Vorwärts in die Vergangenheit: Ein energiehungriges Europa steigt auf Kohle um

Von Mátyás Kohán | Europa möchte von unsicherem russischen Gas auf Kohle umsteigen – aber die ernüchternde Realität ist auch der Weg zurück zum Kohlemarkt.

Deutsche Doppelmoral

Es gibt keine Krise, für die die deutschen Grünen keine moralisierende Lösung finden können: Die grüne Bundestagsabgeordnete Kathrin Henneberger besuchte kürzlich das Kohlebergwerk El Cerrejón in Kolumbien – vermutlich mit dem Flugzeug – um die Umweltauswirkungen des Kohle-Tage-abbaus zu untersuchen. Hier kündigte sie an, dass „die Mine einen erheblichen Einfluss auf die Region in Bezug auf Trinkwasser und Luftverschmutzung hat“, da täglich 23 Millionen Liter aus der umliegenden Halbwüste durch den Minenbetrieb abgesaugt werden.

Bei all dem gibt es nur einen Makel: Die deutschen Grünen sind in einer Regierungskoalition mit Olaf Scholz (SPD), der russische Kohleimporte – vor allem aus Kolumbien – ersetzen möchte.

Aufgrund der Gaspreisexplosion und der Gasknappheit, die sich im Zusammenhang mit dem russisch-deutschen Embargo-Gaskrieg entfaltet, steigt aber auch der Kohleverbrauch in der Europäischen Union, die zuvor die Kohle vollständig verbannen wollte.

Zurück zu Kohlekraftwerken in Deutschland und Europa

Und gerade ehemalige Öko-Vorreiter wie Deutschland, Österreich oder die Niederlande reaktivieren nun wieder ihre Kohlekraftwerke, um die materiellen Schwierigkeiten beim Betrieb von Gaskraftwerken irgendwie auszugleichen.

In Deutschland etwa wurde das Kohlekraftwerk Bexbach (um welches herum das letzte Kohlebergwerk 2012 geschlossen wurde), welches im vergangenen Jahr nur 319 Stunden im Jahr in Betrieb war, hochgefahren und rekrutiert wieder Mitarbeiter, teils aus dem Ruhestand.

Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert für dieses Jahr, dass in Europa der Kohleverbrauch um sieben Prozent steigen wird, nachdem er im vergangenen Jahr um 14 Prozent gesunken war. Das ist das Zehnfache des globalen Verbrauchs um 0,7 Prozent, während die Welt dieses Jahr voraussichtlich wieder ihren Rekord-Kohleverbrauch aus dem Jahr 2013 erreichen wird.

Europa, das sich in einem Ökologisierungsprozess befindet, wird daher in Bezug auf seinen aktuellen Energiemix auf der Weltbank der Schande sitzen. Im Gegensatz dazu wird nämlich weltweit die Menge an Strom aus erneuerbaren Quellen (und nicht aus Kohle) am stärksten steigen (um 10 Prozent), wobei die fossile Energieproduktion um ein Prozent sinken wird – wie es in dem Bericht heißt. Dies führt aber dazu, dass die Stromerzeugungs-Emissionen weltweit nicht steigen, sondern um leicht unter 1 Prozent sinken. Nur in Europa wird das nicht der Fall sein, obwohl das erwartete Wachstum der Stromnachfrage weltweit auf 2,4 Prozent, durch das Wachstum auf dem alten Kontinent aber von nur 0,6 Prozent stark nach unten gedrückt wird.

Europäische Kohle-Sanktionspolitik gegen Russland: Preissteigerungen sind die Folge

Auch Europa hat in diesem Bereich eine Sanktion erfunden, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu verringern: Im April es ein Embargo gegen russische Kohle angekündigt, das am 10. August in Kraft treten wird. Die zwei Millionen Tonnen russischer Kohle, die in diesem Monat eingetroffen sind, werden daher in absehbarer Zeit die letzten sein, die den europäischen Markt erreichen.

Russlands Anteil am europäischen Kohlemarkt, der im Jahr 2000 nur 21 Millionen Tonnen und 11 Prozent betrug, aber bis 2021 auf 68 Millionen Tonnen und 50 Prozent angewachsen ist, kann nun vom Weltmarkt, Indonesien, Südafrika und Kolumbien abgelöst werden – mit steinharter Konkurrenz zum Beispiel mit Indien, das ebenfalls um 7 Prozent wächst und ebenfalls langfristige Kohlelieferverträge hat.

Darüber hinaus wird hochkalorische Kohle, die den europäischen Erwartungen entspricht, von Ländern, die sich auf die Gewinnung von meist minderwertigen Produkten spezialisiert haben, zu brutalen Preisen in die EU verkauft. Wie brutal dieser Preis sein wird, ist bereits ersichtlich: Der europäische Benchmark-Kohlenstoffpreis, API2 in Rotterdam, lag am 2. August letzten Jahres bei 89 US-Dollar, bewegte sich bis zum Ausbruch des Krieges bei etwa 100 US-Dollar, erreichte im März 400, im Juli 300 und seitdem sind rund 360 US-Dollar – fast das Vierfache gegenüber dem Vorjahr.

