere Dorferneuerungsprogramme bekam er kaum mit, wie er sagt. Was heute beinahe aussieht wie ein normales, wenn auch armes Stadtviertel in einer Kleinstadt am Rhein, mit engen Gassen zwischen den Wohnhäusern, mit doppelt verglasten Thermofenstern und hier und da bröckelndem Putz, manche Mauer noch von Staub und Smog geschwärzt, ist doch immer noch ein Stück Land, das auf Fremde widerborstig wirkt.

Widerborstig wie Käsebier seine offizielle Heimat am Rhein empfindet: “Ich kenne hier viele, viele Leute”, sagt er, “und die meisten sind wirklich nett, freundlich und zugänglich.” Nur eng zusammen komme man kaum. “Da bleibt immer eine unsichtbare Barriere.”

Millionen sind vulnerabel

Kein Einzelfall. Migrationsforscher*innen gehen davon aus, dass von den etwa 2,3 Millionen in den alten Bundesländern registrierten früheren DDR-Bürgerinnen und -Bürgern viele besonders vulnerabel seien, weil sie ihnen der Zugang zu Emotionen und Seelen ihrer alteingesessenen Nachbarn bis heute fehle. Die Gründe für diesen Unterschied reichen bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten zurück: Hier war der Westen, der vorpreschte und in Windeseile Wohlstand produzierte. Dort der arme Vetter im Osten, der seine Bürger auf später vertröstete, wenn der große Sieg über den Kapitalismus zünftig gefeiert werde.

Mehrere Flüchtlingswellen wurden von den unterschiedlichen Lebensbedingungen ausgelöst. Die, denen es gelang, in den Westen zu kommen, bekamen dort dieselben Ausweise wie die Einheimischen, aber je nachdem, ob sie in Bayern, Norddeutschland oder tief im Süden landeten, wurde ihnen die alte Bundesrepublik nur eine mehr oder weniger alternative Heimat, aus der der Blick sehnsüchtig oder nostalgisch immer noch dorthin ging, wo früher der Lebensmittelpunkt gewesen war. 

Sonderolle der Geflüchteten

Die Sonderrolle, sie wird den in den Westen Geflüchteten auch von außen zugeschrieben. Der “Ostbeauftragte” der Bundesregierung etwa ist für Sören Käsebier ein rotes Tuch, betone er doch schon mit seinem Vorhandensein die mangelnde Inklusion der neu Hinzugekommenen. 

“Der Osten ist sicherlich noch in meinem Herzen, aber wenn ich dort hinkomme, dann ist es ein fremdes Land für mich.” Der Westen aber sei genauso, die Frage, woher kommst du, lasse bei ihm bis heute Schweiß ausbrechen. “Eigentlich liebe ich das Rheinland sehr, aber ich habe das Gefühl, dass die Politik nicht will, dass ich dort bleibe. Es ist wie eine verschmähte Liebe.”

Dabei macht er alles mit. Karneval, Kölsch trinken, Allah und Alaaf. “Aber ich bin eben auch mit den Geschichten einer verlorenen Heimat aufgewachsen, sie sind Teil meines inneren Konfliktes.” Eine Freundin habe er einmal gehabt, aber auch die entstammte einer Familie von Geflüchteten aus Thüringen. “Wie ich war sie hier gut integriert, arbeitete in der Filmindustrie, lebte lange in einer WG mit Westdeutschen”, sagt er, “aber fragte man sie nach ihrer Identität, antwortete sie Kölnerin mit Thüringer Wurzeln.” Ihm sei das zu wenig gewesen, denn er begreife sich in seiner ganzen Vielfalt. “Ich bin Rheinländer aus Sachsen, aber Mutter kam aus Mecklenburg und Vater aus Schlesien.”

Trennung unumgänglich

Die Trennung war unumgänglich, allein schon seinem Glauben an eine spätere Rückkehr nach Pirna geschuldet, aber auch seinem Bedürfnis nach Harmonie und Zusammenhalt “in guten und schlechten Zeiten”. Seine Verbindung zum Land seiner Eltern, in dem noch zahlreiche Verwandte und Bekannte leben, wenn auch auf niedrigerem Wohlstandsniveau, sei nie abgerissen, sie drohte jedoch durch die bedingungslose Assimilationsbereitschaft der Freundin zu reißen. “Ich musste in dieser Situation eine Entscheidung für mich treffen, und das habe ich getan.”

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