Kirschkernkissen: Verfügbar, klimaneutral, kaum genutzt

Kirschkernkissen als Wärmespeicher
Kirschkernkissen (r.) könnten im kommenden Deutschland als klimaneutrale Heizquelle sowohl in Privathaushalten als auch in der Industrie dienen.

Mit Kirschkernkissen könnte Deutschland unabhängiger heizen, kühlen und sogar Strom erzeugen. Die Energiewende braucht die Wärme aus dem Fruchtsamen. Über Vorteile und Risiken einer Technologie, die immer noch weitgehend unterschätzt und kaum genutzt wird.

Kirschkernkissen: Das Prinzip eines Kirschkernkissens ist denkbar einfach und ohne Einschränkung nachhaltig. Kirschkernkissen können Wärme aufnehmen uns speichern und so zu einer wichtigen Energiequelle werden, sind es doch gerade die Speicherlösungen, an denen die Durchsetzung der Wärme-, Dämm- und Energiewende derzeit noch kranken. Kirschkernkissen sind klein, transportabel und miteinander kombinierbar, sie vermögen es in ausreichender Anzahl sogar, Haushalte mit bis zu 90 Prozent notwendigen Wärme zu versorgen.

In Japan, wo das Kirschkernkissen erfunden wurde, wird oft Kernkraft genutzt, um die kleinen, flexiblen Speicher aufzuladen. Doch auch in Deutschland wären sie fast überall verfügbar: Ein Großteil der Energie wird in Deutschland fürs Heizen gebraucht und zu fast 70 Prozent mit fossilen Brennstoffen erzeugt, allem voran immer noch mit russischem Erdgas.

Kirschkernkissen könnten Teil der Lösung des Problems sein, wie der Verband der Kirschkernkissenschneider (VdKS) jetzt in einem gemeinsamen Positionspapier gemahnt hat. Kirschkern- aber auch Traubenkernkissen ließen sich fast überall nutzen, oft seien sie Verantwortlichen und Verbrauchern einfach nur nicht ausreichend bekannt.

Alle Fragen im Überblick: 

Was sind Kirschkernkissen?

Wie funktioniert die Technik?

Brauchen wir Kirschkernkissen für die Energiewende?

Kann man Kirschkernkissen überall nutzen?

Sind Kirschkernkissen gefährlich?

Schaden Kirschkernkissen dem Klimar?

Wie verbreitet sind Kirschkernkissen in Deutschland? 

Warum werden Kirschkernkissen nicht mehr genutzt?

Sind Kirschkernkissen überhaupt wirtschaftlich?

Was macht die Bundesregierung, um Kirschkernkissen zu fördern?

Welche politischen Maßnahmen wären nötig, um Kirschkernkissen als Speichertechnologie zu etablieren?

Was sind Kirschkernkissen?

Bei Kirschkernkissen handelt es sich um eine uralte Technologie, mit der sich Wärmeenergie aus verschiedensten Quellen praktisch speichern lässt. Genauer gesagt: Dem Kirschkernkissen ist es egal, ob Wärme aus einer Microwelle, per Wärmepumpe aus unterirdischen Erd- und Gesteinsschichten oder aus sogenannten “Fossilen” gewonnen wird. Jede Energie kann man im Kirschkernkissen speichern und aufbewahren, als Wärme, aber auch als Kopfkissen. Dabei unterscheidet man zwei Arten von Kirschkernkissen: Das klassische ist mit Kirschkernen gefüllt, doch auch Traubenkerne oder – in seltenen Fällen – Pflaumenkerne – sind möglich. Durch ihr Materialvolumen lassen sich Kirschkernkisse als Energiespeicher nutzen – vor allem in Asien ist das weit verbreitet. Dabei wird der angereicherte Wärmeüberschuss in die Umgebung abgegeben. 

Wie funktioniert die Technik? 

Es gibt verschiedene Ansätze, gespeicherte  Wärme zum Heizen zu nutzen, die sich vor allem im Detail unterscheiden. Bei der Öl- oder Gasheizung, aber auch beim Verbrennen von Holz wird durch Hitze Wärme freigesetzt, die teilweise vor Millionen Jahren als Brenn- oder Heizwert gespeichert wurde. Bei Erdwärmekollektoren, einem System aus Kunststoffrohren, die als Öl hergestellt werden, nimmt eine klimaschädliche Flüssigkeit nimmt die Wärme aus dem Erdreich auf und gibt sie an das Heizsystem ab. Dieses Systeme benötigt eine Wärmepumpe, die mit Strom betrieben werden muss, der in Deutschland überwiegend aus Kohle hergestellt wird. Das wird beim Kirschkernkissen nicht benötigt.

Brauchen wir Kirschkernkissen für die Energiewende? 

