Erinnerungen an den Corona-Wahn. Eine Kurzgeschichte

Von Marius Marx | Es muss Mitte Oktober gewesen sein, etwa gegen 10 Uhr abends. Es war dunkel, windig und kalt und trotzdem schwitzte ich.

Das ist das nervigste an Herbst und Winter: Praktisch nie ist man richtig angezogen. Immer ist die Jacke entweder zu dünn und man friert oder man wähnt sich ausnahmsweise einmal der Kälte angemessen gekleidet, schwitzt dann aber bei den geringsten körperlichen Anstrengungen, sei es Fahrradfahren oder Treppensteigen, als hätte man soeben mindestens drei Stunden im Fitnessstudio zugebracht.

Daran muss ich zum wiederholten Male denken, als ich gerade aus dem Zug steige, der mich nach ausgedehnten Semesterferien in Schweden und Brandenburg soeben von Berlin zurück nach Göttingen gebracht hat.
Weil mein Bus nicht direkt vom Bahnhof fährt, laufe ich in den Händen mit je einer Sporttasche bewaffnet und einem Rucksack auf dem Rücken in Richtung Universität. In Abständen von rund 50 Metern eine Pause einlegend und unter den wahlweise mitleidigen, belustigten, zumindest aber skeptischen Blicken der Passanten, die unter der Woche zu dieser Zeit noch unterwegs sind, gehe ich, d.h. viel mehr schleppe ich mich vorbei an Amtsgericht, Finanzamt und schließlich auch dem Iduna-Zentrum gegenüber der Universität – dem größten Hochhaus der Stadt, das im Volksmund nur „Villa Kuntergrau“ oder „Bunker“ genannt wird – und erreiche gleichermaßen abgehetzt wie durchgeschwitzt die angesteuerte Bushaltestelle. Immerhin reg- net es nicht mehr, denke ich und stelle meine Sporttaschen unter die digitale Anzeigetafel, die mir freundlicherweise verrät, dass mein Bus als Übernächstes kommen wird.

Endlich von dem Gewicht der Taschen befreit, setze ich meine Kopfhörer auf und mich in eine der Sitzschalen. Lange währt die Entspannung jedoch nicht, erblicke ich doch aus Richtung Altstadt schon die beiden angekündigten und nun im Augenwinkel herannahenden Busse. Also beginne ich zu kramen: Semesterticket? Maske? Wohnungsschlüssel? Alles da? Ja, also dann. Innerlich theatralisch aufstöhnend erhebe ich mich schwerfällig, ziehe schon mal die Maske übers Kinn, halte das Semesterticket vorzeigebereit in der Hand, greife die Sportta- schen, laufe zum hinteren der beiden Busse, steige unter prüfenden Blicken des Fahrers ein und setze mich schließlich kurz vor dem Gelenk, also in etwa auf mittlerer Höhe des Busses auf einen der blauen Sitze mit nicht weiter definierbaren gelben Akzenten.

Die Busfahrt verläuft weitgehend unspektakulär. Die wenigen Mitfahrer sind entweder in ihr Handy vertieft, dösen träge vor sich hin oder schauen unbeteiligt aus dem Fenster. Abgesehen vom Motorenbrummen ist es still, niemand unterhält sich, zumindest erreichen mich durch meine Kopfhörer nicht wie sonst vereinzelte Gesprächsfetzen. Alle – mir inklusive – erwecken den Eindruck, als befänden sie sich im menschlichen Äquivalent zum Energiesparmodus, alle scheinen einfach schnellstmöglich ihre Wohnungen erreichen, für sich sein, vielleicht noch du- schen gehen oder sich einen Tee kochen und dann erschöpft in ihr Bett niedersinken zu wol- len. In solchen Augenblicken male ich mir gerne die Leben aus, die diese Menschen wohl führen mögen, stelle mir vor, womit sie ihr Geld verdienen und Überlegungen an, woher sie gerade kommen und fahren könnten, fantasiere über ihre Wohnverhältnisse und stelle mir die Frage, wer wohl auf sie wartet, wenn sie in wenigen Minuten ihre Wohnungstür aufschließen. Ich versuche abzuschätzen, worüber sie in diesem Moment wohl nachdenken, wie sie dem

