Das Abitur ist zu einfach: Schulnoten bringen nichts

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Schwierigkeiten im Mathe-Abi

Kürzlich war zu lesen, dass sich Schüler verschiedener Bundesländer über vorgeblich zu anspruchsvolle Klausuren im Abiturfach Mathematik beschwert hatten. Der Textteil sei so lang gewesen, dass keine Zeit blieb. Insgesamt sei alles zu anspruchsvoll gestaltet gewesen. Als ich sah, aus welchen Bundesländern und Stadtstaaten die Beschwerdeführer kamen, wunderte ich mich nicht wirklich, mit einer Ausnahme.

Natürlich passte den Schülern aus Bremen, Nordrhein-Westfalen und Berlin das Niveau nicht, was zu erwarten war. Bayerische Schüler kamen – überraschend – auch nicht gut zurecht. Schaut man sich die PISA Ergebnisse an, sind es mit Ausnahme von Bayern eben die Bundesländer, die stets die Schlusslichter bilden. Blickt man sich die Studie unter Berücksichtigung der Mathekompetenz an, stehen die ostdeutschen Bundesländer stets gut da. Von dort kamen weniger Beschwerden.

Nun versuchen die Schüler sich per Petition die guten Noten ohne erbrachte Leistung aufgrund von medialem Druck zu erpressen. Das ist abzulehnen. Das Prinzip Leistung muss gelten. Wer nicht gut genug ist, muss sich mit einer 4- abfinden.

Eigene Erfahrung

Vor 22 Jahren legte ich mein Abitur ab. Als Leistungsfächer wählte ich Deutsch und Englisch, Mathematik war mein drittes schriftliches Fach, Philosophie mein mündliches. Insgesamt waren schon damals die Klausuren viel zu einfach. Für Mathematik hatte ich fünf Stunden Zeit, viel zu viel. Anderthalb Jahre später, während meines Wirtschaftsstudiums, das war 1998, mussten wir Propädeutika Scheine machen in Mathematik, das nachholen, was wir während des Abiturs nicht gelernt hatten. Dort hatte ich für einen sehr viel anspruchsvolleren Stoff nur ein Drittel der Zeit im Vergleich zu den Abiturklausuren. Als ich 2007, zehn Jahre nach meiner Matura, die Klausur ausgehändigt bekam, musste ich nur müde lächeln.

Seither sind die Anforderungen an den Gymnasien noch erheblich gesenkt worden. Leider auch an den Universitäten. In einem Gespräch mit Norbert Bolz beklagte er die Verschulung der Universitäten, die zu reinen Lehranstalten verkommen sind. Allein „hartgeklopfte Fächer“ wie Wirtschaft, Naturwissenschaft und Mathematik könne man nicht ideologisch verwässern und den Anspruch beliebig absenken. Nur, was passiert, wenn Schüler zur Universität kommen, deren mathematische Ausbildung noch weiter vereinfacht worden sind?

2016 sprach ich mit dem Statistiker Walter Krämer, der an der Uni Dortmund von den Verheerungen der mathematischen Ausbildung sprach. So prüfte er Kandidaten, die mehrfach durch die Statistikprüfung gefallen waren. Ohne Taschenrechner konnten einige von ihnen noch nicht einmal 4×4 sturzfrei hinbekommen, was dem Niveau der ersten Klasse entspricht.

Die Konkurrenz schläft nicht

Eine Bekannte von mir studiert Han, lernt also Chinesisch. Dort wird ihre Dozentin nicht müde, zu betonen, wie leistungswillig chinesische Schüler heute sind. Seit 1979 entschied man sich, China zur Wirtschaftsmacht und zum prosperierenden Land systematisch voranzubringen. Der Plan geht nach 40 Jahren vollends auf. Auf Schülerstreiks kommt dort niemand. Statt freitags zu schwänzen, so dass man im Abitur versagt, wird dort auch samstags gelernt. Von nichts kommt nichts.

Zum Glück leben wir insofern in einer gerechten Welt, als dass den jetzt 18jährigen Chinesen eine blendende Zukunft offen steht, ihr Leistungswille wird umgemünzt in Zukunftschancen. Die PISA Studie führen ja asiatische Länder an, ebenso Kanada, Finnland und Estland. Diese Länder werden eine Zukunft haben, weil ihre Schüler auch eben nicht zu faul sind, Antriebstechnologien zu entwickeln, die den Klimawandel abmildern. Nur gerecht, wenn sie sich damit eine goldene Nase verdienen.

Es besteht ein Markt für anspruchsvolle Schulen

Kürzlich berichtete die ortsansässige Presse in Arnsberg, wie die stellvertretende Direktorin eines altehrwürdigen Gymnasiums, das seit 375 Jahren besteht, sich dafür in einem Interview kritischen Fragen gefallen lassen musste, warum an dieser Schule die Anmeldezahlen signifikant zurückgegangen waren. Was war passiert? Die Schule bekam erhebliche finanzielle Zuweisungen und beste Ausstattung dafür, dass man sich bereit erklärt hatte, auch Schüler aufzunehmen, die nicht auf ein Gymnasium gehören. Bei Eltern und einigen Lehrern geht die Befürchtung um, dass die Schule langfristig möglicherweise in eine Gesamtschule gewandelt werden könnte.

So schrieb ich einen Leserbrief an die örtliche Presse, wonach nicht Ausstattung, sondern das Anspruchsniveau für Eltern ausschlaggebend sind. Laue Schulen haben rückgängige Schülerzahlen. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass mein Leserbrief im Kollegium auf Zustimmung stieß und im dortigen Lehrerzimmer umkreist mit Ausrufezeichen ans schwarze Brett gehängt wurde. Meine These, wonach großzügige Ausstattung in Nordrhein-Westfalen gezielt bis 2017, da Rot-Grün abgewählt wurde, an Schulen vergeben wurde, die das dreigliedrige System von Haupt- und Realschule sowie Gymnasium auflösen wollten, bestätigt sich auch an einer weiteren ortsansässigen Schule.

Dort wurde die ehemalige Hauptschule in eine sogenannte Sekundarschule gewandelt, aufs Großzügigste ausgestattet, während man die danebenliegende Realschule über Jahre vernachlässigt hatte, bis sie dann geschlossen wurde. Was geschah in der Folge? Die Anmeldezahlen der Sekundarschule sind enttäuschend, obwohl sämtliche Gebäude entweder komplett neu gebaut oder kernsaniert glänzen. Die nächste existierende Realschule kann sich vor Anmeldungen nicht retten.

Kurzum: Schulabschlüsse sind insgesamt zu einfach geworden. Noten verlieren an Wert. Die Inflation der Einsen bringt nichts, wenn die Schüler sehr viel weniger an Kenntnissen und Fähigkeiten haben als ihre ehrgeizigen Kollegen in China, Japan und Singapur. Der Abstieg ist dann nur allzu gerecht und selbstverschuldet. Wer zu viel schwänzt, hat eben dann keine Zukunft.

von Hans-Martin Esser

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