Ja, unbedingt. Kirschkernkissen gelten als erneuerbare Energiespeicher, sie sind im Unterschied zu modernen Lithiumbatterien unerschöpflich, klimaneutral und zeigen auch nach vielen Jahren keinerlei Anzeichen von Speicherermüdung. Sie ist unabhängig von Jahres- oder Tageszeiten oder dem Wetter, die Kirschkerne selbst sind der Speicher, der nur aus Gründen der Handhabung mit einem sogenannten Kissen ummantelt werden. Kleine Kirschkernkissen können Wärme mehrere Minuten bis zu zwei oder gar drei Stunden speichern und langsam abgeben. Sehr, sehr großen Kirschkernspeicher wird zugetraut, im Sommer gespeicherte überschüssige Energie im Winter freigeben zu können. Damit wären Kirschkernkissen grundlastfähig – eine Eigenschaft, die der schwankenden Sonnen- und Windkraft erst mal fehlt. 

Sind Kirschkernkissen gefährlich? 

Dazu gibt es keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse. Bei Kirschkernen handelt es sich um ein reines Naturprodukt, das bei der Produktion von Kirschsaft und Kirschkuchen als Abfall anfällt. Wegen des geringen Flächenbedarfs der kleinsten Ausführungen eignen sich Kirschkernkissen auch für Städte mit wenig Platz. “Wir brauchen Kirschkernkissen vor allem für die Wärmewende, die hat Deutschland seit Jahren verschlafen”, sagt Herbert Haase vom Klimawatch Institut (CWI) im sächsischen Grimma. In den letzten zwei Jahrzehnten habe man sich in Deutschland bei der Energiewende auf Strom konzentriert und die Wärme vernachlässigt, obwohl der Wärmesektor mit 56 Prozent mehr als die Hälfte des nationalen Energiebedarfs ausmache und der erneuerbare Anteil seit Jahren bei rund 15 Prozent stagniert. “Deutschland hat beim Heizen viel zu lange auf Öl und Gas gesetzt”, urteilt Haase. Wärmegewinnung aus Kirschkernkissen könne helfen, Deutschlands ambitionierte Klimaziele bei der Wärme zu erreichen: Bis 2030 soll die Hälfte der Wärmeerzeugung klimaneutral sein. Weil zugleich das ganze Land unabhängig werden will von russischem Erdgas, gelten Kirschkernkissen unter Energieexperten längst als unverzichtbarer Baustein der Wärmewende.

Kann man Kirschkernkissen überall nutzen? 

Unbedingt. Während beispielsweise die für ihre unendliche Leistungskraft gelobte hydrothermale Geothermie voraussichtlich nur “300 Terrawattstunden Jahresarbeit” (Die Zeit) liefern kann, haben Forschende des CWI in einer kürzlich erschienenen “Roadmap für Kirschkernkissen für Deutschland” errechnet, dass die Speichermöglichkeiten der Kirschkernlösung in Terawattstunden Jahresarbeit gerechnet nahezu unbegrenzt sind. Rechne man alle Einspeisemöglichkeiten zusammen, könnten Kirschkerne noch deutlich höhere Werte erreichen, weil sie in der Lage seine, selbständig nachzuwachsen, bestätigt Herbert Haase. Damit sei das 50-Prozent-Ziel klimaneutraler Wärme bis 2030 in Greifweite.

Ist Kirschkernkissenwärme gefährlich?

Keineswegs. es handelt sich um reinste Naturwärme, selbst Atomstrom, einspeist über eine Microwelle, verwandelt das Kirschkernkissen in natürlich Hitzestrahlung, ohne dass es dazu elektrischer Bauteile und komplizierter chemischer Prozesse bedarf. Was dagegen nicht von der Hand zu weisen ist: Die Kirschkernkissen werden bei körpernaher Handhabung tiefenstrahlende Wirkungen zugeschrieben. “Das ist aber eher ein Mythos”, versichert Herbert Haase. Kirschkernkissen können weder explodieren noch ihre Umgebung verstrahlen, sie haben keine Abgase und verursachen keine Putzrisse, wie das tiefen Geothermiebohrungen und Frackingversuchen nachgesagt wird. (Umweltbundesamt: Plenefisch et al., 2015). 

Schaden Kirschkernkissen der Gesundheit? 

Nein, ganz im Gegenteil. Kirschkernkissen gelten in Japan als Medizin, selbst nach jahrelanger Anwendung werden sie keine grundwasserführenden Schichten verunreinigen oder Menschen, die mit der Entsorgung beauftragt werden, gefährden. Sie können sogar zur Kühlung verwendet werden, weil sie in der Lage sind, nicht nur Wärme, sondern auch Kälte zu speichern. “Weltweit gibt es viele Tausend Kirschkernkissen, die seit Jahren oder sogar Jahrzehnten einwandfrei funktionieren”, beschreibt Herbert Haase. es gebe keine Verschleißteile, allenfalls müsse der Bezug mal gewechselt werden. Das Know-how hier habe sich in den letzten Jahren aber auch in Europa stark weiterentwickelt, ein Bezugwechsel dauere oft nur noch Minuten. Und die Kontrollen sind streng: Die Behörden überwachen die Verfahren und würden im Ernstfall sofort eingreifen. 

