Den Wohlstand spielerisch in die Tonne treten

Um Krisen besser zu verstehen, empfiehlt sich ein Blick ins Geschichtsbuch. Nicht nur und noch nicht einmal in erster Linie, um ihre Vorläufer zu erkennen. Die meisten Erschütterungen deuten sich schon lange vorher an.

Aber der interessantere Punkt liegt in der Frage, wer in die Krise gerät, und wer welche Mittel besitzt, um damit umzugehen. Nicht nur in Kunst, auch in gesellschaftlichen Fragen gilt Goethes Satz: „Bedenke das Was, aber mehr noch bedenke das Wie.“ In diesem Spätsommer und dem kommenden Herbst treffen nach und nach die neuen Abschlagsrechnungen für Gas und Strom bei den Kunden ein, die meist mindestens eine Verdopplung, oft aber eher eine Verdreifachung im Vergleich zu den schon vorher nicht günstigen Preisen bedeuten.

Die offizielle Inflationsrate steigt demnächst auf 10 Prozent. Und ganz allmählich setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass es nicht viel bedeutet, wenn Politiker den Erfolg bei der Einspeicherung von Gas loben und darauf hinweisen, der Füllstand betrage schon 80 Prozent. Denn auch ein Füllstand von einhundert Prozent entspricht gerade einem Viertel des deutschen Gasbedarfs. Bisher lebte das Land im Winter immer gleichzeitig von der Speicherreserve und dem russischen Gas aus der Pipeline, der einzigen Stütze der atomkraftfrei geplanten Energiewende. Ohne ständige Zufuhr durch die Röhren reicht das eingespeicherte Gas je nach Härte des Winters für zweieinhalb bis drei Monate, also im günstigsten Fall von November bis Ende Februar.

Da die Regierungskoalition jedenfalls nach jetzigem Stand das einzige tatsächlich entlastende Entlastungspaket nicht beschließt, nämlich den Weiterbetrieb der drei letzten Kernkraftwerke, die Betriebsaufnahme der drei im Jahr 2021 stillgelegten, aber noch intakten Meiler und die Förderung von einheimischem Gas, bleibt die Lage prekär. Und zwar über den kommenden Winter hinaus. Es geht also nicht nur um Wärme, Strom, die Kosten dafür und die Frage, wie viele Wohnungen vorübergehend kalt bleiben.

Mittlerweile gibt es eine ziemlich lange Liste von Unternehmen, die ihre Produktion entweder drosseln, um abzuwarten, oder die Tätigkeit ganz einstellen. Zu denen, die sie vorerst auf Null senken, gehören die deutschen Niederlassungen des indischen Stahlherstellers Arcelor Mittal in Hamburg und Bremen. Zu denen, die ihre Produktion ganz beenden, zählen der Windturbinenhersteller Nordex mit seinem Werk in Rostock (Verlagerung nach Indien), der französische Stahlkonzern Vallourec mit seinen Standorten Düsseldorf und Mühlheim, das Fliesenwerk von Villeroy & Boch im saarländischen Merzig (Verlagerung in die Türkei), Ford in Saarlouis (Fortsetzung der Produktion in Valencia) und der Automobilzulieferer Mahle im baden-württembergischen Gaildorf. Das Unternehmen Hakle in Düsseldorf geht wegen der Energie- und Rohstoffkosten in eine Planinsolvenz; wie viele Arbeitsplätze übrigbleiben, muss sich in den nächsten Monaten zeigen.

Bei der geplanten Schließung und Verlagerung von gleich drei Werken des Automobilzulieferers Kostal im Sauerland handelt es sich um einen besonderen Fall. Das Unternehmen gibt seine Standorte nicht nur wegen der hohen Energiekosten auf, sondern auch, weil mittlerweile alle Autobahnbrücken im Sauerland als marode gelten. Seit der plötzlichen Sperrung (und späteren Sprengung) der Salzbachtalbrücke in Wiesbaden, von der vorher Betonteile abgestürzt waren, wissen Unternehmer in ungünstigen Lagen, dass sie von heute auf morgen von Zulieferern und Kunden abgeschnitten werden können.