Zeitgeschehen gegenüberstehen und bin gerade gedanklich damit beschäftigt, die Mitfahrer politischen Parteien zuzuordnen, als mein Gedankenfluss, meine verträumte Zeitvertreibs- Fantasterei jäh von einer scheinbar unbegründeten Fahrtunterbrechung gestoppt wird. Angestrengt aber erfolglos versuche ich mir einen Reim auf den unplanmäßigen Halt am Straßenrand zu machen. Ersatzhaltestelle? Nein, die Türen bleiben geschlossen, ich sehe nieman- den, der Anstalten macht ein- oder auszusteigen. Rote Ampel? Fehlanzeige. Was käme sonst in Frage? Vielleicht ein Krankenwageneinsatz? Auch diese Vermutung kann mit einem flüchti- gen Blick auf die Straße nicht bestätigt werden. Was könnte es sonst sein, das uns hier nicht weiterfahren lässt? Geht es dem Busfahrer nicht gut? Braucht er möglicherweise medizinische Hilfe? Nein, offenkundig nicht. Denn just in dem Moment – als ich leicht verwirrt und mittel besorgt den Gang hinunter in Richtung des Fahrersitzes spähe – erhebt sich dort schwungvoll der Busfahrer von seinem Sitz, stößt sichtlich genervt seine Fahrertür auf und steigt auf den Gang herab. Der Grund für unser plötzliches Anhalten scheint offensichtlich also nicht außer- halb, sondern innerhalb des Busses zu liegen. Dem Anschein nach latent erregt, zumindest aber sichtlich unglücklich, schiebt sich der hagere Mann, den ich grob auf etwa Mitte Fünfzig schätzen würde, nicht sonderlich schnell aber durchaus bestimmt und gezielt Reihe um Reihe nach hinten. Schon beginne ich aufs Neue zu überlegen, was wohl vorgefallen sein könnte, das den Mann so energisch in den hinteren Bereich des Busses zieht, da bleibt er unvermittelt abrupt vor mir stehen und gibt mir mit fuchtelnden Armen zu verstehen, dass ich doch bitte meine Kopfhörer absetzen möge.

Nun beginne ich zu begreifen, dass mir offensichtlich seine ungeteilte Aufmerksamkeit gilt, sein Ausflug aus der Fahrerkabine anscheinend mir gewidmet ist, ja, dass ich womöglich der Grund für die Fahrtunterbrechung bin.
Ich nehme also die Kopfhörer ab und schon geht es los: „HIER HERRSCHT MASKENPFLICHT, ALSO HABEN SIE GEFÄLLIGST IHRE MASKE AUCH RICHTIG ÜBER NASE UND MUND ZU TRAGEN. ANSONSTEN KÖNNEN SIE HIER GLEICH AUSSTEIGEN, JUNGER MANN“.

Erst jetzt bemerke ich, dass ich wie vorgeworfen tatsächlich die Maske unter der Nase und nur über dem Mund trage. Unbewusst habe ich – nach wie vor durch das Taschengeschleppe durchgeschwitzt und überhitzt – die Maske Atemzug um Atemzug langsam unter die Nase abrutschen lassen, um zumindest für etwas Abkühlung zu sorgen.

Ohne jedoch eine rechtfertigende Erwiderung meinerseits ab- bzw. zu erwarten, macht der Mann (wohlgemerkt ohne selber eine Maske zu tragen) prompt wieder kehrt und strebt schlenkernd seinem Fahrersitz entgegen.
Ich bin so dermaßen überrascht über die Szene, die sich vor wenigen Sekunden abgespielt hat, dass ich zu keinem klaren Gedanken fähig bin, vermutlich sogar rot anlaufe und außer wirrem Gestammel vermutlich eh nichts herausbekommen hätte. Einigermaßen fassungslos darüber, dass diese Bagatelle tatsächlich Anlass für den Ausflug des Busfahrers war, versuche ich mich zu sammeln und meinen nun schwirrenden Kopf zu sortieren.

