Gemeinsinnsender: Die Schamlosen im Selbstbedienungsladen

Das Vorbild war Angela Merkel, die damals, auf der Zielgerade ihrer Laufbahn, ihren Parteivorsitz niederlegte, um ihre Kanzlerschaft über die Zeit zur retten. Nichts ist schwerer als solch ein Rückzug aus einer unhaltbar gewordenen Position. Aber nichts geht auch häufiger schief: bei Patricia Schlesinger, bis eben noch ARD-Vorsitzende und bis vor ein paar Stunden auch Chefin des RBB, versuchte die Merkelung, indem sie ihren- automatisch zugewiesenen – Posten an der Spitze des ehemaligen “Ersten” (ARD-Werbung) räumte, um ihre Kritiker zu besänftigen.  

In goldenen Palästen

Die aber, alte, böse Männer, zornige Gebührenzahler und von Pandemie, Krieg und Erdgaskrise gelangweilte Skandalisierer und Neider, legten nach: Schlesinger habe nicht nur VetternNichtenwirtschaft betrieben, gemeinsam mit anderen ihren Mann mit Aufträgen versorgt und sich private Abendessen vom Sender bezahlen lassen. Sondern die Chef-Etage im RBB-Hochhaus mit Öko-Parkett für etwa 17.000 Euro, einem Massagesessel für fast 1.300 Euro, einer bepflanzte n Wand mit Auto-Bewässerung für  7.700 Euro und Designer-Möbeln für 60.000 Euro ausstatten lassen. Insgesamt sollen 660.000 Euro fällig geworden sein – die Jahres-Demokratieabgabe von etwa 35.000 Gebührenzahlern. 

Beinahe 15.000 GEZ-Verpflichtete werden zudem gebraucht, Schlesingers Gehalt zu zahlen, auch wenn das verglichen mit dem des WDR-Chefs Tom Buhrow bescheiden ausfällt. Um Buhrows Anstrengungen abzugelten, müssen 20.000 Rundfunkgebührenzahler ran. Danach erst kann der größte aller ARD_Sender noch mal “Kochen mit Martina und Moritz” und noch mal “Mord mit Aussicht” zeigen.

Der Griff in die Kasse hat Tradition

Obwohl der Griff in die Kasse im Gemeinsinnfunk Tradition hat, war die Frau aus Niedersachsen, im Zuge der Besetzung aller ostdeutschen Posten mit erfahrenen und verlässlichen Demokraten aus den alten Ländern an die Spitze des Ostsenders aus Berlin-Brandenburg gerutscht, nicht mehr halten. Dass der RBB für sie seit 2017 Autos im Wert von etwa 150.000 Euro nebst Chauffeur mietete, damit die Chefin sich zur Physiotherapie und zum Einkauf gefahren werden kann, erinnert an die Zustände spätrömischer Dekadenz, die in den 90er Jahren beim Mitteldeutschen Rundfunk zur Hauskultur gehören. Weinkeller, pompöse Partys, Börsenspekulation mit Gebührenmillionen – was damals bei gutgläubigen Zuschauern für Entsetzen sorgte, wird heute mit einem Achselzucken hingenommen. 

Wer hätte denn etwas anderes erwartet? Sender, die nach dem Prinzip finanziert werden, das bauarbeitende Laien vom Gipsmischen kennen – erst zu wenig Wasser, dann zu wenig Gips, dann wieder zu wenig Wasser und immer so weiter – haben die Angewohnheit, für ihre speziellen Wünsche immer mehr Geld zu benötigen, um immer Programmauftrag ausführen zu können, den sie sich mit immer mehr Geld ausdenken. Selbst mehr als acht Milliarden Euro im Jahren längst nicht mehr, denn es gilt nebenher ständig neue Prunkpaläste und Zwingburgen aus Glas und edlem Eisen zu bauen, privaten Zeitungen mit eigenen Internet-Newsportalen das Wasser abzugraben und der privaten TV-Konkurrenz die begehrten Sportrechte wegzuschnappen, in dem man einfach mehr bietet.

Die Rettung der Demokratie

Wenn das Geld nicht reicht, ist das nie ein Problem gewesen. Dann kommt die mit alten Wegbegleitern besetzte Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs und die Kumpels, allesamt ehemalige GEZ-Mitarbeiter, Politiker und Funktionäre obskurer Verbände, kommen nicht umhin, zur Rettung der Demokratie mehr Gips ins Wasser zu kippen. Das ist so normal wie die staatliche Finanzierung bürgerschaftlichen Engagement in hauptberuflich ausgeübten Vereinsvorsitzen und die Spendierhosen der Gesellschaft für die Parteistiftungen. Niemand kann daran noch etwas Verwerfliches finden. “Mir doch egal, mir doch egal, wenn’s schmeckt, schlagen wir zu”, sang Reinhard Lakomy MItte der 70er Jahre.

Nehmen, was geht, greifen, was man halten kann und das, obwohl es bei der letzten Erhöhung denkbar knapp war mit der gesamtgesellschaftlichen Zustimmung.  Gemeinsinnwirtschaftler wie Patricia Schlesinger, Tom Buhrow oder der als Spiegel-Chef im Kampf gegen Donald Trump gescheiterte Klaus Brinkbäumer, der dann einfach beim MDR unterschlüpfte, sind von ihrer eigenen Außenwirkung nicht zu irritieren. Dass die Sender mehr Geld umsetzen als der größte private Medienkonzern im Land und mehr Geld einnehmen als alle privaten Verlagshäuser zusammen, führt in den Chefetagen nicht zu Demut, sondern zur Überzeugung, dass eine andere Welt überhaupt nicht vorstellbar ist. 

Ohne Scham

Die dicken Dienstwagen, die Schlösser, das Bioparkett, die handgenähten Gerechtigkeitsschuhe, all das steht einem zu als Soldaten in der vordersten Front des Kampfes gegen “Hetze, Hass und Zweifel” (Claus Kleber), es ist Schmerzensgeld und Entschädigung dafür, dass man sich Tag und Nacht im Dienst der Gesellschaft aufreibt, die Demokratur verteidigt und den Falschen keine Plattform gibt.

Patricia Schlesinger sendet diese Botschaft noch als ihre letzte aus, vertrieben von üblen Nachstellungen und persönlichen Gegner, die auch Gegner unserer Ordnung sind. Die RBB-Chefin geht ungebeugt, ohne jedes Schuldeingeständnis und sie zeigt nicht einmal symbolisch den Hauch einer Einsicht, dass die großfürstliche Amtführung beim Mini-Sender RBB Teile der Bevölkerung beunruhigen könnten. Im Gegenteil. 

Ein finanzieller Abschiedsgruß

In ihrer Rücktrittserklärung lehnt sie ein sofortiges Verlassen ihres Postens ab. Gemäß der “vertraglichen Regelung” erfolge ihre Kündigung vielmehr “unter Beachtung einer Ankündigungsfrist von sechs Monaten zum Monatsschluss mit Wirkung zum 28. Februar 2023”. Bis dahin wird der RBB die Vorsitzende des Aufsichtsrates der ARD-Produktionsfirma Degeto Film weiterhin bezahlen müssen, wenn man sich nicht anderweitig handelseinig wird. Schlesinger hat die Hand ausgestreckt, um um noch einen finanziellen Abschiedsgruß mitzunehmen: Sie sei bereit, “diese Frist zu verkürzen, wenn es sich um einen vertragsmäßigen Verzicht handle”, hat ihr Anwalt ein Angebot formuliert, sich sofort auszahlen zu lassen.

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