Auf der Liste stehen auch kleine und wenig bekannte Firmen wie die Bäckerei Plaz im baden-württembergischen Eutingen, deren Gasrechnung – siehe oben – ihr Inhaber Tobias Plaz auf Facebook öffentlich machte. Seine Gas-Abschlagszahlung für Wohn- und Betriebsgebäude steigen ab Oktober von bisher 721 auf 2588 Euro monatlich, der Preis pro Kilowattstunde von 9,73 auf 34,96 Cent. Ohne eine Preiserhöhung für seine Backwaren, kündigt der Bäckermeister an, werde er seinen Betrieb nicht halten können. Gleichzeitig überlegt er, ob seine Kunden tatsächlich einen Euro für eine Brezel zahlen würden. Andere Kollegen wissen schon, wo ihre Schmerzgrenze und die der Käufer verläuft, beispielsweise die Bäckerei Speckmann im niedersächsischen Wehrbleck. Der Familienbetrieb mit 17 Angestellten schloss im September für immer, als die Rechnung mit den neuen Gaspreisen kam.
Natürlich betrifft die Misere das ganze Land. Allerdings nicht gleichmäßig. Die Krise, die sich jetzt anbahnt, ist aus verschiedenen Gründen vor allem die Krise der Westdeutschen.

Erstens trifft sie vor allem die industriellen Zentren, also die relativen Wohlstandszonen, in denen Facharbeiter trotz hoher Steuern und Abgaben bisher noch auskömmliche Nettolöhne verdienten, vor allem bei Automobilherstellern und -zulieferern, in der Chemie- und der Metallindustrie. Zu den Betrieben, die schließen, gehört auch das oben genannte Nordex-Werk in Rostock; bei Arcelor im brandenburgischen Eisenhüttenstadt müssen die Beschäftigten kurzarbeiten. Mahle schließt nicht nur sein Werk in Gaildorf im Westen, sondern auch im sächsischen Freiberg. Aber dort verlieren nur 80 Beschäftigte den Arbeitsplatz, am Standort in Baden-Württemberg gut 300. Das Beispiel zeigt die Proportionen ganz gut: Der Osten verfügt vergleichsweise über weniger und vor allem deutlich kleinere industrielle Kerne. Es gibt einfach weniger zu zerstören.

Das gilt für größere Betriebe wie für kleinere. In der Lausitz im Osten Brandenburgs und Sachsens müsste sich ein Bäckermeister gar nicht erst Gedanken darüber machen, ob seine Kunden notfalls auch einen Euro für eine Brezel zahlen. Hier in der Nähe zu Polen wuchs schon in den vergangenen 30 Jahren nur ein hauchdünnes Netz an kleinen Gewerbebetrieben. Und das, was entstand, passte sich an die Kaufkraft von Landkreisen an, in denen mitunter mehr als die Hälfte der Beschäftigten statistisch zu den Geringverdienern zählt. Die soziale Fallhöhe ist schlicht geringer. Wer beispielsweise durch Forst in der Lausitz spaziert, unmittelbar an der Grenze zu Polen, der sieht eine ganze Reihe von leerstehenden Häusern, auch ehemalige Textilfabrikantenvillen (die Textilkleinindustrie verschwand hier schon nach dem Zweiten Weltkrieg), Läden mit Dauertiefstpreisen und Restaurants, in denen ein Hauptgericht um die acht Euro kostet.

Natürlich trifft es die Gegend noch einmal hart, wenn bis 2030 – so immer noch der Plan – auch die Braunkohleindustrie verschwindet, der letzte dünne Industriezweig der Region. Die Lausitzer erleben das als unterste Stufe eines langen Niedergangs. Sie nehmen es als erfahrene Fatalisten hin. Viele nach 1990 Geborene, die aus der Gegend stammen, wohnen längst woanders.

Für Wohlstandsverluste wie für Privatkrisen gilt bekanntlich: The first cut is the deepest. Woraus umgekehrt folgt, dass sich der letzte noch am ehesten ertragen lässt.

