Scholz‘ Telefonjoker sorgt für Zoff



Auch ein Schlafwandler schlägt mal den richtigen Weg ein… (Foto:Imago)

Die Kriegslüsternheit derer, die noch vor Jahr und Tag jeden über bloße Selbstverteidigung hinausgehende Gewaltanwendung deutscher Auslandstruppen in Afghanistan oder Mali als absolutes Tabu betrachteten und ihre Scheuklappen fest verschlossen, als dieselbe russische Armee in Syrien zivile Ziele attackierte, ist inzwischen so hochgepusht, dass sie Zeder und Mordio schreien, wenn die selbstverständlichsten und naheliegendsten Schritte zur Konfliktlösung in der Ukraine ergriffen werden: Nämlich Dialog und Offenhaltung des Verhandlungsweges. Nichts anderes hat Olaf Scholz mit seinem gestrigen, immerhin 75-minütigen Telefonat mit Putin versucht, und so sehr man den deutschen Kanzler für seinen unsteten Zickzackkurs auch tadeln muss – hier erweist sich sein bis zur Einschläferungsgrenze deeskalierendes Naturell ausnahmsweise einmal als Segen. Denn in Gegenwart Scholz‘ entrollt vermutlich sogar ein Pangolin in Abwehrstellung seinen Schutzpanzer.

Trotzdem muss sich nun der Kanzler, wie zuvor schon Österreichs Kanzler Karl Nehammer oder und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nach ihren Privatmissionen bei Putin, massiver Kritik erwehren, weil er das einzig Vernünftige getan und versucht hat, einen direkten Gesprächskanal mit Putin zu bewahren. Die Devise „Mit wem man spricht, den beißt man nicht“ sollte gerade in militärischen Krisen oberstes Gebot einer basalen Vertrauensbildung sein, doch das ist ausgerechnet im freien Westen offenbar schonen Akt des Defätismus.

Zorn der Etappenhasen

Vor allem schlagen sie Scholz jetzt um die Ohren, dass er – als einzigen pragmatischen und vernunftbasierten Ausweg aus der verfahrenen Kriegssituation – einen Waffenstillstand ins Gespräch hatte, zur „Verbesserung der humanitären Lage und zu Fortschritten bei der Suche nach einer diplomatischen Lösung des Konflikts”. Das schmeckte natürlich der ukrainischen Kriegsführung und den moraldeutschen Etappenhasen hierzulande nicht, die es – ganz nach dem Gusto Biden-Washingtons-  nicht mehr unterm Endsieg über Russland machen wollen. Das ist nämlich der bittere Nebeneffekt der „internationalen Solidarität“ mit Selenskyj & Co.: Mit jedem weiteren Panzer, jeder weiteren Milliarde, jener weiteren Truppenausbildungseinheit steigt das ukrainische Selbstbewusstsein, einen Siegfrieden erringen zu können, und sinkt die Kompromissbereitschaft.

Es ist höchste Zeit, dass die deutsche Politik  zu einer neutralen, realistischen und lösungsorientierten Rolle zurückfindet, statt dem absurden, infantil-naiven Vertrauen einer aufgewiegelten (nur mangelhaft-undifferenziert über den Konflikt informierten) Öffentlichkeit in eine Niederwerfung der nuklearen Supermacht Russland als Kriegsziel Genüge zu tun. Dazu gehört als erstes, sich nicht mehr einseitig von ukrainischen Maximalpositionen (so nachvollziehbar diese aus dortigen Sicht sein mögen) treiben zu lassen und sich nicht länger nach den „Reaktionen aus Kiew” zu richten, die stets „zwischen Kopfschütteln und blanker Wut” (so „Bild”) ausfallen, sobald vom Konfrontationskurs abgewichen wird.

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