Zum Krenreiben? Über das neue Werk von Jürgen Habermas

Autor: E.K.-L. Bild: Wikipedia/Európa Pont Lizenz: CC BY 2.0


Mit 93 Lenzen setzt sich der Philosoph einem Verriss in den Medien aus

Jo mei, der gute alter Habermas (93), legendärer Apostel einer Dekonstruktion unserer traditionellen Gesellschaft. Aber auch Habermas hat sein Pinkerl zu tragen: In seinem langen Erdendasein muss er so manch bittere Enttäuschung hinnehmen. Da wird ihm vor Jahrzehnten angedichtet, er sei HJ-Führer gewesen. Viel wahrscheinlicher ist die Version, Habermas sei dort zur Enttäuschung seines stramm nationalsozialistischen Vaters gar nicht aufgenommen worden; wegen seiner Hasenscharte.

Später dann enttäuscht ihn sein linkes Umfeld. 1959 muss er das Frankfurter Institut für Sozialforschung nach einem Konflikt mit dem ursprünglich als Betreuer seiner Habilitation vorgesehenen Max Horkheimer verlassen. Horkheimer bezeichnet Habermas als Marxisten, der den Geschäften der Herren im Osten Vorschub leiste, nachdem Habermas einen Forschungsbericht zu Marx und dem Marxismus verfasst. Als Direktor des Instituts bat Horkheimer daraufhin Theodor W. Adorno, seinen Assistenten Habermas zu entlassen. Adorno leistet der „Bitte“ seines Chefs natürlich Folge. Schließlich ist – so einmal Feldmarschall Paul von Hindenburg in launiger Stimmung – die Bitte bloß die höfliche Form eines Befehls.

Seine Habilitation erfolgt schließlich 1961 an der Universität Marburg bei Professor Wolfgang Abendroth, dem Begründer der tiefroten Marburger Schule. Ein geeichter Marxist, der sich im Dunstkreis der Kleinpartei DKP (Deutsche Kommunistische Partei) bewegt. Nota bene: Die DKP gilt als die westdeutsche Filiale der SED.

Habermas‘ Habil trägt den Titel Strukturwandel der Öffentlichkeit – Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft und erfreut sich vor über sechzig Jahren eines lebhaften Zuspruchs in linken Zirkeln. Nun legt der greise Philosoph als neuestes Werk ein dünnes Bändchen (drei Texte auf knapp100 Seiten; Suhrkamp Verlag, Berlin 2022; € 18.-) vor, das den Namen Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik trägt. Deliberativ? Der Begriff ist vermutlich bloß einem kleinen Kreis Eingeweihter bekannt und bedeutet so viel wie überlegen, erwägen. Wikipedia belehrt uns in gewohnt gestelzter Weise:

„Der Deliberativ … ist eine semantische Funktion des Modus Konjunktiv der Verben z. B. im Lateinischen (conjunctivus deliberativus), die eine überlegende Rückfrage als Reaktion auf eine Aufforderung ausdrückt.“

Zurück zur Alltagssprache. Womit beschäftigt sich Jürgen Habermas in seinem Büchlein? Er kritisiert das Internet, das die Öffentlichkeit fragmentiere. Was immer das heißen mag. Kann sein, dass da auch persönliche Vorbehalte eine Rolle spielen: Als Jahrgang 1929 gehört Habermas zu einer Alterskohorte, die kaum als Internet-affin anzusprechen ist. Zudem will man ein bisserl Zensor spielen: Angesichts der von Facebook und Twitter ungeregelten Hassreden in der Plattformökonomie sehnt Habermas sich nach der von Redaktionen und Medien gefilterten Öffentlichkeit zurück. Da ist sie wieder: Die alte Idee von der Volksaufklärung und dass man halt dem einfachen Menschen die ungefilterte Wahrheit nie und nimmer zumuten könne. Da gehört schon ein Filter in Gestalt der political correctness her.

Der Philosoph fordert weiters und ziemlich vehement eine staatliche Subvention von Zeitungen und eventuell sogar, da wir eine europäische Demokratie haben, ihrer Übersetzung in fremde Sprachen. Denn nur so könnte es zu einer entsprechend europäischen Öffentlichkeit kommen. Ob sich das umsetzen lässt, darf bezweifelt werden, weil die Regierungen das Geld für Dringenderes benötigen. Selbst Stefan Reinecke von der Habermas in der Regel überaus gewogenen Berliner „taz“ – von der Ausrichtung her zwischen Grünen und der Linkspartei zu verorten – erteilt da einen abschlägigen Bescheid: Die Rückkehr zur Welt der Zeitungen und TV-Redaktionen ist Illusion. Und Reinecke scheut vor einem harten Urteil keineswegs zurück, versetzt dem alten Mann einen Stich ins Herz: Man kann dieses kleine 100-Seiten-Büchlein mühelos überflüssig finden.

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