 

Zwischendurch und zum besseren Verständnis: Nichts von dem, was hier steht, ist zynisch gemeint. Weder gegenüber denen in Baden-Württemberg, die jetzt gerade den ersten Schnitt erleben, noch gegen diejenigen, die in der Lausitz nicht mehr viel Wohlstand riskieren. Die Wahrnehmung könnte auch kaum zynisch sein bei einem Autor, der aus Sachsen stammt und in Bayern lebt. Es handelt sich um eine Bestandsaufnahme.

Und zu der gehört zweitens, dass die Infrastruktur, die gleichzeitig mit der Industriebasis im Sauerland und anderswo bröckelt, vor allem im Westen zerfällt. Viele Brücken und Straßen in Ostdeutschland entstanden in den vergangenen drei Jahrzehnten oder erlebten zumindest eine Generalüberholung. Auch hier besitzt der Osten einen Vorteil in der Krise.

Der dritte Grund, warum diese Krise vor allem die Westdeutschen trifft, liegt, wie schon angedeutet, im Mentalen. Es macht einen Unterschied, ob die Leute einer Region zwar kleinere und größere Konjunkturkrisen zwischendurch kennen, aber seit mehreren Generationen nur einen Aufstieg und eine Wohlstandszunahme, die sich an den Eigenheimsiedlungen der Sechziger bis frühen Neunziger rund um die großen Industriekerne ablesen lässt. Der Unterschied liegt also darin, ob sich überhaupt viel ansammeln konnte. Oder ob deutlich weniger Wohlhabende schon längst Erfahrung darin besitzen, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. Im Grenzgebiet zu Polen und Tschechien etwa durch Einkauf auf der anderen Seite. Auch durch Nachbarschaftshilfe, also Schattenökonomie, die dem Finanzamt entgeht. Im Osten gibt es auch Wohlstandszonen, in der Leipziger Südvorstadt, an den Dresdner Elbhängen, dort, wo die Grünen zweistellige Ergebnisse holen. Aber die Gebiete der Wohlhabenden fallen schmaler aus. Außerhalb und selbst hier und da in den besseren Gegenden neigen die Leute stärker zu Realismus und weniger als viele Westdeutsche zu Esoterik. Und bei der Vorstellung, ein Land könnte sich mit Energie aus Sonne und Wind versorgen und gleichzeitig noch Industrieland bleiben, handelt es sich um Esoterik reinsten Wunderwassers.

Deutschlandweit verdienen etwa 2,5 Millionen Menschen bei Vollzeit weniger als 2000 Euro im Monat. In Westdeutschland trifft das für 10 Prozent der Beschäftigten zu, in Ostdeutschland insgesamt für 18 Prozent. In manchen Kreisen der Zone vor Tschechien und Polen fallen 20 Prozent und mehr in die Kategorie der Leute, die trotz Arbeit kaum ihre Kosten decken.
Zur besseren Krisengewöhnung, der geringeren sozialen Fallhöhe und einer Improvisationsfähigkeit, die bei manchen Älteren noch aus DDR-Zeiten stammt, kommt noch etwas anderes. Zwar kein Krisenvorteil, aber eine Erleichterung. Gut drei Jahrzehnte mussten sich die Ostdeutschen zumindest nach jeder Wahl pauschal und kollektiv aus den großen Redaktionen und anderen Institutionen des Landes anhören, sie hätten sich offenbar noch nicht ganz für die Demokratie qualifiziert.

Eine große Frage in Krisen läuft immer auf die Suche nach den Verantwortlichen hinaus. Das bedeutet nicht zwingend: nach den Schuldigen. Sondern erst einmal nach denen, die den Krisenverlauf mildern könnten. Und bei der Gelegenheit fällt auf, wo ein Obrigkeitsdenken und die dazu passenden Oberen sitzen, die jetzt in der Krise Bürgern vorwerfen, dass sie den Wohlstandsverlust nicht hinnehmen und als Chance zur Transformation in eine ärmere, aber bessere Welt erkennen, sondern sich an ihren Status klammern.

Da gibt es einen Zeit-Redakteur, der unter Berufung auf die übrigens verfassungswidrigen Corona-Ausgangssperren überlegt, ob denn die Unverletzlichkeit der Wohnung tatsächlich so hochgehangen werden muss, wenn es darum geht, jetzt Energie zu sparen.

