Euro-Krise 2.0: Ein ganz anderes Niveau

Spanien, Frankreich und Deutschland und sogar die Euro-Zone als Ganzes, sie waren damals, als die Euro-Krise begann, zumindest noch in der Nähe der Schuldengrenze, auf die sich die EU-Staaten im Vertrag von Maastricht geeinigt hatten. “Der öffentliche Schuldenstand darf nicht mehr als 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes betragen“, heißt es da bis heute, eine Vorgabe, die Staaten wie Griechenland und Italien seinerzeit nicht einmal unter Anrechnung eines hypothetischen Verkaufs von Inseln oder Lagunenstädten erreicht hätten.  

Eine amerikanische Krise

Mussten sie auch nicht, denn flugs eilten die anderen Partner zur Hilfe herbei. Milliarden flossen von irgendwo nach anderswo und gleich wieder zurück, die “amerikanische Krise” (Peer Steinbrück) war auf einmal eine der EU und noch viel schlimmer dazu. Steigt das Ausfallrisiko von Krediten, steigen auch die Zinsen, die als Ausfallversicherung verlangt werden. Je höher aber die Zinsen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die, die kein Geld haben, ihre Schulden nicht zurückzahlen.

Das wacklige Gebilde aus ehrlichen Teilnehmern, Bilanzfälschern, Tricksern, Täuschern und Eingehungsbetrügern wurde letztlich durch ein Kombinationsmedikament gerettet. Es sei von nun an egal, was alles kostet, verkündete Mario Draghi, damals Chef der Europäischen Zentralbank. Man werde alles, was an Rechnungen kommt, mit neuem Geld bezahlen, aber niemals mehr Zinsen. Wer nun kein Haus mehr baute, keine Insel kaufte oder sich wenigsten seinen Pool grub, hatte die neue Normalität nicht verstanden. Allen anderen streckten die “Länder des Nordens”, die später als “die Sparsamen” mangelnden Solidarität verdächtigt wurden, die Hand entgegen und die ausstehenden Zahlungen auf Tage und Wochen nach dem Erreichen des kompletten Energieausstieges im Jahr 2050.

Der Wille zur Null

Der Wille zwang die Zinsen über ein ganzes Jahrzehnt auf Null. Leihen, zumal von sich selbst, machte wieder Spaß, die Kassen waren voll und jeder zusätzlich geschöpfte Euro fand schnell Verwendung. Hier ein Wohltat und dort eine Förderung, mal ging es gegen das Klima und mal um Gerechtigkeit, mal war den Armen zu helfen und mal den Unternehmen, mal Krankenhäusern, mal den bemitleidenswerten Streitkräften und manchmal auch sich selbst. Wer viel Geld zu vergeben hat, braucht viel Personal, viel Personal aber muss anständig untergebracht werden. 

Es ist ja auch immer gut gegangen. Die Staatsverschuldung der Länder der Euro-Zone entfernte sich so selbstbewusst, nachhaltig und wortlos immer weiter vom 60-Prozent-Ziel. Zehn Jahre nach geglückter Euro-Rettung steht nun Griechenland wieder dort, wo es war, als die ersten “Rettungspakete” (BWHF) nach “Stunden hektischer Krisendiplomatie” (FAZ) geschnürt worden waren. Zwölf Jahre und 278 Milliarden Euro später ein Teilerfolg, denn verglichen mit Italien, Spanien und Frankreich steht das Land heute wirklich besser da: 2010 lag die griechische Schuldenlast noch beim Dreichfachen von Frankreich und Spanien und beim Doppelten von Italien. Heute liegt Griechenland nur noch schlanke 30 Prozent vor Italien und 60 Prozent über Frankreich und Spanien.

Sparend zu höheren Schulden

Um rund ein Drittel ist die Schuldenlast der gesamten Euro-Zone seit den harten Sparpaketen, der Einführung von Haushaltsdisziplin und strengen Sparrunden gestiegen. Der Schuldenberg der Euro-Zone insgesamt kletterte von den 69,4 Prozent, nach EU-Kriterien ein Wimpernschlag über der Maastricht-Grenze,  auf nunmehr 93,4 Prozent des gemeinsamen Bruttoinlandsprodukts. Frankreich schleppt mittlerweile an einer Schuldenlast von 2,81 Billionen Euro, Italien liegt mit einer Staatsverschuldung von rund 2,68 Billionen dicht dahinter, Deutschland folgt mit 2,5 Billionen, allerdings war das vor den aktuellen Bemühungen, die Kriegslasten abzufedern. 

Für das viele, viele geborgte Geld musste niemand zahlen und wenn doch, dann fast nichts. Mit der anstehenden Zinswende aber wird es dabei nicht bleiben. Die FED in den USA hat ihren Zinssatz Anfang des Monats auf 1,75 Prozent erhöht, um die Inflation zu bekämpfen, die erst nicht kommen wollte und nun wie der Blubb aus der Ketchupflasche klatscht. Die EZB muss folgen, soll der Euro seine traurige Zehn-Jahres-Talfahrt nicht endlos fortsetzen und die Preise damit weiter in die Höhe treiben. 

Differenz von  400 Milliarden

Nun klingt der Unterschied zwischen einem halben Prozent Zinsen und anderthalb Prozent nicht so bemerkenswert. Doch die Euro-Krise 2.0 startet von einem ganz anderen Niveau ist die von 2009. Für Frankreich bedeuteten 0,5 oder 1,5 Prozent Zinsen, 14 Milliarden im Jahr zahlen zu müssen. Oder 42 Milliarden. In einer Wahlperiode macht das eine Differenz von 130 Milliarden Euro. In einem Griechenland-Rettungszyklus mehr als 400 Milliarden. 

Wobei 1,5 Prozent Zinsen bei acht Prozent Inflation sicherlich nicht allzu lange festgemauert werden können. Bei 3 Prozent Zinsen steigen die fälligen Zinszahlungen für Frankreich in einem Jahr schon auf 80 Milliarden, bei 5 Prozent auf 140 Milliarden. Italien und Spanien, aber auch Deutschland stehen ähnliche Zahlungsverpflichtungen bevor. Auf die gesamte Euro-Zone mit ihren 11,7 Billionen Verbindlichkeiten kommen bei einem Prozent Zinsen jährliche Zahlungen von 117 Milliarden Euro zu. Bei drei etwa 350 Milliarden. Und bei fünf schon stolze 500.

Angesichts von zuletzt bereits fehlenden 625 Milliarden Euro zum Ausgleich der Defizite der 19 Euro-Staatshaushalte ist das eine Summe, die selbst mit den besten Bürgen nicht aufzubringen wäre. 

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