Kampfansage an den Spargel

Haben Sie in diesem Jahr schon den ersten Spargel gegessen? Ja? Dann sind Sie vermutlich ein alter weißer Mann, der zu feige ist, im Internet Penisbilder zu verschicken. So in etwa sieht zumindest die Spiegel Online-Kolumnistin Margarete Stokowski den gemeinen deutschen Spargelliebhaber. „Der Spargelkult muß enden“, lautet die Überschrift ihrer Kampfansage gegen den „deutschesten aller Götter“. Der Text liest sich wie eine Persiflage auf den modernen linken Feminismus. Wäre er tatsächlich als solche gedacht, man wäre stellenweise geneigt, der Autorin ob ihrer unterhaltsamen Übertreibungen zu applaudieren.

Kostprobe gefällig? Dann guten Hunger: „Der weiße Spargel, der eigentlich und nicht ohne Grund ‘Gemeiner Spargel’ heißt, trägt im Namen das Griechische ‘spargáein’: strotzen, geschwellt sein, übermütig sein, und das wird dann auch so gemacht. Der Spargel hat in diesem Sinne eine integrierende Funktion, unter den Gemüsen aber eine spaltende.“ Wer so etwas schreibt, schreibt entweder ein Kabarettprogramm für alte weiße Männer – oder ernstgemeinte feministische Literatur.

Zwar schmeckt der Autorin Spargel selbst „sehr gut“, sie ißt ihn aber offenbar nur mit äußerst schlechtem Gewissen. Schließlich ist Spargel zwar „ein Superfood“, aber eben auch „der Loriot unter den Gemüsen“, der „komplett überbewertete, alte weiße Mann der Kulinarik“. Man merkt der Feministin ihre innere Zerrissenheit an. So sehr sie doch weiß, daß ihr der „Hype des Spargels“ eigentlich zuwider sein sollte, kann sie sich der Faszination der „blassen Stange“ doch nicht ganz entziehen. Wie gerne wäre sie eine echte Spargelverächterin. „Spargel nicht zu mögen, ist auf jeden Fall schlimmer als zum Beispiel den Text der Nationalhymne nicht zu kennen“, weiß Stokowski. Sie wünscht sich wohl jemand zu sein, auf den beides zutrifft.

Spargel repräsentiert Deutschland

Schließlich ist der weiße Spargel so sehr Symbol für alles, was deutsch und somit schlecht ist: „Wer weißen Spargel kauft, zahlt oft ohne es zu wissen, nicht allein für den Geschmack, sondern auch für die Farbe. Der Anbau von weißem Spargel ist unter anderem deswegen so aufwendig, weil die Erde um den Spargel immer wieder angehäufelt wird und die Ernte extrem pünktlich und unverschämt früh am Tag geschehen muß. Das lieben Deutsche, aber gerade nur so sehr, daß sie diese Arbeit dann doch lieber nicht selber machen, sondern traditionell gern von Polinnen und Rumänen erledigen lassen.“

„Das privilegierteste Gemüse Deutschlands“ dürfte einer Margarete Stokowski also eigentlich gar nicht munden. Und doch tut er es, der kleine weiße Spitzbube. Sie scheint davon peinlich berührt zu sein. Als hätte sie ihr feministischer Arbeitskreis auf der letzten AStA-Party wild rumknutschend mit dem schlimmsten Macho der ganzen Gegend erwischt. Umso heftiger muß natürlich ihre Distanzierung ausfallen. Das wirkt fast schon zu betont angewidert: „Im Internet ist das Spargelposting das Dickpic der Saison. Im Grunde will niemand wirklich ungefragt den Spargel anderer Leute sehen (‘schön einfach mit Butter’), aber gefragt wird nicht. Wer angespargelt hat, berichtet davon.“

Grüner Spargel ist die Rettung

Besonders schlimm ist: Der Ausländer macht mit beim deutschen Spargelkult! „Jede Pizzeria, möge sie noch so orthodox ausgerichtet sein und einen eigenen Kerker haben für Menschen, die nach Ananas fragen, stellt ein Schild raus mit der Ankündigung, daß es hier jetzt auch Spargelpizza gibt“, berichtet die Möchtegern-Spargelverächterin. Sie kann der Versuchung also nicht einmal entgehen, indem sie einen großen Bogen um die letzten Gaststätten mit deutscher Küche in Berlin macht.

Vielleicht schafft die Autorin es ja, ihr moralisches Bauchgrummeln zu beruhigen, indem sie einfach auf grünen Spargel umsteigt. Der ist schließlich „gesünder und muß nicht geschält werden, aber er ist dem bleichen Kollegen an Ruhm weit unterlegen“. Vor allem ist der grüne Spargel nicht weiß. Also denken Sie bei ihrem nächsten Restaurantbesuch daran: Wer grünen Spargel bestellt, entscheidet sich für die Gerechtigkeit.

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