Natürlich geht es dabei nicht nur um die Reichen. So viele private Poolbesitzer gibt es auch im Westen nicht (weshalb Privatpools beim Gasverbrauch eine kaum messbare Rolle spielen).
Ein Ökonomieprofessor der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin erweitert den Gedanken noch etwas.

Wenn der Temperaturkontrolleur grundsätzlich durch die Tür darf, dann liegt es nahe, nicht nur die wenigen Pools, sondern gleich die vielen Heizungen der Bürger zu kontrollieren.

Der Chef der Bundesnetzagentur mahnt die Bürger, sie hätten im September wieder mehr Gas verbraucht, und gibt ein Einsparungsziel von 20 Prozent vor, das vielleicht sogar erreicht wird, wenn noch mehr Bäckereien und andere Betriebe schließen.

Die beiden grünen Bundestagsabgeordneter Katharina Dröge und Sven-Christian Kindler gehen das Problem des Wohlstands grundsätzlich an. “Großer Reichtum fördert einen verschwenderischen Luxuskonsum, der einen ebenfalls nicht nachhaltigen Statuskonsum der Mittelschichten nach sich zieht”, stellen die beiden jeweils mit monatlich 10 323,89 Euro plus 4 583,39 Euro besoldeten Volksvertreter in einem Positionspapier fest: “Vermehrte lange Flugreisen, große, schnelle Autos und exotische Lebensmittel zu jeder Jahreszeit sind nur einige Beispiele für ein unökologisches Konsummuster der Eliten, das in Deutschland, aber auch in aufstrebenden Schwellenländern immer öfter kopiert wird.”

Ein Land, aus dem nicht jeder einfach so wegfliegen konnte, in dem die Autos nicht besonders schnell fuhren und Südfrüchte nur ab und zu in den Geschäften lagen, gab es auf deutschem Boden schon. Diese Art der Gesellschaftsorganisation war am Ende kein Publikumserfolg, was die beiden Bürgererzieher nicht davon abhält, noch einmal einen ähnlichen Versuch zu starten.
Auch die Argumentation gegen feindlich-negative Widerworte steht schon bereit.
Ein Soziologe von einem Institut, das zu der Amadeu-Antonio-Stiftung gehört, der von einer früheren Stasi-Zuträgerin gegründeten Staatsvorfeldorganisation (was aber der Deutschlandfunkhörer alles nicht zu wissen braucht) erklärt in dem öffentlich-rechtlichen Sender, warum die Regierung gut daran tut, Proteste gegen den Wohlstandsverlust schon vorab als rechts und illegitim zu erklären.

Von der Regierung bezahlter Soziologe hält Regierungskritik am Bürger für begründet – so lautet die Krisenberichterstattung in einem progressiven Gebührensender. Egal, ob Zutrittsforderungen für Temperaturkontrolleure oder die Stigmatisierung kommender Proteste, die Botschaft lautet jedes Mal: In der Krise stellt nicht etwa die illusionsgeleitete Politik und der daraus folgende Schlamassel das Problem dar, sondern der Bürger. Er tut zu wenig. Er murrt zu viel. Er hält an seinem Überkonsum fest. Er zweifelt an der Regierung, die ihn doch schon mit seinem Steuergeld entlastet, wo sie nur kann. Regierung, Medienvertreter und Stichwortgeber aus Institutionen haken sich in diesen Krisenzeiten so autoritär unter, dass es dem einen oder anderen älteren Ostdeutschen urvertraut vorkommt. Ganz nebenbei, der Aufstieg der Amadeu-Antonio-Stiftung illustriert augenfällig, dass die aktuellen politisch-medialen Eliten nicht etwa die Skepsis vieler Ostdeutscher gegen Erlösungsutopien als wertvolles Erbe der DDR ansehen. Sondern die Methoden, um diese Skepsis niederzukämpfen.

Von Leuten, die von Temperaturkontrolleuren in Wohnungen, Reisegenehmigungen, Gasspar-Plankennzahlen und Südfrüchtezuteilung träumen, muss sich in Zukunft kein Ostdeutscher auch nur ein Jota Demokratiebelehrung anhören.