Der Grund ist einfach: Die europäische Nachfrage, die durch das russische Kohlenstoffembargo ausgelöst wurde, betrifft Länder, die uns in einem angespannten Marktumfeld weniger belieferten.

Europas Ökologisierungspolitik ist jetzt kontraproduktiv

Und das Marktumfeld ist zum Teil wegen uns angespannt: Diejenigen, die bereits in Kohle investiert haben, sind jetzt weit verbreitet, aber aufgrund der EU-Ökologisierungspolitik gibt es fast keine neuen Investitionen in Kohle, so dass die Preise längerfristig hoch sein werden.

„Wer hätte gedacht, dass schmutzige alte Kohle der Rohstoff mit der besten Performance an den Börsen im letzten Geschäftsjahr und der bisher leistungsstärkste Sektor in diesem Jahr sein würde?“ ‑fragt sich Peter O’Connor, Senior Analyst bei Shaw & Partners, und fügt hinzu: „Niemand baut Kapazitäten auf, so dass der Markt aufgrund von Wetter und Covid angespannt bleiben wird. Der Preis wird daher länger höher bleiben, wahrscheinlich bis weit in das Kalenderjahr 2023 hinein.“

Logistikprobleme

Der größte Teil der Kohle kommt in Europa über niederländische Häfen an und wird dann mit dem Schiff auf dem Rhein weiter transportiert. Allerdings: Aufgrund der Trockenheit ist dieser an einigen Stellen nur noch 65 Zentimeter tief ist, und hat nur mehr sehr eingeschränkte Schiffbarkeit. Dadurch aber nähert sich in den europäischen Häfen die Menge der gelagerten Kohle dem Maximum. Bald könnte trotz hohen Bedarfs der Industrie keine zusätzlichen Vorräte mehr angelegt werden.

Kohlekrise in Deutschland am gravierendsten

Die Kohlekrise wird am stärksten in Deutschland zu spüren sein, das 37 Prozent des europäischen Stein- und Braunkohleverbrauchs ausmacht, wo aufgrund des das vergangenen windstillen Jahres Gas teurer wurde, so dass 28 Prozent der Stromerzeugung durch Stein- und Braunkohle gedeckt wurden. Dies hat auch dazu beigetragen, dass die deutschen Kohlendioxidemissionen im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent gestiegen sind und selbst jetzt möglicherweise nicht in das 257-Millionen-Tonnen-Kohlenstoffbudget des Stromerzeugungssektors passen.

Insbesondere die Stahl- und Chemieindustrie wird der wichtigste Wirtschaftsmotor Europas sein.

Die Stromerzeugung ist weniger, weil die heute in Betrieb befindlichen Kohlekraftwerke dem Klimaministerium versicherten, dass es ihnen gelungen sei, genügend Kohle für den Winter zu sammeln.

Angespannte Lage in Polen

Gefährlich ist die Situation aber auch in Polen, das ansonsten reich an Kohlebergwerken ist, wo weiterhin zwei Millionen Haushalte mit Kohle beheizt werden und jeweils 33 Tonnen Kohle in einem Winter verbrennen. Die Regierung von Morawiecki erleidet erheblichen politischen Schaden durch ihre Unfähigkeit, die Kohlereserven des Landes wieder aufzufüllen – nicht zuletzt wegen des russischen Kohleembargos, da bezüglich Kohle, Polen eine Ausnahme von der Entrussifizierungspolitik gemacht wurde, und sieben Millionen Tonnen Kohle pro Jahr importiert werden, um diesen Bedarf zu decken.

Nach Expertenschätzungen könnten im Winter etwa 1–2 Millionen Tonnen Kohle im Land fehlen, und die Regierung wird diesen Mangel an mehreren Fronten überwinden: Auf der einen Seite schickt sie mehr als 600 Euro Złotys an jeden Haushalt, der mit Kohle heizt, um zu versuchen, trotz der gestiegenen Preise irgendwie Kohle zu kaufen. Bis zum 31. August hat sie staatliche Unternehmen angewiesen, 4,5 Millionen Tonnen Kohle zu lagern, und setzte die Qualitätskriterien für Kohle, die an die Öffentlichkeit verkauft wird, für 60 Tage aus. Stellt sich nur die Frage: Kann man diese Probleme nur mit Geld angehen, wenn es einfach keine Kohle geben wird? – Oder wenn ja: Wie schnell wird der Preisvorteil der Kohleverstromung gegenüber brutal teurem Gas verschwinden?

Dieser Artikel erschien zuerst auf mandiner.hu, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.

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