Imperialer Style: Baerbock beim russischen Bären

Die Rebellenprinzessin Leia Organa (l.) stand modisch Pate für den mutigen Auftritt der deutschen Außenministerin beim ehemaligen Kriegsgegner in Moskau.

Es war ein ganz neuer Auftritt, nicht nur für deutsche Verhältnisse. Wie Annalena Baerbock da im hellblauen Bademantel über die Gangway kam, erinnerte sie tatsächlich mehr an den frühen Jean-Paul Belmondo als an ihren unglücklichen Vorgänger Heiko Maas, der mit seinen viel kleinen und viel zu engen Anzügen weltweit den Eindruck erweckt hatte, in Deutschland herrsche noch immer ebenso große Not wie nach dem Zweiten Weltkrieg, zumindest was modische Kleidung anbelangt.

Starkes Statement

Baerbock, seit Wochen auf einer kerosingeschwängerten Rundreise, um den Globus für kommende Generationen zu bewahren, hatte schon beim ersten Ausflug nach Paris gezeigt, dass sie sich an anderen Vorbildern orientiert. Im roten Mantel stand sie vor dem Eiffelturm, sieghaft, aber hochkonzentriert und sich der Kameras gewahr, die ihr ungezwungenes Schäckern mit dem weltbekannten Symbol für die neugierige Weltbevölkerung in gültige Bilder übersetzten.

Für die Sowjets, die die scheidende grüne Parteivorsitzende zum ersten Mal besuchte, hatte sie dann aber noch einmal eine Uniform von ganz anderer optischer Wirkungsmacht mitgebracht. Orientiert am Diplomatenmantel der legendären alderaanischen Stars-Wars-Prinzessin Leia Organa (oben links) trug Annalena Baerbock bei ihren Besuch beim russischen Bären eine grauschwarze Kreation aus Filz, Leder und Fetischfantasie, die, zudem kombiniert mit einer Schutzmaske Ton in Ton, klare Signale setzte: Der Schuldgenerator muss zerstört werden.

Imperialer Style gegen das Imperium

Es war ein Auftritt in imperialem Style, der des Vertreters eines Imperiums, wie es die EU ist, würdig war, gerade bei ein Termin in einem gefallenen Imperium, das sich selbst immer noch am liebsten als eines sehen möchte. Als eine der großen Anführerinnen der Rebellenallianz gegen den russischen Plan, mit einer schmalen Streitmacht von 100.000 Soldaten bereits “Ende Januar” in die Ukraine einzumarschieren, zeigte sie sich furchtlos im Kampf und entschlossen, der Tyrannei des Kreml ein Ende zu setzen. Ganz gleich, ob Russland nur “knapp 100.000” (Merkur), “100.000” (PNN), “über 100.000” (ZDF) oder gar “mehrere 100.000” (Daniela Vates, RND, inzwischen korrigiert auf “gut 100.000”), die deutsche Außenministerin setzte ein klares modisches Statement dagegen.

Sichtlich verstört verzichtete der russische Außenminister Sergej Lawrow auf die üblichen Versuche, Gäste aus dem Westen nervös zu machen oder gar zu widersprechen, als Baerbock die Gelegenheit nutzt, die deutsche Fressefreiheit zu loben, in der es “keinliche Einmischung” der Bundesregierung in Dinge gibt, die sich ganz von selbst regeln. Kühl gehen die beiden Vertreter so unterschiedlicher Positionen miteinander um, hier der gewiefte Politnik aus sowjetischen Zeiten, dort die  umweltbewusste junge Deutsche, frisch im Auftritt, schnell im Kopf und vor allem daran interessiert, eine gute Performance hinzulegen.

Trotz “weiter bestehender Differenzen” (FAZ), die Annalena Baerbock im ersten Anlauf nicht ausräumen konnte, war die “Krisenreise nach Osten” (Tagesschau) ein voller Erfolg. Die Ukraine wird zwar nicht mit deutschen Waffen auf die in wenigen Tagen zum Sturm antretenden russischen Verbände schießen können wie damals die ukrainischen Nationalisten unter Stephan Bandera. Dafür aber wird Deutschland in Kürze ein “Büro für Wasserstoffdiplomatie” in Kiew eröffnen, das dem ukrainischen Wasserstoffrat helfen soll, eine schlagkräftige H2-Wirtschaft in dem Land aufzubauen, das sich längst selbst mit Energie versorgen könnte, das aber einfach nicht hinbekommt.

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