Eigenverantwortung

ANALYSE. Von der Coronakrise lernen würde bedeuten, Konsequenzen im Hinblick auf die Energiekrise bereits umzusetzen.

Diesmal hat Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) den Begriff „Eigenverantwortung“ verwendet: Er setze darauf, dass in Eigenverantwortlichkeit Maske getragen werde, wo viele Menschen zusammenkommen, sagte er. Alltagserfahrung lehrt jedoch, dass das nicht funktioniert: Eine Masse orientiert sich ausschließlich daran, was vorgeschrieben ist. Das sitzt so tief, dass die Aufhebung einer Maskenpflicht wie schon ihrer Einführung schlicht als Anordnung verstanden wird, der man sich nicht widersetzen darf. Das ist das eine. Das andere: Die Maskenpflicht ist durchaus unpopulär. Man hält sich daran, weil man muss. Umgekehrt verstärkt das einen sozialen Druck, die Maske nicht mehr zu tragen, wenn man nicht mehr dazu verpflichtet ist. Natürlich: Selbstbewussten Menschen kann das egal sein. Sie tragen Maske, wenn es ihnen notwendig erscheint. Auch wenn sie damit allein bleiben. Die Sache ist jedoch die, dass die Voraussetzungen für Eigenverantwortung denkbar schlecht sind.

Das hat nicht nur mit Obrigkeitshörigkeit oder dergleichen zu tun. Es geht auch darum, dass das Verständnis dafür, was vernünftig sein könnte (und was nicht), unterentwickelt ist. In einer Pandemie liegt das bei 8,9 Millionen Nicht-Virologen in der Natur der Sache. Es ist aber auch vernachlässigt worden, es zu fördern. Zuerst gab es – von Inseraten abgesehen – keine Impfkampagne, dann eine Impfpflicht.

Im Übrigen hat der Staat sehr viele Risiken vergemeinschaftet. Das ist einerseits gut und wichtig, sollte aber umso mehr Aufmerksamkeit auf ein Problem lenken, das damit einhergehen kann: Welches Motiv hat ein Bürger, auf sich aufzupassen, wenn er – „Koste es, was es wolle“ – finanziell abgesichert ist und sich auch darauf verlassen kann, im Falle des Falles die beste Gesundheitsversorgung zu erhalten? Das sind Qualitäten, die geschätzt und daher auch entsprechend gepflegt werden wollen. Die Möglichkeit, schwer zu erkranken und zu einem Long-Covid-Patienten zu werden, bringt jedenfalls noch nicht alle Menschen dazu, trotzdem auf Eigenverantwortung zu setzen.

Bei der Teuerung und in Bezug auf die Energiekrise droht sich Verhängnisvolles zu wiederholen: Die deutlichen Worte des deutschen Wirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne), der seit Monaten von einem Wohlstandsverlust warnt und zum Energiesparen aufruft, sind vor allem so wichtig, weil sie einen Ernst der Lage vermitteln. Der Staat kommt an Grenzen, mehr und mehr kommt es auf den oder die Einzelne an. Das Potenzial eines reduzierten Gasverbrauchs in Privathaushalten mag überschaubar und für sich genommen auch nicht entscheidend sein. Die Appelle machen die 83 Millionen Bundesbürger jedoch zu Beteiligten. Darauf kommt es an.

Das ist gerade auch im Hinblick auf den Moment wichtig, in dem es wirklich ernst wird, also zum Beispiel Gas rationiert werden muss. Es ist dazu angetan, der Vorstellung entgegenzuwirken, dass der Staat dann eine Lösung liefern muss, die er nicht bringen kann (was Unmut und Proteste befeuern würde); und es stärkt im besten Fall die Gesellschaft so sehr, dass die Summ ihrer Mitglieder größere Herausforderungen bewältigen kann.

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