Ansage – Éric Zemmour ante portas!



Französischer Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour (Foto:Imago)

Auch wenn „Corona“ weiterhin unsere Aufmerksamkeit absorbiert, lohnt sich im Hinblick auf potentiell wegweisende politische Ereignisse im Jahre 2022 ein Blick nach Frankreich, wo im April ein neuer Präsident und wenig später eine neue Nationalversammlung gewählt wird. Proteststimmungen haben in unserem Nachbarland längst eine ganz andere Dynamik gewonnen als in Deutschland. Nachdem das klassische französische Parteiensystem bereits im letzten Wahljahr 2017 weitgehend zerfallen ist, steht Präsident Macron gleichsam als letzter Vertreter einer global-kapitalistischen Alternativlosigkeit im Sinne Angela Merkels einer ganzen Reihe von Konkurent(inn)en gegenüber, die man aus deutscher Sicht als „radikal“ bezeichnen würde. Eine Niederlage Macrons würde deshalb das gesamte europäische Spielfeld neu ordnen und hätte somit auch nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf Deutschland. Aus „rechter” Sicht ist dabei besonders der Fernsehjournalist und Buchautor Éric Zemmour eine wichtige Figur, die in Deutschland Hoffnungen und Befürchtungen zugleich weckt. Umfragen sehen den Quereinsteiger im Verfolgerfeld von Macron, mit durchaus realistischen Hoffnungen auf eine Stichwahl gegen den Amtsinhaber. Das sollte Grund genug sein, sich aus einer deutschen nationalkonservativen Haltung heraus einmal näher mit dem Phänomen Zemmour zu befassen.

Grundlage dieser Analyse ist die Lektüre drei jüngerer Bücher Zemmours, die mir aufgrund meiner Kenntnisse der französischen Sprache zugänglich sind: Le suicide français (wörtlich: „Der französische Selbstmord”, besser „Frankreich schafft sich ab”), La France n’a pas dit son dernier mot („Noch hat Frankreich nicht sein letztes Wort gesprochen”) und Destin français („Französisches Schicksal”). Die ersten beiden Bücher schildern Zemmours Sicht auf einen Verfallsprozess Frankreichs, der seiner Meinung nach mit den Pariser Studentenunruhen des Mai 1968 begann und seitdem immer weiter fortgeschritten ist. Diese Rückblicke dienen zur Motivation von Zemmours Präsidentschaftskandidatur, mit welcher er diesen Verfallsprozessen ein Ende setzen will. Destin français ist eine brillant geschriebene Erzählung der französischen Geschichte vom ersten Frankenkönig Chlodwig im 5. Jahrhundert bis zum Algerienkrieg (1954-62) und Charles de Gaulle als erstem Präsidenten der Fünften Republik (1958-69). Dabei gelingt es Zemmour, selbst von scheinbar noch so abseitigen Episoden der Vergangenheit überraschende gedankliche Bögen in die französische Gegenwart zu schlagen.

Unvermeidbarkeit eines Bürgerkrieges

Éric Zemmour wurde lange Zeit von der politischen Rechten außerhalb Frankreichs kaum zur Kenntnis gewonnen, obwohl er für Insider schon lange als ein heißer Kandidat für eine erste rechte Machtübernahme in Westeuropa oder auch für einen europäischen Donald Trump gilt. Dies änderte sich erst in den letzten Monaten, als gerade in offizieller Lesart als „rechtsextrem” geltende Gruppen im deutschsprachigen Raum plötzlich entdeckten, dass sich Zemmour offen zum Begriff des „Großen Austausches” (Renaud Camus) bekennt und gleichfalls offen von der Unvermeidbarkeit eines „Bürgerkrieges” zwischen dem bodenständigen Frankreich und dem Islam spricht. Der Name seiner neuen Partei – Reconquête („Wiedereroberung“) – knüpft an die spanische reconquista des späten Mittelalters an, also die damalige Vertreibung der Moslems von der iberischen Halbinsel, und kann somit im Sinne der Forderung nach einer „Remigration“ heutiger muslimischer Zuwanderer in Europa betrachtet werden. Zemmour bedient auch anti-moderne Reflexe, wenn er immer wieder den Historiker René Girard (1923-2015) mit der Aussage zitiert: „Wir treten in eine Zeit ein, in der uns Karl Martell und die Kreuzzüge näher stehen werden als die Französische Revolution und die Industrialisierung.” Dennoch würde man aus meiner Sicht dem vielschichtigen Phänomen Zemmour nicht gerecht werden, wenn man ihn einfach in die Schublade der „Identitären“ einsortiert, genauso wie auch seine Bewertung als „rechtsradikal“ durch die deutschen Mainstream-Medien die politische Haltung Zemmours nicht wirklich erfasst.