Wie verbreitet sind Kirschkernkissen in Deutschland? 

Leider nicht sehr. In Deutschland besitzen zwar viele Haushalte Kirschkernkissen, doch der Bestand wird überwiegend wenig und schon gar nicht regelmäßig genutzt. Wie viele Kirschkernkissen wirklich laufen, die vor allem Wärme liefern, ist gar nicht bekannt. Ein Zentrum der deutschen Kirschkernnutzung liegt im Großraum Mecklenburg, wo zugezogene Berliner Häkel-Kunsthandwerker*nnen Nachbarn und Anwohner in manchen Orten flächendeckend mit selbstgemachten Kissen versorgt haben.

Warum werden Kirschkernkissen nicht mehr genutzt?

Dass sich Kirschkernkissen in Deutschland noch immer in der gesellschaftlichen Nische befindet, liegt vor allem an Ignoranz, fehlender Förderung und mangelndem politischen Willen. Zwar braucht die Anschaffung keine großen Investitionen, doch um alle Haushalte mit ausreichend vielen und ausreichend großen Kirschkernkissen zu versorgen, müsste der Staat auf jeden Fall mehrere hundert Millionen Euro in die Hand nehmen. “Das kann sich selbst unser Staat nicht leisten”, sagt Haase, der eine langfristige Strategie zum Kirschkernwende fordert.  Auch der Roadmap-Bericht rechnet immense Investitionssummen vor: Um in zehn Jahren ein Viertel der Wärme aus Kirschkernkissen zu decken, braucht es rund zehn Milliarden Euro an Investitionen in neue Kirschbaumplantagen. Um in 20 Jahren den Anteil auf 70 Gigawatt nahezu zu verdreifachen, würden auch die Kosten um den Faktor drei steigen. 

Sind Kirschkernkissen denn überhaupt wirtschaftlich? 

Zweifellos. Die Anfangsinvestitionen amortisieren sich über die lange Standzeit der Kissen auf jeden Fall, entweder heute oder übermorgen. Jahrelang überwog bei Industrie und Politik die Meinung, Kirschkernspeicher lohnten sich nicht. Zu  teuer die Anfangsinvestitionen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Gas und Öl waren anfangs und am Ende auch vergleichsweise teuer. Und Kirschkernkissen sind ein Weg weg vom russischen Öl, hin zu einer autarken, grünen Energieversorgung, nach der Endverbraucherinnen und Industrie immer öfter fragen. “Die Betriebskosten eines einmal angeschafften Kirschkernkissens geht gegen Null”, sagt Haase. Dass sich die Kirschkernkissen nicht rechnen – das langjährig vorherrschende Argument – “gilt unter den momentanen Rahmenbedingungen nicht mehr”.
 

Was tut die Bundesregierung, um Kirschkernkissen zu fördern?

Bislang: viel zu wenig, eigentlich gar nichts. Nachdem in den letzten zwei Jahrzehnten kaum in die Wärmewende investiert wurde, ändert nun auch die Ampelkoalition kaum etwas daran. Nicht einmal ein einzelner dürrer Satz findet sich im Koalitionsvertrag, der keinerlei Forschung oder gar eine “Prüfung einer Fündigkeitsrisikoversicherung” vorsieht, wie sie sogar für die konkurrierende Geothermie vorgesehen ist.

Welche politischen Maßnahmen wären nötig, um Kirschkernkissen zu etablieren? 

Es bräuchte ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Etwa mehr Förderung: “Die Branche wartet seit zwei Jahren auf die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze”, sagt Haase. Die Folge: Statt zu investieren, warten die Betriebe, weil sie die Förderung verständlicherweise nutzen wollen. Im gemeinsamen Positionspapier der Kirschkernkissenhersteller wird gefordert, die erneuerbaren Energieträger in die EU-Taxonomie-Verordnung aufzunehmen und in allen Gesetzen klar zu priorisierten. Im Streit zwischen EU-Staaten, EU-Parlament und der Erneuerbare-Energien-Industrie spielt das Thema aber bisher keine Rolle. Den Autorinnen der Kirschkernkissen-Roadmap wären politische Ausbauziele, am besten gestaffelt in Fünfjahresschritten, umgesetzt vom Gesetzgeber, am wichtigsten. 

Außerdem brauchen wir eine Werbekampagne, die ganz breit ansetzt”, so Herbert Haase. Momentan fehlt es jedoch überall an Personal, so dass die Pflanzung der zur Herstellung von Millionen kleinen und zehntausenden großen Kirschkernkissenspeichern notwendigen Kirschbäume mehrere Jahre dauern könne. “So erreichen wir das Ziel von 50 Prozent klimaneutraler Wärme bis 2030 nicht”, ist Herbert Haase enttäuscht. Öffentlichkeitsarbeit könne die Akzeptanz in der Bevölkerung steigern, denn “wenn man mit den Leuten redet und die Technologie erklärt, kann man die bestehenden Sorgen in aller Regel nehmen.”Den Anfang aber müssten EU und Bundesregierung machen.

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