Presseschau mal auf Italienisch: Was hält man in Bella Italia von unserer Außenpolitik?

Von Elena Klagges | Ciao Ragazzi, ich bin Elena, 23 Jahre alt und studiere Jura in Münster. Ich bin an der Ostseeküste mit meinen beiden Brüdern aufgewachsen. Hatte aber das große Glück, zweisprachig groß geworden zu sein, weil meine Mutter Italienerin ist. Mami ist in Mailand geboren und in Rom aufgewachsen und wenn sich welche von Euch fragen, wie man dann im Schietwetter in Schleswig Holstein landet, kann ich nur antworten: Amore…

Wir sind immer noch sehr regelmäßig in Italien, weil mein Großvater und die weitere Familie noch dort leben und so nehmen wir das Beste aus beiden Ländern mit. Großer Vorteil: Sollte ich in meinem Chaos auch mal einen Pass verlieren, ich könnte mich zum Glück immer noch mit dem Italienischen ausweisen.
Also falls ihr auch große Fans des italian way of life, der dolce vita seid, habt ihr Glück gehabt, denn ihr seid hier genau richtig. In Zukunft werdet ihr regelmäßig Post aus dem Süden und Insider für Reisen und aus der Küche bekommen.

A presto, Elena


Also, überlegen wir mal, was ist denn zur Zeit so relevant? Die deutschen Schlagzeilen werden weiterhin von dem Ukraine-Konflikt dominiert und es wird vergeblich nach einer Möglichkeit gesucht, sich von den russischen Gas- und Kohleimporten zu lösen.

Doch einige von uns sind so glücklich und können dieser Krisenzeit entfliehen, indem sie sich eine Auszeit gönnen und unser geliebtes Urlaubsland Italien bereisen. Allen voran: Unsere Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel. Anlass genug, sich mal die italienische Berichterstattung genauer anzusehen und herauszufinden, wie über uns Deutsche gedacht wird. Schaut man in die Zeitungen fällt auf, dass sich die Diskussion auf die Fehler der Merkel-Politik konzentriert. 

Die Repubblica berichtet, wie Deutschland ganz nach dem Motto ,,Wandel durch Handel’’ versucht hat, den russischen Bären mit Projekten wie Nord-Stream 1 und 2 in ein regelbasiertes Handelssystem einzubinden. Diese Umgangsart wird im Süden als nostalgische Brandtsche Ostpolitik interpretiert. Über die vergangenen 16 Jahre habe Merkel es geschafft, Deutschland so stark vom russischen Gas abhängig zu machen, dass wir jetzt wie ein ,,nützlicher Idiot Putins’’ dastehen würden. Auch Schröders Stellung bei Gazprom leistete zu dieser Ansicht ihren ganz eigenen Beitrag und mit der anfänglichen Einschätzung von SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz, bei Nord Stream 2 handle es sich um ein rein privatwirtschaftliches Projekt, schien diese Richtung weiter verfolgt zu werden.

Mit dem 100 Milliarden Zuschuss für die marode Bundeswehr, mit dem Deutschland endlich auch das 2%-Ziel der NATO erfüllen wird, scheint allerdings ein Strategiewechsel von der passiven Diplomatie-Politik hin zu einer Realpolitik stattgefunden zu haben. In liberaleren Medien sieht man in den Kriegsfolgen zumindest den positiven Effekt, dass Europa nun langsam ganz nach Platons Lehre: ,,Si vis pacem para bellum’’ (Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor) wieder selber in Waffen investiert und Russland entgegenhält, als nur mit Worten zu antworten. Um auf diese Weise zumindest einen angemessen europäischen Beitrag zur NATO zu leisten und sich im Ernstfall mit gewissem Eigengewicht nicht völlig abhängig von einer amerikanischen Verteilung machen zu müssen.

Auch die Autokritik Steinmeiers der letzten Tage scheint die Aufarbeitung des deutschen Ostpolitik-Kapitels abzuschließen; wenn auch dieses späte mea-culpa Geständnis nicht viel an der Situation ändert. Aber zurück zum dominierenden Thema der Energieimporte: Spätestens seit 2014 mit der Annexion der Krim hätte Deutschland die Aggressivität Russland bemerken, die Gasabhängigkeit zurückfahren und eine Wende in der Russlandpolitik einleiten können. Es brauchte aber erst die Bilder aus Bucha, um – oh sieh einer an, die Verteidigungsministerin Lambrecht meldet sich auch mal zu Wort -, eine ernsthafte Forderung nach einem Gasembargo laut werden zu lassen.

Mit Merkel wurde in den italienischen Zeitungen reichlich abgerechnet, aber von Lambrecht bekommt man in den Medien sehr wenig mit. Und wie Oscar Wilde schon feststellte: „There is only one thing in life worse than being talked about, and that is not being talked about.’’ Deutschland und Italien jedenfalls befinden sich in einer ähnlichen Position. Die beiden Länder sind die größten Gasimporteure Europas, wobei Deutschland 55% seines Gases und Italien immerhin auch 45% aus Russland beziehen. Die Staaten betonen immer wieder, nun schnellstmöglich unabhängig von russischen Lieferungen werden zu wollen und haben Ende März in Berlin beschlossen, bei Versorgungsengpässen einen bilateralen Solidaritäts-Gasliefervertrag zu unterschreiben.

Wie der fatto quotidiano meldet, könnte es Italien allerdings leichter fallen, sich schneller von den Lieferungen zu lösen und die Energiequellen zu diversifizieren. Vor dem Hintergrund, dass das Land schon jetzt auch aus anderen Ländern – wie beispielsweise über die Trans-Adria-Pipeline (TAP) aus Aserbaidschan – Importe bezieht, sollen diese zukünftig deutlich erhöht und auch Kohlekraftwerke reaktiviert werden.

In Deutschland scheint es lediglich Verbraucherhinweise zu geben, so viel Energie wie möglich zu sparen und aus Solidarität zur Ukraine appelliert Joachim Gauck, für die Freiheit könne auch mal gefroren werden. Und auch Finanzminister Lindern verschweigt nicht, dass die Gasimporte momentan noch nicht gestoppt werden können. Kein Wunder, dass Deutschland sich deshalb einem sofortigen Gasembargo immer noch querstellt. Aber wer weiß, was da noch kommen könnte – zur Not: ab nach Italien, da macht es ohne Heizung einfach mehr Spaß. 

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