Die innere Widersprüchlichkeit solcher Einordnungen beginnt schon damit, dass Zemmour Jude algerischer Abstammung ist, was ihm einen „völkischen“ Nationalismus offensichtlich unmöglich macht. Seine Herkunft würde ihn viel eher zum Exponenten einer links-liberalen Minderheitenpolitik qualifizieren als zu einem „Rechten”. Die historische Ironie liegt darin, dass sich im Jahre 2022 ein nicht-weißer Migrantensohn durchaus glaubhaft als Vertreter der wahren französischen Nation präsentieren kann, die durch den politisch dominierenden Liberalismus der letzten 50 Jahre einen „französischen Selbstmord“ begangen hat und nun – kurz vor dem Exitus stehend – nur noch von dem sephardischen Juden Zemmour gerettet werden kann. Beides geht zusammen, weil das von Zemmour beschworene traditionelle Frankreich ein starkes Selbstverständnis als politische Willensnation besaß und so – anders als heute – Einwanderer erfolgreich nicht nur integrieren, sondern auch assimilieren konnte. Zemmour verweist in seinen Büchern immer wieder auf seine Schulzeit in der banlieue von Paris, die ihn in den 1960er Jahren zum überzeugten Franzosen formte und auch auf seine Herkunftsfamilie, für die es damals selbstverständlich war, sich in der Öffentlichkeit nicht demonstrativ als Jude oder Algerier zu zeigen, sondern die Sitten der neuen Heimat Frankreich zu übernehmen.

Wunsch nach Rekonstruktion

Nathan Pinkoski hat sich unlängst im Magazin „Cato“ mit der politischen Haltung Éric Zemmours auseinandergesetzt und ist dabei zu dem Schluss gekommen, dass man ihn eher als Linksnationalisten denn als „Rechten” einordnen sollte. Dafür spricht, dass in Zemmours Büchern immer wieder eine eigenartige Sympathie für die kommunistische Partei der Ära de Gaulle anklingt. Die PCF (Parti communiste français) vertrat damals nämlich, während sie auf dem Feld der Wirtschaft klassisch marxistisch agierte, gleichzeitig ein äußerst konservatives Gesellschaftsbild, betreffend etwa das Verhältnis der Geschlechter, und insbesondere eine restriktive Einwanderungspolitik. Nicht nur in Bezug auf de Gaulle und die PCF ist das gesamte politische Denken Zemmours bestimmt von einem Wunsch nach der Rekonstruktion der Trente glorieuse, der „herrlichen 30 Jahre“ von 1945 bis 1975, als Frankreich einen gewaltigen wirtschaftlichen und technologischen Aufschwung nahm, der auf einem korporatistischen Wirtschaftssystem mit einem generösen Sozialstaat und einem hohen Maß an staatlicher Lenkung basierte.

Die ideelle Grundlage einer solchen Politik geht in Frankreich weniger auf irgendwelche Formen des „Sozialismus“ zurück, sondern auf Jean Baptiste Colbert (1618-1683), den Finanzminister des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV, sodass Zemmour seinen eigenen wirtschaftspolitischen Ansatz als „colbertistisch“ beschreibt. Dieses Programm eines „Zurück in die Zukunft” des vorgeblich Goldenen Zeitalters in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg enthält natürlich starke Anklänge an Donald Trump, ein Vergleich, mit dem Zemmour selbst in seinen Büchern immer wieder kokettiert. Wie Trump ist auch Zemmour vor allem durch das Fernsehen bekannt geworden, und wie Trump sieht auch er sich in der Rolle eines populistischen „Anti-Politikers”, der als quasi-natürlicher Repräsentant des Volkes gegen das „Establishment” zu Felde zieht. Der Hauptunterschied zwischen Trump und Zemmour besteht aber darin, dass Zemmour ein sehr viel tieferes Verständnis der politischen Prozesse und der Geschichte mitbringt, als es Donald Trump jemals besaß.

