Blick in die Geschichte: Ein Hauch von 1922

Inflation 1922 Lohnerhöhung 38 Prozent
Auch damals galt eine Übergewinnsteuer als Mittel, Manager, Konzerne und den Markt für alles Elend zur Kasse zu bitten.

Wie entlasten, ohne dass es etwas kostet? Wen entlasten, ohne dass es den Falschen hilft? Und wann ist es Zeit dazu, um möglichen Hungeraufständen und Wutprotesten die Spitze zu nehmen, zu denen der linke und der rechte Rand jetzt schon gemeinsam alle Staatsfeinde im Land aufrufen? 

Es sind keine einfachen Wochen im politischen Berlin, jener kleinen, relativ aufgeräumten Insel mit Festungscharakter, die wie das gesamte Land geplagt wird von explodierenden Baukosten, Sorgen um die wachsende Akzeptanz von Antisemitismus und konzertierten Angriffen auf die führendsten Repräsentanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, mit denen das gesamte demokratische Gemeinwesen sturmreif geschossen werden soll. Im Kanzleramt, im Finanzministerium und in den Ressorts Innen, Wirtschaft, Klima, Landwirtschaft und Außenamt wird seit den letzten Entlastungsbeschlüssen vom Februar engagiert über nachfolgende Rettungspakete nachgedacht.

Bausteine zur Befriedung

Der Kanzler brachte zuletzt die “Bürgergeld”*-Idee aus dem Koalitionsvertrag wieder ins Gespräch, die zuvor schon der Arbeitsminister zusammen mit der eigentlich beerdigten “Klimaprämie”* aus den Wahlprogrammen von Grünen und SPD gegraben hatte. Die Umbenennung gilt als  langjähriger Wunsch vieler Sozialdemokraten, in der Energiekrise wird ihr zugetraut, viele Herzen zu wärmen. Auch das aufgebohrte “Wohngeld”*, das künftig eine Übernahme auch von Heiz- und Duschkosten durch den Staat vorsieht, gilt als Baustein zu Befriedung des Teils der besorgten Bürgerinnen und Bürger, die noch nicht an die Wutprediger  und Putin-Propagandisten verlorengegangen sind.

Ob es aber reicht, die Masse mit Worten zu speisen, steht infrage. Ein Blick in die deutsche Geschichte zeigt, dass es auch der Regierung von genau hundert Jahren nicht leicht fiel, Ruhe und Ordnung angesichts explodierender Preise und eines eilig erodierenden Wohlstands zu wahren. Lange versuchte man es auch damals mit kleiner Münze und im Vertrauen darauf, dass die Medien im Staate falschen Positionen keine Plattform bieten würden. Doch es reichte nicht. Die Inflation galoppierte, die konzertierten Aktionen von Kabinett, Sozial- und Medienpartnern verpufften. Am 18. August 1922 schließlich hatte Reichskanzler Joseph Wirth ein Einsehen: Der Staat würde nicht mehr Kleckern, sondern Klotzen.

Große Münze für alle

Und wie. Regierung und Vertreter des Öffentlichen Dienstes einigen sich an jenem historischen Tag auf Gehaltserhöhung für laufenden Monat August, die für Arbeiter bei 12 Mark pro Stunde Aufschlag lag und für Beamtinnen und Beamte einen “Teuerungszuschlag” von 120 Prozent vorsah. Im Schnitt lag  das Lohnplus damit bei 38 Prozent, ein Ausgleich für die inflationsbedingten Lasten, die sich das damalige Deutsche Reich sich rund 127 Milliarden kosten lassen wollte.

Wichtig war das vor allem als Zeichen. Der Staat ist stark, er wird sich den Kräften, die gegen den Euro spekulieren und darauf setzen, mit Hilfe hoher Preise Unruhe zu schüren, nicht ergeben. Niemals! Zwar kritisierten Gewerkschafter hernach immer noch, “daß das Angebot der Regierung den Teuerungsverhältnissen nicht entspricht”. Aber zumindest ein “Mindestmaß” war erreicht, den “Druck der Verhältnisse” und die “große Notlage” im Land durch die umgehender Verteilung von Barmitteln an alle Bedürftigen zu mindern.

Noch ein Jahr bis zum Zusammenbruch

Wie Neun-Euro-Ticket, Tankrabatt und der fortgesetzte verbale Verweis auf kommende noch viel größere Großzügigkeiten des Staates war auch die Einigung auf 38 Prozent Gehalts- und Lohnplus vor hundert Jahren  nur als eine vorläufige Regelung. Um die neuen Ausgaben zu finanzieren, erhöhte die damalige  Reichsverkehrsverwaltung ihre Tarife um 50 Prozent, auch die Reichspost schraubte ihre Preise hoch, desgleichen taten Unternehmen, Verwaltungen und Institutionen. Dadurch war auch die Erhöhung der Dienstaufwandsentschädigung der Minister gleichzeitig mit den Gehaltserhöhungen der Beamten und den Arbeitern und Angestellten im Staatsdienst möglich. Es gelang durch das entschlossene Rettungspaket, die als “wirtschaftliche Katastrophe” empfundene Situation entschieden zu mildern. 

Erst ein knappes Jahr später brach alles endgültig zusammen.

*®© Bundesworthülsenfabrik (BWHF)

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