Der Politsumpf

Erinnert sich noch jemand an den Fall Chorherr? Dieser grüne Wiener Gemeinderat, der gegen großzügige Spenden von Leuten, deren Namen man immer wieder in solchen Zusammenhängen hört (Hemetsberger, Benko), in deren Sinn auch mal gegen die eigene Parteilinie stimmte? Der von der Stadt Wien seinen Verein üppig fördern ließ, ohne Belege vorzulegen, über die Förderungen aber, da selbst im Gemeinderat, positiv abstimmte, sich also Hunderttausende an Steuergeld selbst zuschob? Immerhin einer der Knüppel, über die die Grünen vor der Nationalratswahl stolperten.
Wo war da die rote Empörungsmaschine, das sofortige Sprengen der Wiener rot-grünen Koalition? Wo tobten sich „Falter“ und „ORF“ in Sonderausgaben und Sondergesprächsrunden genüsslich daran aus und erklärten das (nicht nur im Suff erträumte sondern jahrelang aktiv gelebte) Fehlverhalten Chorherrs zum „typischen Sittenbild der Partei“? Wo war da die grenzüberschreitende Sorge um die Demokratie und den Missbrauch von Macht?
Es ist erst eineinhalb Jahre her, und keinem fällt auf, dass der dicke Brocken, der damals real passiert ist, weit schwerer wiegt als das Gesabbel besoffener Machtgeiler, die bei dem Spiel auch gerne mittricksen wollten und vor einer vermutlichen russischen Milliardenerbin dicke Eier und eine lose Zunge bekamen.
Jaja, liebe Whataboutismus-Blöker, es geht nicht um Relativierung sondern um Klarstellung. Die blauen Trottel sind Trottel, nur wenn sich jetzt die anders gefärbten Trottel darüber aufplustern, ist das eine Mischung aus Peinlichkeit und Realsatire. Meine oft genug ventilierte Einschätzung der moralischen Minderwertigkeit und intellktüllen Unterbelichtung des Durchschnittspolitikers in den oberen Rängen der Staatsmacht wurde ein weiteres Mal bestätigt; jetzt so zu tun als wären da zwei blauen Idioten die einzigen Idioten in dieser machtgeilen Klapsmühle, wäre mehr als Realitätsverweigerung.
Denn das Einzige, was wirklich passiert ist, ist die nun auch für Leichtgläubige sichtbare komplette Entzauberung der selbsterklärten „Saubermänner“ und die nur für Menschen mit Obrigkeitsglaube wirklich überraschende Erkenntnis, dass die FPÖ eine Partei ist wie jede andere auch, sich der gleichen Mittel bedient und getreu dem universell gültigen Peter-Prinzip die gleichen Idioten in ihren (besonders den vorderen) Reihen hat. (Daher auch meine seit Jahren immer wieder bestätigte Erkenntnis, dass die Parteien selbst das Grundübel der repräsentativen Demokratie sind und nur eine direkte Demokratie und ein Verbot jeglicher Cliquenbildung, eine Regierung aus Experten unter strenger Aufsicht eines mit allen Machtmitteln ausgestatteten Parlamentes direkt gewählter Volksvertreter Heilung bringen kann – man wird ja noch träumen dürfen…)
Wenn aber aus der Lucona-SPÖ (die mit Meidlinger und Co. momentan mehr als ein sehr glühendes Eisen im juristischen Feuer hat und in Wien offenen Medienkauf betrieben hat) und der Strasser-ÖVP (neben einigen anderen g‘schmackigen Gestalten) und von den Chorherr-Grünen (nebst ihrer Glückspielprinzessin) jetzt Empörungsschreie ertönen, dann ist das mehr als nur lächerlich. Vom Pilz, der sich durch Mandatsschacher am Rande der Illegalität aus einem laufenden Verfahren in die Immunität geschlichen hat, will ich gar nicht erst anfangen.
Das Sittenbild der österreichischen Politik wurde durch Strache und Gudenus nicht beschädigt, sondern nur dessen bisher eher erahnte Allgemeingültigkeit bestätigt. Es hat sich nur gezeigt, dass die Blauen um nichts besser sind als der Rest. Wenn der Rest darüber kreischt, hat das höchstens Belustigungspotential.

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