Innere Spaltung Frankreichs

Zemmours militanten Anti-Islamismus, der ihm auch schon mehrere Verurteilungen wegen „Haßreden” eingebracht hat, muss man vor dem Hintergrund der Tatsache verstehen, dass die Masseneinwanderung aus den ehemaligen Kolonien in Frankreich nicht nur Parallelgesellschaften hervorgebracht hat, deren Ausmaß weit über das deutsche hinausreicht, sondern sogar einen „islamischen Separatismus”, welcher die Nation spaltet. Der Ausdruck „islamischer Separatismus” wurde übrigens von Emmanuel Macron in einer Rede verwendet, die er im Januar 2020 in Mulhouse (Mühlhausen im Elsass) hielt, und die einen bemerkenswerten Rechts-Schwenk des Präsidenten markierte, dessen Auswirkungen allerdings in der folgenden Corona-Krise untergingen. Man kann diese innere Spaltung Frankreichs sehr anschaulich erleben, wenn man vom Pariser Gare du Nord aus eine 15-minütige Metro-Fahrt in den Bezirk Saint Denis unternimmt und beim Aussteigen das Gefühl hat, von Europa nach Afrika gereist zu sein. Diese als unwirklich erscheinende Kontrast wird noch vergrößert, wenn man einige Minuten später mitten im neu-französischen „Afrika” eines der größten Nationalheiligtümer Frankreichs betritt, nämlich die Basilika von Saint Denis mit den Grabstätten fast aller französischen Könige von Chlodwig bis Karl X..

Gebiete wie der Bezirk Saint Denis sind schon lange vom französischen Staat aufgegeben worden und befinden sich quasi in einem eigenen Rechtszustand. Solche „separatistischen“ Zonen existieren nicht nur im Umland von Paris, sondern in fast allen größeren französischen Städten. Der innere Friede ist dort nur noch ein brüchiger Waffenstillstand, dessen Aufrechterhaltung ein beständiges Wegsehen des Staats von diesen Zuständen unbedingt erfordert, weil sonst die banlieue mit unberechenbaren Folgen explodieren würde. Dieser Zustand des latenten Bürgerkrieges wurde auch im Oktober 2020 offenbar, als ein islamistischer Fanatiker den Lehrer Samuel Paty in Paris auf offener Straße köpfte, weil letzterer es gewagt hatte, seiner Klasse Mohammed-Karikaturen zu zeigen. Dies war leider keineswegs der schlimmste islamistische Terrorakt im Frankreich der letzten Jahre, aber die Reaktion auf ihn offenbarte eine neue Qualität der gesellschaftlichen Spaltung. An mehr als 800 Schulen verweigerten oder störten muslimische Schüler das Gedenken an Samuel Paty und machten damit deutlich, dass sie sich in ihrem eigenen Verständnis längst in einem Krieg befinden, in dem man über die Toten der Gegenseite nicht trauert.

Napoleonisches Europabild

Éric Zemmour bricht also den französischen Bürgerkrieg nicht vom Zaune, aber er ist bereit, ihn anzunehmen. Die Frage ist, ob der französische Staat überhaupt noch die Stärke für eine solche Kraftprobe besitzt. Der Journalist Laurent Obertone hat in seinem auf realistischen Konfliktszenarien basierenden Roman Guerilla das düstere Bild eines vollständigen Zusammenbruchs der öffentlichen Ordnung Frankreichs innerhalb von drei Tagen gezeichnet, beginnend mit einer unglücklichen Polizeiaktion in der Pariser banlieue. Falls solche Ereignisse tatsächlich eintreten sollten, bliebe auch Deutschland von ihren Auswirkungen nicht verschont. Vor allem könnte eine harte Haltung eines Präsidenten Zemmour gegenüber Einwanderern letztere in großer Zahl nicht nach Algerien, sondern nach Deutschland treiben. Wir hätten dann ein großes Problem mit Gruppen, die sich schon in Frankreich nie integrieren konnten und wollten, obwohl sie durch ihre französische Staatsangehörigkeit und Muttersprache dort sehr viel bessere Chancen dazu hätten als bei uns.

Damit sind wir schon bei dem aus meiner Sicht wichtigsten Punkt angelangt: Den Auswirkungen einer Präsidentschaft Zemmours auf Deutschland. Dabei ist auf den vermutlich größten Schwachpunkt von Zemmours politischem Programm hinzuweisen, nämlich das weitgehende Fehlen einer positiven Vorstellung von Europa. Zemmour sieht die europäischen Nationalstaaten trotz ihrer heutigen Verflechtung durch die EU ausschließlich unter dem Gesichtspunkt eines ewigen Machtgegensatzes wie zu Zeiten Richelieus (1585-1642) und Talleyrands (1754-1838). Europa betreffend zieht sich Zemmour auf Formeln wie „Frankreich ist Europa” und „Köln ist wie Straßburg” zurück und entwirft so ein geradezu napoleonisches Europabild, in dem die französische Kultur und Zivilisation angeblich weit über die Landesgrenzen hinaus dominierend wirken und große Teile Westdeutschlands irgendwie als Teil eines „Großfrankreichs“ angesehen werden müssten. Das ist selbst für einen bekennenden Frankophilen wie mich ein schwer verdauliches Deutschlandbild.