Und diese Konstellation führt zum vierten Vorteil der älteren Bewohner neuer Krisenländer. Die Argumentation vieler Verzichtsprediger, die diese Krise als Chance loben – als Chance zumindest, ein Buß- und Mahnbuch zu verkaufen – prallt an den allermeisten DDR-erfahrenen Ostdeutschen wirkungslos ab. „Wir können mit Begrenzungen, wenn sie kommen, sehr kreativ umgehen“, erklärt beispielsweise die Transformationsforscherin und Sachbuch-Mitautorin Göpel im „Bayerischen Rundfunk“ dem berühmten Wir: „Oder wir können sauer darüber werden, dass mir irgendwer mein Spielzeug wegnimmt. Aus meiner Sicht wäre es super, wenn wir zu einem spielerischen, innovativen Umgang kämen, anstatt uns alle so aufzuführen, als wären wir 12 Jahre alt.“

Wie sie sich den spielerischen, innovativen Umgang mit Wohlstandsverlust vorstellt, skizziert Göpel in einem Interview, das in der der Septemberausgabe des Branchenmagazin „Journalist“ nachzulesen ist. Begriffe wie „Wohlstand“, „Konsum“ und „Wachstum“, lehrt sie dort, müssten „entglorifiziert“ werden, um die Gesellschaft „aus der Panikzone des Verlustdenkens“ herauszuführen. Mit ihrem letzten Buch „Unsere Welt neu denken“ von 2020 verdiente Göpel dank intensiver Bewerbung in öffentlich-rechtlichen und anderen Medien nach groben Schätzungen 270 000 Euro, die sie allerdings mit einem damals nichtgenannten Ghostwriter teilen musste. Das Zweitbuch mit ihrem Namen, diesmal mit erwähntem Co-Autor, erscheint dieser Tage. Praktisch nie findet sich irgendwo ein westdeutscher Verzichts- und Kargheitsprediger oder -predigerin mit einem Monatseinkommen unterhalb von 10 000 Euro.
In dem „Journalist“-Interview fordert Göpel übrigens auch einen „konstruktiven Journalismus“, der in Wirklichkeit in vielen Redaktionen längst existiert, angesichts der Krise aber offenbar noch viel, viel konstruktiver ausfallen muss.

Einschlägige Appelle, spielerisch den eigenen Wohlstand in die Tonne zu treten zielen psychologisch auf einen bestimmten Punkt, nämlich die Glücksscham. Das Gefühl, das sehr relative Glück eines normalen mitteleuropäischen Wohlstandes eigentlich gar nicht zu verdienen, ist in Westdeutschland tatsächlich verbreitet. Dazu hat der Pietismus seinen Teil beigetragen, aber auch die durchaus zutreffende Wahrnehmung, nach 1945 im Vergleich zu den Ostdeutschen sehr glimpflich davongekommen zu sein. Diese Glücksscham existiert im Osten allerdings höchstens in Spurenelementen, genauso wie der von Hermann Lübbe so bezeichnete Sündenstolz.

Abgesehen davon, dass der Pietismus im Osten nie heimisch war: Von unerwartetem und unwahrscheinlichem Glück war und ist die Gegend östlich der Elbe seit mehreren Generationen nicht gezeichnet. Dafür gibt es eine um so höher entwickelte Empfindlichkeit, wenn führende Mandarine erklären, der gesellschaftliche Fortschritt hänge davon ab, dass die Bürger das dafür passende Bewusstsein entwickeln, in diesem Fall dafür, die Panikzone des Verlustdenkens endlich zu verlassen. Viele politisch in Ostdeutschland Sozialisierte kennen noch den luziden Satz von Heiner Müller: „Früher bestimmte das Sein das Bewusstsein. Im Sozialismus ist es umgekehrt.“

Auch den konstruktiven Journalismus, der gerade in schlechten Zeiten Kritik am Bürger übt und Gold zu Narrativstroh spinnt, kennen diese Leute aus Erfahrungen. Sie meiden ihn. Zumindest folgen sie seinen Anweisungen nicht.
In dieser Krise verfügen nicht alle, aber viele DDR-Erfahrene über einen Vorsprung durch Abwehrtechnik.
Skepsis gehört in Krisenzeiten zu den wertvollsten Ressourcen.

 

 

 

 


Dieser Text erscheint auch auf Tichys Einblick.


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