Die müden, durchdringenden und – sofern ich das durch die Masken beurteilen kann – unerfreulichen Blicke meiner Mitfahrer auf mich ziehend und damit also von der verträumten Beobachterrolle zum gepeinigten Beobachteten, zum allgemeinen Gegenstand der Aufmerksamkeit, werdend, versuche ich möglichst abgeklärt wirkend so zu tun als sei rein gar nichts geschehen und setze erst demonstrativ unbeteiligt die Kopfhörer und dann die Maske wieder richtig auf, tippe irgendetwas in mein Handy und hoffe mich so aus dem ungeliebten Zustand des im-Mittelpunkt-Stehens befreien zu können.


Heute weiß ich nicht mehr exakt, was mir damals durch den Kopf ging. Noch die recht frischen Erinnerungen aus den vollkommen maskenlosen Zug- und Busreisen durch Dänemark und Schweden (einzelne deutsche Touristen ausgenommen) im Hinterkopf, habe ich mich vermutlich über die völlig inkohärente deutsche Corona-Politik geärgert. Doch das größere Problem schien mir wahrscheinlich schon damals woanders, schien mir auf eher individueller Ebene zu liegen.

Wie kann es sein, fragte ich mich wohl, dass wir hier in Deutschland trotz modernster Kom- munikationstechnologie noch nicht einmal über die banalsten Vorgänge, das Leben und den Umgang mit der Pandemie selbst in unseren Nachbarländern Bescheid wissen? Wie kann es sein, dass ganz Skandinavien und der größte Teil Osteuropas das Maskentragen in öffentlichen Verkehrsmitteln längst in die Hände der bürgerlichen Eigenverantwortung gelegt hat und es hier in Deutschland nicht nur nach wie vor verpflichtend ist, sondern diese Pflicht auch unter diesen Umständen noch unhinterfragt und aufbrausend von Busfahrern in ihren Fünfzigern verteidigt wird, als ginge es dabei um ihr eigenes Leben.

Es waren Gedanken über diesen genuin deutschen Untertanengeist, diese zwanghafte Obrig- keitshörigkeit, die unbedingte Verweigerung des Selberdenkens, es waren Überlegungen zu dieser Mentalität des nach-oben-Buckelns-und-nach-unten-Tretens, die mir damals durch den Kopf gingen.

Ja, zweifellos war es das, woran ich damals denken musste, nachdem ich wenig später aus dem Bus gestiegen bin, also endlich wieder befreit atmen und denken konnte und mich fragte, was den Busfahrer wohl im Innersten dazu angetrieben haben mag, seinen bequemen Fahrersitz zu verlassen, sich auf den Weg in den hinteren Bereich des Busses zu begeben und dem sein Ausflug tatsächlich so wichtig war, dass er dafür in Kauf nahm die Busfahrt unplanmäßig zu unterbrechen.

Es schien mir nicht allein das Erfüllen seiner behördlich angeordneten Aufgabe gewesen zu sein, die den Busfahrer antrieb. Ich meine, er glaubte zudem unbedingt an den Wert der Pflichterfüllung an sich, an die Pflicht als Selbstzweck. Ihn leitete ein unbedingter Glaube an die Pflicht als eine Orientierung gebende Instanz ohne die die Gesellschaft auseinanderfallen würde. Er war überzeugt, dass einer sich treu bleiben muss, dass einer seine Pflicht ausüben muss.

Es war diese regelgehorsame Pflichtethik, die ihn seinen Sitz verlassen ließ, und es ist dieser Pflichtbegriff, es ist diese kleingeistige deutsche Freude an der Pflicht, die mich ankotzt. Denn Siegfried Lenz` Maler in der „Deutschstunde“, Max Ludwig Nansen lehrt uns: „Gut (…), wenn du glaubst, dass man seine Pflicht tun muss, dann sage ich dir das Gegenteil: man muss etwas tun, das gegen die Pflicht verstößt. Pflicht, das ist für mich nur blinde Anmaßung. Es ist unver- meidlich, dass man etwas tut, was sie nicht verlangt.“

Der Maler hatte Recht: Denn das schlimmste aller Viren ist nicht irgendein Krankheitserreger, nein, das schlimmste aller Viren ist blinder Gehorsam.

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