Hinter diesem Ultranationalismus steht eine doppelte Kränkung des französischen Selbstbewusstseins: Das staatswirtschaftliche Modell der Trente glorieuse wurde ab den 1970er Jahren durch die zunehmende Dominanz des anglo-amerikanischen Finanzkapitalismus obsolet. Darauf folgte 1992 der Maastrichter Vertrag, welcher Frankreich keineswegs nur in den Augen Zemmours fast vollständig Deutschland unterwarf. Die beißende Kritik am „Maastricht-Europa” teilen auch der Linken-Politiker Jean-Luc Mélenchon und der ebenfalls linke „Volksphilosoph” Michel Onfray, der in seinem kürzlich auch auf Deutsch erschienen Buch „Theorie der Diktatur” das Maastricht-Europa mit dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus in eine Reihe stellt. Selbst wenn das eine typisch französische Übertreibung ist, sollte diese Kritik übrigens auch von der politischen Rechten in Deutschland ernst genommen werden. Die durchaus berechtigte Ablehnung der gegenwärtigen EU kann sich nicht darauf beschränken, dass wir Deutschen angeblich für die anderen Europäer zahlen müssen.

Gemeinsames Europa jenseits der EU genuin konservatives Ziel

Tatsächlich hat sich in der Amtszeit Angela Merkels durch die zunehmende institutionelle Verschmelzung von Bundesrepublik und EU ein „Deutsches Europa” entwickelt. In diesem Gebilde ist einerseits die Herrschaft über Deutschland jeglicher demokratischer Kontrolle entzogen, weil sie sich nach „Brüssel“ verflüchtigt hat. Andererseits beherrscht in diesem System Deutschland durch seine Wirtschaftsmacht den gesamten Kontinent und zwingt Staaten wie Frankreich und Italien den Euro als eine zu „harte“ Fremdwährung auf, die nicht zur gewachsenen Wirtschaftskultur dieser Länder passt. Die EU-Problematik ist also wechselseitig, und wer den Ist-Zustand mit Recht kritisiert, sollte sich auch Gedanken darüber machen, wie man diese destruktiven Verflechtungen mit möglichst geringem Schaden auflösen kann.

Das führt mich zu einer generellen Kritik an der deutschen wie europäischen Rechten. In ihrem berechtigten Streben nach einer Rückkehr zur nationalen Souveränität wird allzu häufig vergessen, dass eine Gemeinsamkeit innerhalb des wirklichen Europa, also jenseits der heutigen EU, eigentlich ein genuin konservatives Ziel sein müsste. Das ergibt sich schon aus der historischen Tatsache, dass die nationalen Identitäten der europäischen Völker gleichzeitig Bestandteil einer gesamteuropäischen Kultur und Zivilisation sind. Die Einheit Europas besteht in der Vielfalt seiner Völker. Dass die heutige EU die europäische Vielfalt schmählich entwertet und bedroht, darf nicht dazu führen, dass die Souveränisten die Einheit Europas zu einem Feindbild erklären. Darüber hinaus ist eine enge Kooperation souveräner europäischer Staaten in der Weltpolitik des 21. Jahrhunderts geradezu eine Notwendigkeit, weil die einzelnen europäischen Nationen, bei aller ihrer bleibenden Bedeutung, einfach nicht auf Augenhöhe mit Mächten wie der VR China, Russland, den USA und Indien spielen können und sich durch eine Isolation selbst zu Vasallen dieser Giganten erniedrigen würden.

Ein Wahlsieg Éric Zemmours und seiner Partei Reconquête im Frühjahr 2022 würde also der europäischen Rechten zwar einen gehörigen Schub geben, sie aber zugleich vor ungeahnte Probleme stellen. Lassen wir also die Franzosen zunächst selbst über ihre Zukunft entscheiden, und hoffen wir auf neue, interessante Begegnungen mit unseren nahen, aber trotzdem oft allzu fremden Nachbarn nach einem Ende der Corona-Krise.

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